1854_Hacklnder_152_21.txt

muss man nachdenken, mein Kind; ihr hättet schon um acht Uhr eure Milchsuppe essen können, und nun habt ihr bis jetzt gehungert."

"Es war noch ein Stück Brod in der Schublade," erwiderte die jüngere Schwester, "und das haben wir drei gegessen."

Der alte Mann schaute träumerisch an die Decke empor und sagte: "Tante Cloe steht am Küchenfeuer und aus ihrer Bratpfanne hervor dringt der Geruch von was Gutem; sie hat eben noch ein Stück Speck hineingetan und bemerkt, dass der Kuchen sich wunderschön färbt, dass er sich zu einem prächtigen Braun anlässt: darauf hebt sie den Deckel der Backpfanne weg und lässt einen schöngebackenen Pfundkuchen sehen, dessen sich kein städtischer Zuckerbäcker zu schämen gebraucht hätte. – Ah!" fuhr er mit lauterer stimme fort, "es ist etwas sehr Vortreffliches um so einen Kuchen."

Bei dem Worte K u c h e n wandte das Bübchen rasch den Kopf herum und seine Teilnahme für die Milchsuppe wurde augenscheinlich geringer.

"Der Papa spricht von Kuchen," sagte die kleine Schwester zu Clara; "haben wir vielleicht welchen?"

"O nein," entgegnete die Tänzerin in bitterem Tone. "Papa spricht nur einiges vor sich hin aus dem Negerleben von Amerika."

Das Bübchen aber gab sich nicht so leicht zufrieden, sondern er wandte den Kopf herum und rief laut: "hast du Kuchen, Papa? Du hast was von Kuchen gesagt?"

"Ich habe eigentlich nur laut gedacht," versetzte der alte Mann mit einem trüben Lächeln; "ich hatte vorhin gelesen von den armen Negersklaven –"

"Die Kuchen essen?" fragte das Mädchen.

"Allerdings, mein Kind," sagte der Vater träumerisch, "die Kuchen essen und ein warmes behagliches Zimmer haben." Dabei rieb er sich die hände und zog den alten fadenscheinigen Ueberrock fester um seine Schultern.

"Ah!" antwortete das kleine Mädchen, indem sie ihren Kopf auf die hände stützte und in die dünne Milchsuppe schaute, "wenn sie Kuchen essen, so sind sie ja nicht arm. – Wir haben keinen Kuchen zu essen und oft kein warmes Zimmer; also sind wir auf jeden Fall noch viel schlimmer daran."

"Das Kind hat in mancher Beziehung nicht unrecht," sprach kummervoll der alte Mann, indem er seinen blick umherlaufen liess auf den kahlen Wänden seiner wohnung, auf den ärmlichen Möbeln und Betten, und ihn dann auf die kleine Schüssel voll Milch heftete, in welche zwei Kreuzerbrode gebrockt waren, und die ein vollständiges Abendessen abgeben sollte für vier Personen, die bis Abends zehn Uhr gefastet. – –

"So, jetzt ist es angerichtet!" rief die Tänzerin mit lustiger stimme. Sie wollte dadurch alle trüben Gedanken verscheuchen. "Jetzt lass deine Schreiberei sein, Papa, und komm' zu Tisch."

"Das reicht ja kaum für euch aus," entgegnete dieser, "esst nur, esst nur, ich schreibe noch."

Doch blickte er, seinen eigenen Worten widerstreitend, sehnsüchtig nach dem Tische, und als das kleine Mädchen ihm entgegenlief und ihn bei der Hand fortzog, brauchte sie gar keine Kraft anzuwenden, um ihn bis an die Milchschüssel zu bringen.

Die Familie setzte sich um den Tisch herum; Jedes hatte seinen Löffel ergriffen, doch ehe das Abendessen eigentlich begann, musste sich das Bübchen entschliessen, sein gewöhnliches Tischgebet herzusagen. Es faltete die hände und sprach:

"Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne was ich bescheeret hab'."

Es war dies ein Sprachfehler, den man ihm trotz aller angewandten Mühe nicht abgewöhnt hatte, und den er sich heute Abend vollends nicht verbessern liess, denn seine ganze Seele schwamm in der Milchschüssel.

So ging nun das Nachtessen vor sich, und die kleine Familie beim flackernden Scheine der Talgkerze wäre in ihrer Zusammenstellung ein kleines, herrliches Genrebild geworden. Der alte Mann mit dem wohlwollenden freundlichen gesicht, der nur mit grossen Zwischenpausen ass, die junge schöne Tänzerin in dem ärmlichen Kleidchen, das volle schwarze Haar aber frisirt wie eine Fürstin und aus demselben hervor zahllose falsche Brillanten blitzend. Sie behauptete, fast gar keinen Hunger zu haben, und schaute mit dem liebenden blick einer jungen Mutter den beiden kleinen Geschwistern zu, die eine Wette eingegangen zu haben schienen, wer von ihnen zuerst auf den Grund der Suppenschüssel gelange. Wir müssen gestehen, dass sich das Bübchen am Tapfersten hielt, namentlich aber viel Milch schlürfte und die Brocken mehr oder weniger verschmähte. Doch ist hiebei nicht zu übersehen, dass es von dem Stück Brod vor ein paar Stunden das grösste Drittel erhalten.

"Karl, Karl!" sagte Clara, die ihm lächelnd zusah, "du vergisst wieder ganz die geschichte von dem kind und der Eidechse. Das musst du ihm erzählen, Marie."

Und darauf sprach die kleine verständige Schwester: "das Kind sass vor der Haustüre und hatte ein Schüsselchen mit Milchsuppe vor sich stehen, da kam die Eidechse und ass mit, aber die Eidechse trank bloss die Milch und liess die Brocken liegen, da nahm endlich das Kind sein Löffelchen", schlug das Tier auf die Schnauze und rief: "wenn du mitalten willst, so iss auch Brocken, du Ding!"

"So iss auch Brocken, du Ding!" wiederholte Clara und schlug den kleinen Bruder zum Scherz abermals mit dem Löffel, auf seinen milchtriefenden Mund, worüber dieser in