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anfassten, würde all' der Glanz unfehlbar in Nichts zerrinnen.

Auch der alte Mann trat mit grosser Freude an den Platz, wo seine Sachen lagen, und betrachtete den warmen Winterrock mit so grossem Erstaunen, als habe er ihn heute zum ersten Male gesehen. Artur hatte daneben ein Kistchen Cigarren gestellt und eine Spitze von Bernstein, wofür sich Herr Staiger mit gerührten Worten und einem herzlichen Händedruck bedankte.

Clara hatte unterdessen auch von dem anderen Tischchen, auf welchem der kleine Weihnachtsbaum stand, das Tuch weggenommen, und Artur, der allen ihren Bewegungen folgte, sah wohl an ihrem blick, dass dies für ihn sei, wesshalb er eilig an ihre Seite trat. Auf dem Tischchen lag die Cigarrendose, welche sie für ihn gestickt, sowie das Feuerzeug des Herrn Staiger. Der junge Mann nahm das kleine zierliche Geschenk mit wahrer Freude in die Hand, denn als er die eingestickten Perlen und Goldfäden betrachtete, dachte er an die Zeit, wo sie das für ihn gearbeitet, und war überzeugt, dass sie während derselben unzählige Gedanken an ihn und so viel Herzliches und liebes mit hinein verwebt habe. Er sah sie mit einem unaussprechlich süssen Blicke an, und Clara stützte sich mit der Hand auf den Tisch und schlug ihre Augen nieder. Sie wollte lächeln, als er sich nun freundlich bei ihr bedankte, doch zuckte ihr Mund schmerzlich, sie presste die Lippen fest auf einander, und da sie sich dennoch bemeistern wollte, so öffnete sie ihre Augen, um ihn anzusehen, konnte aber nicht verhindern, dass ihr die hellen Tränen über das Gesicht herab flossen.

Artur begriff wohl das schmerzliche Gefühl, welches ihr Herz erfüllte; er wusste ja, dass ihn das Mädchen liebe, innig und treu liebe, und desshalb fühlte er auch, was ihr Inneres bewegte: sie schämte sich ihrer Liebe nicht, aber sie fürchtete sich davor; Clara sah deutlich die Kluft, welche sie von ihm schied, – eine Kluft, die er zuweilen zudeckte mit freundlichen Reden und süssen Worten, wenn er bei ihr sass, die sich aber wieder schwarz und trostlos vor ihrem Blikke auftat, sobald er ferne war. Zuweilen hoffte sie, und wenn sie ganz allein war, baute ihre Phantasie eine glänzende brücke über jenen Abgrund, eine brücke, die sie dann an seiner Hand schauernd betrat, und die sie glücklich in ein wunderbar prächtiges Land führte. – Aber das waren lächerliche Träume, und sie zerscheuchte sie gewaltsam wieder, ohne jedoch in gänzliche Hoffnungslosigkeit zu verfallen. Nur an solchen Abenden wie der heutige, wo sie wusste, er sei bei seiner vornehmen und stolzen Familie, und müsse den Augenblick, den er hierauf bei ihr zubringen wolle, vor den Augen seiner Verwandtschaft verheimlichen, ihnen förmlich abstehlen, wo sie fühlte, dass vielleicht alsdann in seiner Abwesenheit dort ihrer gedacht werden könne mit geringschätzendem Achselzucken, dass man von ihrem liebenden und treuen Herzen spräche, wie von einem Spielzeuge, das nächstens abgenützt und von ihm auf die Seite geworfen würde, in solchen Stunden fühlte sie sich namenlos elend. – Und so heute. –

Das las Artur in dem seltsamen blick ihres Auges, in den langsam herabträufelnden Tränen. Und sollte das arme Mädchen in seinen finsteren Träumen und Jene in ihren hochmütigen Ideen Recht behalten, sollte er dies gute, liebende geschöpf wegwerfen für eines jener kalten und stolzen Herzen, die sich wohl eine Ehre daraus machten, von ihm, dem reichen jungen mann, gewählt zu werden, ohne ihm desshalb mit zärtlicher Liebe anzuhängen! – Sollte er seine Clara verlassen, weil sie eine arme Tänzerin war, weil ihre Verwandtschaft nicht verzeichnet war im goldenen buch der Stadt, weil ihr nicht offen standen die geheiligten Schranken irgend einer Rangklasse, weil ihre Tanten und Basen nicht Sitz und stimme hatten in den Tee-, Kaffee- und Klatschgesellschaften! – Nein, nein! so will ich nicht handeln! dachte sein treues Herz, ich will sie an mich ziehen, fest in meinen Armen halten und mit liebender Sorgfalt über die Klippen dieses Lebens, über die Klippen unserer gesellschaftlichen Zustände führen. – Und werden uns viele solcher Klippen bedrohen? fragte er sich, und sein leichter Sinn antwortete: o gewiss nicht! Man kennt mich, meine Freunde und meine Bekannten schätzen und ehren meinen Namen, sie werden auch das Mädchen bei sich aufnehmen und lieb gewinnen, der ich diesen Namen zu geben für gut befunden, – meiner Frau. – Bei diesem letzten Worte musste er unwillkürlich lächeln, denn es kam ihm so sonderbar vor. Er dachte mit einem Male an seine Junggesellenwirtschaft, an die Zimmer, vollgepfropft mit allerlei Gerätschaften, an die altertümlichen schweren Seidenstoffe, die er zu den Draperien seiner Gemälde brauchte, und die von der Lehne eines alten geschnitzten Stuhles herab hingen und weit in das Zimmer hinein reichten. – Und dazwischen sollte Clara stehen, verwundert all' das Seltsame anstaunend und behutsam auf den Zehenspitzen hin und her schreitend; – ach, und sie schritt so wunderbar auf den Zehenspitzen, das Röckchen leicht gehobendamit sie glücklich zwischen all' dem Chaos durchkomme, ohne hier eine Vase zu berühren oder dort an ein frisches Gemälde zu streifen. – Ja, ja, meine Frau soll sie sein, und ich will sie hegen und pflegen mit liebender Sorgfalt, wie ein Kind, das anfängt, gehen zu lernen. Fort mit allen Rücksichten! Bin ich nicht ein Künstler und desshalb ein freier Mensch? Ich will meinem Herzen folgen