warf das Bübchen ein.
"Das schmerzt mich ordentlich!" rief Artur. "Es ist jetzt zehn Uhr, und ihr habt Alle, auch die armen Kinder, auf mich gewartet?"
"In der Tat glaubten wir, es wäre Ihnen vielleicht möglich, früher zu kommen," meinte der alte Mann.
"O, ich konnte nicht," erwiderte Artur. "Gewiss, ich konnte nicht; ich bin weggegangen, sobald es nur möglich war; ich sagte Ihnen ja auch, bester Herr Staiger, wenn ich um acht Uhr nicht da sei, so wäre ich gezwungen, bis nach dem Souper zu haus zu bleiben."
"Ja, ja, ich denke mir jetzt, Sie haben mir das gesagt: es ist so, gewiss, es ist so. Aber jetzt sind Sie da, und nun wollen wir nachträglich eine prachtvolle Bescheerung halten. Seht, Kinder, wie gut ihr es habt," setzte er lächelnd hinzu, "alle anderen haben ihre Geschenke erhalten und liegen schon in ihren Bettchen; ihr aber habt das noch vor euch."
Clara war in's Nebenzimmer gegangen, um die Lichtchen auf den Bäumen anzuzünden. Artur, der alle Taschen voll Spielzeug hatte, ging ihr nach, nachdem er draussen gebeten, sich noch einen Augenblick zu gedulden, bis er auch mit dem Christkindchen gesprochen. Doch blieb er an der tür stehen und bat Clara, die sich am Tische beschäftigte, sanft um erlaubnis, ihr etwas helfen zu dürfen.
Sie nickte schweigend mit dem kopf und wies ihm auf seine Bitte die verschiedenen Stellen auf dem Tische, wo sich die Sachen des alten Herrn und die der beiden kleinen Geschwister befanden. Dortin legte er verschiedene Paketchen, wandte aber dabei jede Sekunde den Kopf nach Clara um, die mit gesenktem haupt ihre Sachen ordnete. Er fühlte wohl, dass er dem Mädchen wehe getan, und das schmerzte ihn tief. Mit welcher Liebe hatten all' die guten Menschen hier an ihn gedacht und hatten ihr Bestes, ihre ganze Freude des heutigen Abends, für ihn aufgehoben, dass er sie mit ihnen geniessen könne! Und nun war er so lange nicht gekommen; freilich konnte er sich nicht ganz allein die Schuld hievon beimessen, doch musste er sich sagen, wenn er gewusst hätte, dass man ihn so früh hier erwartet, so würde er doch am Ende einen Ausweg gefunden haben, um sich zu haus von dem Nachtessen wegzuschleichen. Es war das früher auch wohl schon geschehen.
"Es ist Ihnen am Ende nicht recht, dass ich noch gekommen bin, Clara," sprach Artur nach einer Pause, während welcher er sich vergeblich bemüht, einen blick des geliebten Mädchens zu erhaschen.
"Das ist nicht Ihr Ernst," entgegnete sie hierauf mit einem flüchtigen blick; "Sie wissen, wie willkommen Sie uns zu jeder Zeit sind, Herr Artur. Aber Sie sehen, dass ich jetzt dringend zu tun habe. – nachher," setzte sie mit einem tiefen Atemzuge hinzu, "plaudern wir hoffentlich noch – recht vergnügt mit einander."
"Nicht wahr, liebe Clara, das tun wir?" sagte er mit herzlichem Tone, indem er eine ihrer hände fasste und sie innig an seine Lippen drückte.
Sie zog ihre Hand nicht weg, aber sie zuckte so zusammen, dass er sie unwillkürlich losliess, um in ihre Augen zu blicken; doch wandte sie sich ab und sprach gleich darauf anscheinend heiter: "So, nun bin ich fertig, Herr Artur. Jetzt müssen Sie aber an die tür gehen und sich nicht umsehen, bis ich die Tücher von dem Tische weggenommen."
"Also ich erhalte auch etwas?" fragte er vergnügt.
"Gewiss, gewiss," antwortete die Tänzerin.
Artur ging an die tür, wie sie es ihn geheissen hatte, öffnete sie leise und sprach hinaus: "Jetzt Kinder, gebt achtung! Clara ist fertig, sie wird sogleich Eins, – Zwei – drei zählen, und dann öffne ich die tür. – Nicht wahr, Clara, Sie zählen so?"
"Wenn Sie es wünschen, Herr Artur, will ich es gewiss tun. – Also denn!"
"Jetzt aufgepasst!" rief der Maler und fasste die Türklinke.
"Eins – zwei – drei!" sagte Clara. Und nun öffnete Artur die tür des Nebenzimmers weit, worauf die Kinder eilfertig herein stürzten. Doch blieben sie ganz erstaunt auf der Schwelle stehen, – ein wahres Lichtmeer, eine für sie unerhörte Pracht blendete ihre Augen. So einen Christbaum hatten sie noch nie gesehen. Was waren die bisherigen dagegen? – Wahrhaftig nicht der Rede wert; dieser hier reichte fast bis an die Decke des Zimmers, und den beiden kleinen Kindern war es so feierlich zu Mut, dass Vater Staiger sie ordentlich vorschieben musste. Sie hatten die Augen weit geöffnet, die vielen Lichtchen strahlten darin wieder und erfüllten sie mit einem hellen Glanze. Das Bübchen hielt die hände von sich abgestreckt und war völlig ausser stand, all' das Wunderbare zu begreifen. Endlich sagte es tief aufatmend: "Ein Schaukelpferd!" – "Und eine Puppe!" rief Marie. Worauf Beide vergnügt lächelnd an den Tisch traten und dann langsam um den Baum herum gingen. Es wagte anfänglich keines, etwas von den schönen Sachen zu berühren; sie wandelten wie in einem Traum und glaubten wahrhaftig, sobald sie eine dieser Herrlichkeiten