, traurig und betrübt. Da standen die Weihnachtsbäume noch unangezündet, die Liebesgaben noch mit weissen Tüchern bedeckt, und während schon alle anderen Kinder nach gehabter Lust in ihren Bettchen lagen, während deren Wangen glühten von den süssen Träumen über den vergangenen festlichen Abend, sahen ihre armen kleinen Geschwister draussen im halbdunkeln Vorzimmer; sie warteten wohl noch auf die verheissene Freude, aber sie sehnten sich nicht mehr darnach, denn der Schlaf stumpfte ihre Gefühle ab, und dazu froren sie auch ein wenig. – Ja sie froren, denn Clara, deren Inneres glühte, die aufmerksam lauschte auf das Schlagen der Turmuhren, und die jede neue Viertelstunde mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer begrüsste, Clara, die sonst so sorgsame Schwester, hatte seit der letzten halben Stunde nicht mehr nach dem Feuer gesehen; das Holz im Ofen war zusammengefallen, der weisse Aschenhaufen barg wohl noch in der Tiefe einige glühende Kohlen, aber oben an etlichen halb verbrannten Holzstücken eilten geschäftige Fünkchen hin und her, als wollten sie so bald als möglich eine Stelle verlassen, wo sie so schlecht gepflegt würden.
Dass unter solchen Umständen das vortreffliche Nachtessen kalt wurde, ist leicht begreiflich. Wie hatte sich der alte Mann so auf die Kartoffeln und den Kalbsbraten gefreut! Jetzt dampften jene schon lange nicht mehr, die Sauce zu letzterem war seit geraumer Zeit geronnen, und Herr Staiger, selbst fröstelnd, sass noch immer im Nebenzimmer und erzählte ruhig und geduldig die Heldentaten des Däumlings.
Clara hatte sich an das Fenster gesetzt, legte die hände in den Schooss und blickte tief atmend auf das Licht vor ihr, das unterdessen herab brannte, wobei der Docht eine grosse schwarze Kohle bildete, um welche die rote Flamme ängstlich und wie ersterbend flackerte.
Da erklangen draussen auf dem Pflaster eilfertige Schritte, die sich dem haus näherten. – Clara horchte auf, – ja, das konnte er sein, jetzt musste er die Haustüre erreicht haben. – Richtig! sie vernahm jetzt die Schritte vom Hausgange her, und sie drangen nun statt von der Strasse durch das Treppenhaus, aber etwas gedämpfter herauf.
Es war in der Tat Artur, dem es, wie wir wissen, erst gegen zehn Uhr möglich geworden war, das elterliche Haus zu verlassen; einen Wagen hatte er nicht mehr auf der Strasse gefunden, und so brauchte er noch geraume Zeit, bis er die Balkenstrasse erreicht hatte. Man kann sich denken, dass er eilfertig in's Haus hinein sprang; doch hatte er hiebei fast das Unglück, eine Frau umzurennen, die ihm unten entgegen kam. Dies war beinahe unter der Haustüre, und da sich an der anderen Seite der Strasse eine Gaslaterne befand, deren voller Schein herüber fiel, so war es dem jungen mann möglich, das Gesicht der ihm Begegnenden zu sehen, während das seinige im tiefen Schatten blieb.
Mit einem höflichen: "Verzeihen Sie!" drückte er sich an die Wand und liess die Frau vorbei, worauf er etwas langsam die Treppen hinauf stieg. Das Gesicht der Frau, welche ihm so eben begegnet, hatte er schon irgendwo gesehen. – Aber wo? – Das Gedächtniss eines guten Malers ist scharf, und bald hatte er sich in dem Chaos von tausenderlei Zügen, die seiner Phantasie vorschwebten, zurecht gefunden. – "Richtig!" sprach er zu sich selber, "das war jene Frau in der Kaserne, welcher ich den Brief des Grafen Fohrbach gebracht. – Wie hiess sie doch? – Nun, – ah! – Madame – Madame – ah! Madame Becker!"
Clara hatte droben noch einen Augenblick gelauscht, und sobald sie die Tritte des jungen Mannes erkannt, wischte sie die Tränen aus den Augen und ging eilig in's Vorzimmer, um zu verkündigen, Herr Artur komme. Bei Marie brachte diese Nachricht schon eine gehörige wirkung hervor, sie rieb sich einige Male die Augen, gähnte auch gelinde, dann aber schlug sie in die hände und rief: "So kriegen wir doch jetzt endlich bescheert!" – Das Bübchen dagegen war nicht so leicht zum Bewusstsein zu bringen, und als es der Papa auf seine Füsse stellte, wäre es umgeplumpst, wenn Clara es nicht noch zur rechten Zeit aufgegriffen hätte.
In diesem Augenblicke trat Artur in das Zimmer und blieb überrascht an der tür stehen, als er die ganze Familie hier im halb dunkeln und fast ganz kalten Zimmer bei einander fand. Er hatte geglaubt, ja gehofft, Vater und Tochter würden behaglich in der warmen stube um den Tisch sitzen, Clara mit freundlichem Lächeln ihm einen Stuhl näher rücken und er nun mit ihr noch eine kleine Stunde süss verplaudern können.
Das Bübchen hatte sich unterdessen ermuntert, und den Einflüsterungen seiner kleinen Schwester war es gelungen, es daran zu erinnern, dass es Weihnachtsabend sei, und dass jetzt die Bescheerung vor sich gehen könne, nachdem Herr Artur gekommen.
"Aber du bist recht lange ausgeblieben," sagte hierauf Karl; "wir haben gewiss fünfzig Stunden auf dich gewartet."
"Sie haben auf mich gewartet?" fragte fast erschrocken der Maler. – "Wie? Herr Staiger, – auf mich mit der Weihnachtsbescheerung?"
"Ja, wir dachten, es sollte Ihnen Freude machen," entgegnete gutmütig der alte Mann.
"Aber es ist ja schon so spät."
"Ja, es ist schon spät," sagte Clara mit leiser stimme.
"Und wir dachten jeden Augenblick, du solltest kommen,"