sie zu wissen braucht, natürlicherweise nicht, dass sie für eine Andere gilt. Man lässt sie an dem bezeichneten Abend hieher kommen, und von unserer Haustüre fährt sie weg. Wenn es möglich wäre, dass man unter irgend einem Vorwand von der Clara da drüben ihr Umschlagtuch für den Abend entlehnen könnte, so wäre es ausserordentlich gut."
"Das lässt sich wohl machen; wir müssen die Louise hinüber schicken, der tut sie schon was zu Gefallen."
"Dann schärft man ihr ein, dass sie dicht verschleiert bleibt und ein ziemlich dunkles Zimmer verlangt, dann kann sie sich entschleiern, soll aber nicht viel sprechen."
"Und du glaubst, dass das gelingen wird?"
"Gewiss! Er kennt sie wahrscheinlich nicht genau; und dann die Überraschung, die Freude, was weiss ich Alles? Ich glaube nicht, dass man was merkt. Und wenn er auch am andern Tage Verdacht schöpft und Nachforschungen hält, so helfen wir uns durch, so gut wir können und bleiben steif und fest dabei, es sei die Clara gewesen. Dann soll die Becker sehen, wie sie mit ihm zurecht kommt."
"Und mich sollte es obendrein noch freuen," sprach boshaft die Tochter, "wenn es der naseweise junge Mensch später erführe, und sie in ein recht schlechtes Licht bei ihm käme. Das geschähe ihr schon recht, dem hochmütigen Affen, der aufgeblasenen Teaterprinzess!" –
Einundfünfzigstes Kapitel.
Eine Bescheerung.
Während solchergestalt in der wohnung der Madame Wundel über Clara Staiger verhandelt wurde, ging diese zu gleicher Zeit in ihrem Wohnzimmer unruhig auf und ab. Bald eilte sie in die Nebenstube, wo ihr Vater seinen ganzen Reichtum an Geschichten den Kindern schon mehrere Male erzählt hatte, und wo nur die höchst merkwürdigen Schicksale des Däumlings, sowie die Liebe zu Herrn Artur, auf welchen man immer noch wartete, im stand waren, die schlaftrunkenen Augen des Bübchens offen zu halten. Auch Marie wischte sich häufig die Augen, legte ihr Köpfchen öfters an die Brust des Vaters und fuhr nicht selten aus einem leichten Schlummer in die Höhe, wenn dieser im Laufe seiner Erzählung stärker sprach und zum Beispiel sagte: "Seht ihr Kinder, so ist es dem Däumling ergangen."
Die Tänzerin trat häufig an das Fenster, blickte auf die Strasse hinaus und legte mehrmals ihre heisse Stirne an die kalten Scheiben.
Draussen jagten Schneeflocken und Regen, vom Winde gepeitscht, vorüber, und am Himmel schwammen dichte Wolken in wilden phantastischen und zerrissenen Formen. Man konnte sie nun sehen, da der Mond hinter ihnen aufgestiegen war und sie mit seinem vollen Lichte beschien. Dies Licht und die schwarzen Wolken kämpften auf diese Art miteinander; bald war der weisse Schein Sieger und überstrahlte für Augenblicke freundlich die nassen tropfenden Dächer und glänzte auf den Wetterfahnen, die jetzt ein paar Sekunden fast ruhig standen und nur leicht hin und her wankten, um gleich darauf wieder kreischend herum zu fahren, wenn neue Windstösse daher fuhren und mächtigere, schwärzere Wolken vom Horizont herauf führten, die das weisse Mondlicht auszulöschen schienen und schwarze drohende Schatten auf die noch einen Augenblick vorher so klar beschienenen Strassen warfen.
Ringsum war Alles stille; nach der Lust des heutigen Abends hatten sich die meisten Nachbarn frühe zu Bette begeben; nur hie und da war noch ein Fenster beleuchtet, nur hie und da hörte man noch ein Geräusch, – vielleicht das entfernte Rollen eines Wagens, den Fusstritt eines einsamen Wanderers oder die schallenden Hammerschläge eines Schusters in der Mansarde gegenüber, der noch mit seinen Stiefeln für den morgenden Festtag im Rückstande war.
In Claras Herzen sah es finster und betrübt aus, wie draussen in der stürmischen Nacht, und wenn auch zuweilen, wie dort ein hervorbrechender Mondstrahl die dunkeln Häuser, ein freundlicher Gedanke ihr Inneres erhellte, wenn sie sich sagte: er kommt gewiss noch, es war ihm unmöglich, früher seine Gesellschaft zu verlassen, so zerfloss doch gleich darauf wieder dieser schwache Trost, indem sie dachte: nein, nein, erdenkt nicht an dich; er hätte lange da sein können, aber es gefällt ihm, wo er ist, und wenn er auch noch auf einen Augenblick kommt, so tut er es nur, um der armen Tänzerin noch einen unbedeutenden Brokken seiner Gunst hinzuwerfen, – die ja glückselig sein wird, dass er überhaupt nicht ganz ausbleibt.
Und das war ja die Wahrheit; sie konnte sich das nicht verhehlen, und wenn sie die hände auch noch so fest auf das schmerzlich klopfende Herz drückte, so sprach doch hier der einzige Schlag von ihm und wagte es, ihrem weiblichen Stolze gegenüber zu flüstern: ja, wenn er auch nur noch für einen Augenblick kommt, und selbst dann erst, wenn er draussen vom Vergnügen gesättigt ist, so will ich glückselig sein und jubeln über die kleine Minute, die mir ihn zu sehen noch vergönnt ist. – So innig liebte ihn das Mädchen, dass sie dergleichen dachte, obgleich es fast ihr Herz brach, dass sie nur in der Welt sein sollte, um für ihn am Ende aller anderen Dinge zu kommen. Und sie weinte im Stillen heisse Tränen, dass es ihr nicht einmal erlaubt war, ihn fragen zu dürfen: "Warum kommst du so spät, warum nicht frühe, wie du es versprochen?"
Der heilige festliche Weihnachtsabend, auf den sie sich so sehr gefreut, und zu dem sie zum ersten Mal seit Jahren so schöne glänzende Vorbereitungen getroffen, war dahin geschwunden