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scharf aufgepasst und sie an der Treppe gesehen, wie sie Abschied nahmen."

"Nun?"

"Und dabei bemerkt, dass etwas im Spiele ist."

"Und ging das Abschiednehmen recht innig vor sich?"

"Das nun gerade nicht; ein einziges Mal habe er sie auf die Stirne geküsst, und da habe sie sich losgerissen und sei hastig in's Zimmer zurückgeeilt. gewöhnlich blieb es beim Küssen der hände."

"Ei, sie sind noch am Händeküssen," sagte bedenklich Madame Becker. "Das ist mir nicht lieb, da hält sie ihn gewaltig in Respekt und hat tiefe Absichten."

"Ja, die hat freilich Absichten. – Wie ich Euch schon sagte, ein hochmütiger Fratz. Ich glaube, wenn der ein Prinz die Cour machte, so bildete sie sich ein, er würde sie heiraten."

"Das tun die meisten," versetzte lächelnd Madame Becker. "Ich versichere Euch, die Hoffnung, mit der so ein Mädchen erfüllt ist, und die Leichtgläubigkeit, mit der sie in ihrer Einbildung die unüberwindlichsten Hindernisse wegräumt, das ist ganz erstaunlich. – Aber Ihr wisst nicht, wer dieser junge Mensch ist?"

"Nein, ich kann's nicht sagen; Emilie meint, es sei ein Künstler, wisst Ihr, kein so armer Schlucker, sondern was Ordentliches."

"Das Mädchen ist schön?"

"Das kann man nicht leugnen."

"Und nachsagen kann man ihr eigentlich auch nichts?"

"Bis jetzt nicht das Geringste."

"Schlimm! schlimm!" seufzte Madame Becker und versank in tiefes Nachdenken, während sie, unhörbar für die Andere, zu sich selber sprach: "Die Kommission soll der Teufel holen. – Aber ich habe es mir gleich gedacht, bin ja schon ein paarmal tüchtig bei dem Mädel angelaufen, und jetzt, wo sie eine kleine Liebschaft angefangen hat, eine Liebschaft, welche die schlaue Teaterprinzess recht ausbeuten zu wollen scheint, da ist nichts zu machen. – Schlimm! schlimm! – Würde mir auch wahrhaftig kein graues Haar darüber wachsen lassen, wenn nicht das verfluchte Siegel auf dem Brief gestanden wäre: vor i h m muss ich mich in Acht nehmen. – Aber ich sehe da keine Möglichkeit."

Während Madame Becker so gedankenvoll dasass, hatte sich die Andere mit einem neuen Glase Punsch gestärkt und auch das ihres Gastes wieder angefüllt und diesem hingeschoben. – "Na, Beckere," sagte sie dabei, "was hat Sie denn auf dem Herzen? – Warum so verschlossen? – bin denn ich nicht Eure gute Freundin? Wenn Euch was quält, sagt mir's doch; vielleicht weiss ich irgend eine Hilfe."

Madame Becker schüttelte den Kopf und sprach, indem sie nach einem tiefen Seufzer das Punschglas ausschlürfte: "Sieht Sie, Wundel, das betrifft eine von meinen geheimnissvollen Geschichten, das ist was aus vornehmer Gesellschaft, eine der schwierigen Kommissionen, mit denen ich arme Frau immer geplagt bin. Und dazu gehört Verstand, sehr viel Verstand; und auch der hilft zuweilen nichts."

"Ja, wenn der Verstand allein helfen würde," sprach die witwe mit einer untertänigen und ehrerbietigen Miene, "da würde es Euch niemals fehlen, davon bin ich überzeugt. Gewiss, ich bewundere Euch oft, wie Ihr alle die Geschichten so allein ausmachen könnt."

"Uebung," erwiderte Madame Becker, augenscheinlich von diesem Lobe geschmeichelt – "Uebung und ein wenig Umsicht. Aber hier habe ich eine geschichte, bei der hilft alles das nicht." – Sie seufzte abermals tief auf.

"Nun, so lasst mich's hören; eine unbedeutende person, wie ich bin, weiss auch zuweilen Rat!" schmeichelte die Wundel, welche sehr neugierig auf die geschichte war.

Da nun auch der Punsch die Zunge der anderen würdigen Frau sehr gelöst hatte, so erzählte sie denn, was der geneigte Leser bereits weiss, von einem Brief, den sie erhalten von Jemand, der die Bekanntschaft der Tänzerin machen wollte. Natürlicherweise nannte sie keinen Namen. – "Man ist dergleichen törichte Wünsche von den jungen Herren schon gewöhnt," fuhr sie fort, "und wenn es nicht geht, so schüttelt man kein Ohr darnach. Aber hier ist ein besonderer Fall, ich habe meine dringenden Gründe, Allem aufzubieten, um jenem Herrn gefällig sein zu können. – Da habt Ihr die ganze Sache! Ihr kennt nun besser als ich die Jungfer Klara, und könnt selbst beurteilen, dass da nichts zu machen ist, und ich wohl Ursache habe, verdriesslich zu sein. – Schade! schade! es wäre ein so schönes Geschäft geworden."

"Wirklich ein schönes Geschäft?" fuhr Madame Wundel, indem sie sich so weit als möglich über den Tisch hinüber zu ihrer Freundin beugte. "Also wäre was Tüchtiges dabei zu verdienen gewesen?"

Madame Becker schnalzte statt aller Antwort mit der Zunge und blickte nachdenkend an die Zimmerdecke.

"Ja, ja," fuhr nun Madame Wundel eifrig fort, "zu überreden ist die da drüben nicht; ich bin überzeugt, wenn man nur ein Wort von so was spräche, sie käme ausser sich."

"Das weiss ich."

"Und jetzt, wo sie die dumme Liebschaft angefangen hat, ist gar nichts zu machen; wenn man die beiden nur auseinander bringen könnte! Sollte man ihn nicht vielleicht eifersüchtig machen