behaglich wie möglich an den Tisch gesetzt; sie stützte den Kopf auf die hände und sah der Madame Wundel, die sich ihr gegenüber niederliess, freundlich lächelnd in die Augen. Ihr Paketchen hatte sie vor sich niedergelegt.
"Wir haben uns lange nicht mehr gesehen," fuhr sie nach einer Pause fort, "und ich hatte mir schon oft vorgenommen, Euch einmal heimzusuchen, konnte aber nie dazu kommen, und so dachte ich denn heute: es ist dies ein ruhiger stiller Abend und recht geschickt, sich nach einer guten Freundin umzusehen."
"Wofür ich Euch sehr dankbar bin," erwiderte Madame Wundel. "So ein Weihnachtsabend ist recht langweilig und man weiss nicht, wie man ihn herum bringen soll."
Emilie hatte das warme wasser gebracht, goss es in die Gläser auf den Punsch-Extrakt, worauf sich ein angenehmer Geruch in dem Zimmer verbreitete, dann schnitt sie den Kuchen auf, reichte ihn herum und alle drei assen, tranken und waren fröhlich und guter Dinge.
Nach einiger Zeit lehnte sich Madame Becker behaglich in ihren Stuhl zurück und spielte, anscheinend absichtslos, mit dem Paketchen, das sie neben sich hingelegt hatte. Es war dies ländlich, mit weissem Papier umwickelt und mit einer roten Schnur zusammen geknüpft. Auf demselben stand eine Adresse mit einer festen, regelmässigen Handschrift.
"Einkäufe?" fragte die witwe, deren Neugierde erregt war.
"O nein," entgegnete die Andere, "es ist ein Geschenk für meine Nichte Marie, die Tänzerin. Die bekommen so was immer anonym zugeschickt. Auf der Strasse brachte es mir ein Bedienter, und da er mich erkannte, nahm ich es ihm gleich ab."
"Also die Marie hat's noch nicht gesehen?" meinte Emilie.
Madame Becker schüttelte gleichgiltig mit dem kopf. "Die sieht's morgen Früh noch bald genug," sagte sie, "wenn sie es überhaupt zu sehen bekommt; und das hängt ganz von ihrer Aufführung ab."
"Und was ist wohl darin?" fragte Madame Wundel.
Die Frau bog das Päckchen hin und her, und als sein Inhalt sich weich anfühlte und biegen liess, antwortete sie: "Es werden Handschuhe sein. Doch können wir das ganz genau erfahren: wir machen es einfach auf und sehen nach."
Damit löste sie die rote Schnur, machte das Papier aus einander, und Emilie erblickte mit leuchtenden Augen wenigstens zwei Dutzend seine Pariser Handschuhe von den verschiedensten Farben.
"Ah! die sind schon!" sagte sie. "Die Marie ist doch ein glückliches Mädchen, dass sie solche Sachen bekommt. – Ja, so eine Tänzerin!"
"Sie sind wirklich hübsch," meinte die Becker. "Gefallen sie Ihnen, Mamsell Emilie?"
"Wem sollen die nicht gefallen! – Und das ist gerade meine Grösse; siehst du, Mutter, nicht ein Tüpfelchen länger und breiter könnte ich sie brauchen."
"So will ich Ihnen was sagen, tun Sie mir den Gefallen und nehmen ein halbes Dutzend von diesen Handschuhen von mir zum Weihnachtsgeschenke an."
"Ah! das wäre zu viel, Madame Becker!" rief Emilie. "Hast du gehört, Mutter, ich soll ein halbes Dutzend von diesen prächtigen Handschuhen haben. Wie mich das glücklich macht! – Aber nein, ich kann's nicht annehmen, gewiss ich kann's nicht annehmen; ich müsste mich schämen."
Madame Wundel, welche befürchtete, es könnte der noch nie da gewesene Fall wirklich eintreten, dass ihre Tochter Emilie sich einmal schämen würde, etwas anzunehmen, trat nun mit ihrer Autorität dazwischen und sprach mit Ruhe: "Wenn die gute Frau Becker dir ein halbes Dutzend Handschuhe zum Geschenk machen will, so wäre es von dir unschicklich, sie nicht dankbarlichst anzunehmen."
"Aber das ist zu viel, Mutter, – ein ganzes halbes Dutzend!"
"Possen!" versetzte Madame Becker, die, wie der geneigte Leser wohl weiss, ihre guten Gründe hatte, sich die Familie verbindlich zu machen. – "Possen! nicht der Rede wert! – Hier sind sechs von allen Farben, und hier ist auch die Emballage und die Schnur. – Mädchen bleiben immer kleine Kinder; man muss sie zu Allem zwingen." Damit wickelte sie lachend die sechs Handschuhe in das weisse Papier, band noch zum Ueberfluss die rote Schnur darum und überreichte sie mit einer graziös sein sollenden Handbewegung, wobei sie sagte: "Der fräulein Emilie zum Weihnachtsabend."
"Prächtig! prächtig!" lachte Madame Wundel. "Wie das die Frau Becker alles zu machen versteht! – Ja, ja! man sieht gleich, dass Ihr vornehme Bekanntschaften habt und viel mit guter Gesellschaft umgeht."
Die Andere schloss affektirt ihre Augen, zuckte gewaltig die Achseln und erwiderte mit einem tiefen Seufzer: "Ach ja, es ist wahr, ich sehe viel vornehme Herren und es tut Einem wohl, wenn man so von den respektablen reichen Leuten geachtet wird wie ich. Aber man hat viel mit ihnen durchzumachen, o erschrecklich viel!"
Emilie hatte sich entfernt, um ihre Handschuhe aufzuheben, und da sie vorderhand Punsch und Kuchen genug erhalten, so blieb sie im Nebenzimmer, vielleicht auch bloss aus Taktgefühl, indem sie sich wohl denken mochte, dass die beiden Frauen etwas zusammen zu sprechen haben könnten, wobei ihre Gegenwart überflüssig sei.
Madame Becker hatte auch diesen