mögen Sie einen Namen haben, welchen sie wollen; und ich habe das schon bewiesen, denn als der Verein für unglückliche, treu los Verlassene gegründet wurde, da –"
"Schweigen wir davon," entgegnete die Mutter, indem sie die Augenbrauen zusammen zog, "das ärgert mich, wenn du davon sprichst. Damals hast du freilich keinen Anstand genommen, dich für eine treulos Verlassene auszugeben, obgleich du dazu gar kein Recht hattest, denn um verlassen zu werden, muss man doch Jemand haben, der Einen verlässt. Und das war bei dir nur so ein kleines Techtelmechtel, wornach kein Hahn gekräht hat."
Emilie seufzte tief auf, wahrscheinlich in der Erinnerung an dieses verhältnis.
"Ja, wärest du damals klug gewesen und hättest den jungen Menschen festgehalten; damit wäre was zu machen gewesen. Aber ihr seid nicht pfiffig genug, nicht gescheidt, nur hochmütig. Das habe ich vorhin wieder so klar und deutlich gesehen. – Ja, ja, für eine treulos Verlassene möchtest du alle Tage gelten, aber nicht für eine alte Jungfer. O Welt! o Welt!"
Madame Wundel hatte sich so in den Eifer hineingesprochen, dass sie unmöglich auf ihrem stuhl ruhig sitzen bleiben konnte. Sie stand desshalb auf, machte ein paar Gänge dutch's Zimmer und sagte dann, als ob sie froh wäre, etwas zu finden, woran sie ihren Unmut auslassen könnte: "Werft mir die dummen Kartoffeln vom Tisch und das fade wasser! Da hast du den Schlüssel, hol' den Kuchen heraus, der im Schranke steht, und ein paar Gläser."
"Und keinen Wein dazu?" fragte mürrisch die Tochter, indem sie sich zum Abgehen anschickte.
"Nein, du brauchst keinen Wein zu bringen; aber schüre das Feuer, damit wir ein behagliches Zimmer bekommen. Ich habe jetzt dem unangenehmen Kerl zulieb genug gefroren. Dann kannst du auch wasser zum Kochen aufsetzen; die Madame Becker wird nachher auf einen Augenblick kommen und Extrakt mitbringen, da wollen wir uns einen ordentlichen Punsch machen."
"So – die kommt?" fragte Emilie mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck. – "Und wollt ihr allein sein? – Ist man vielleicht im Wege oder kann man da bleiben?"
"Wie du so einfältig fragen kannst!" sagte die Mutter; "du kannst freilich dableiben, aber es wäre mir nicht lieb, wenn unterdessen Louise – damit meinte sie die jüngere Tochter – nach haus käme."
"Da kannst du unbesorgt sein, die kommt heute nicht vor elf Uhr nach Haus; die weiss doch noch irgendwo hinzugehen, wo sie sich amusiren kann." – Damit schritt sie zur tür hinaus.
Man hörte sie mit ihren Schlüsseln draussen rasseln, auch Gläser klirren, dann schürte sie das Feuer im Ofen, der kurze Zeit darauf eine behagliche Wärme ausströmte.
Madame Wundel hatte unterdessen höchst eigenhändig die Kartoffeln in die Küche hinaus geworfen, das wasser entfernt und statt des groben Tischtuchs ein feineres ausgebreitet, kurz dem ganzen Zimmer in weniger Zeit ein behagliches Ansehen gegeben.
Als nun vollends Emilie wieder herein kam, einen grossen mürben Kuchen auf den Tisch stellte, etwas getrocknete Früchte und einige Gläser, da sah das Ganze recht festlich aus, würdig des Besuchs, der erwartet wurde und den man auch bald nachher die Treppen herauf kommen hörte.
Madame Becker – sie war es – ging ziemlich langsam, denn das Treppensteigen wurde ihr bei vorgerücktem Alter und ankommender Körperfülle etwas sauer. Sie hustete schon auf dem zweiten Absatz der Treppe, auf dem dritten pustete sie gewaltig, und als sie endlich vor der wohnung der Madame Wundel ankam, brachte sie nur mühsam einen guten Abend hervor und liess sich sogleich auf einen Stuhl nieder, den man ihr hinstellte.
"Aber Ihr wohnt recht hoch, Wundel," sprach sie nach tiefem Atemholen und nachdem sie sich eine Zeit lang umgeschaut. "Recht hoch, aber anständig – saubere Zimmer."
"So, so," entgegnete die witwe. "Man kann nicht Alles mit einander verbinden; will man in unsern Verhältnissen im zweiten oder dritten Stock wohnen, so muss man sich mit ein paar kleinen finstern Löchern ohne Aussicht und Luft begnügen, und da ist's mir hier oben lieber."
"Das finde ich begreiflich," erwiderte Madame Becker. "Ihr habt kein Geschäft, es laufen nicht viele Leute zu Euch; aber ich muss nun leider einmal im ersten Stock wohnen; wisst Ihr, man kann Manchem nicht zumuten, dass er viele Treppen hinaufsteigt."
"Ah! das ist natürlich," sagte Madame Wundel mit wichtiger Miene; "bei Eurer ausgebreiteten Bekanntschaft. – Aber kommt, legt Euer Umschlagtuch ab; es muss Euch ja zu warm werden –"
"Ich habe nur einen Augenblick ausschnaufen wollen," entgegnete Madame Becker, während sie eine dicke Nadel aus ihrem Halstuch herauszog und dasselbe nun der fräulein Emilie Wundel überliess, die es sorgfältig auf einen Stuhl legte. Nachdem diese Hülle gefallen war, erblickte man das freundliche Glänzen einer Bouteille, welche die Frau in einer Hand trug. Unter dem Arm hatte sie ein kleines Paketchen, das sie behielt, wogegen sie die Flasche der witwe mit einem angenehmen Lächeln überreichte. "Er ist gut," sagte sie, "ächter Düsseldorfer; lasst uns nur nicht zu viel wasser dazu nehmen; ich liebe einen starken Punsch."
Mit diesen Worten hatte sie sich so breit und