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auf schwachen Füssen."

"Komm herab in's Bett," sprach das Mädchen, als drüben abermals die tür aufging; "du wirst dich erkälten, und wenn dich Clara so bloss dastehen sieht, so zankt sie mit mir."

Jetzt kam die Tänzerin mit ihrem Milchtopf zurück. Die beiden Kinder schauten vergnügt empor, das Bübchen klatschte in seine kleinen hände und rief: "Siehst du, jetzt kommt das Gebratene."

"Nein, nein, es ist nichts Gebratenes," entgegnete lachend die ältere Schwester, "aber was viel Besseres. Jetzt mache ich eine Milchsuppe mit Brocken darin, und ihr sollt sehen, wie das schmeckt!"

"O lass mich zusehen, wie du es machst!" sagte das Bübchen. "Bitte, Clara, lass mich zusehen!"

"Aber es wird dich frieren im Zimmer."

"O, es tut nichts, wenn es mich friert; ich friere gern, wenn ich nur zusehen darf."

"Aber dann bekommst du einen Husten," erwiderte Clara, während sie den Topf mit Milch in die verglimmenden Kohlen stellte, "und wirst krank werden."

"Das tut nichts," entgegnete entschlossen der Knabe, "wenn ich zusehen darf, bekomme ich gern einen Husten und werde auch gerne krank."

"Nun meinetwegen," versetzte die gutmütige Schwester, "dann könnt ihr helfen das Brod einschneiden. Aber vorher muss ich dir ein Röckchen anziehen und Strümpfe." Und darauf nahm sie den kleinen Bruder aus dem Bette, legte ein Kissen auf die Kommode und setzte ihn darauf. Das grössere Mädchen zog sich allein an.

Wie war das Bübchen so froh, als es die Hoffnung hatte, zusehen zu dürfen, wie die Milchsuppe eingebrockt wurde. Er schlang seine beiden Aermchen der Schwester um den Hals, drückte sein rundes Gesicht fest auf ihre schwellenden Lippen und sagte: "Du bist die allerbeste Clara, und ich habe dich liebso viel und so gross wiewieein ganz grosses Haus." – Nachdem der Knabe hinreichend bekleidet war, um die kühle Temperatur in dem Zimmer aushalten zu können, zu welchem Zwecke ihm die Schwester noch ein grosses wollenes Tuch um seine Füsse schlang, wurde er auf den Tisch gesetzt, an welchem die jüngere Schwester bereits auf einem stuhl stand, nachdem sie eine grosse irdene Suppenschüssel herbeigeschleppt.

Die junge Tänzerin nahm die Milch von den Kohlen, und als sie solche in die Schüssel goss, bemerkte sie an der bläulichen Farbe derselben, dass es nicht rätlich sei, um eine grössere Menge zu erzielen, noch etwas wasser zuzusetzen; dies Geschäft hatte Mamsell Wundel im Nebenzimmer bereits gehörig selbst versehen.

"Mir scheint," sagte der alte Mann an seinem Schreibtisch, indem er seine Feder einen Augenblick anhielt und durch die Brille nach dem Tische schaute, "wir bekommen noch ein Nachtessen. Ei, ei! das ist, obgleich Verschwendung, doch sehr wohltätig. Auch trifft das prächtig mit meiner Arbeit hier zusammen; ich übersetze auch gerade ein Souper in Onkel Tom's Hütte, und es ist sonderbar, wenn ich von Essen und Trinken schreibe, da bekomme ich einen stärkeren Appetit."

"Mir geht's auch so, Papa," antwortete Clara, wobei sie lachend herum schaute. "Wenn ich zum Beispiele in einem Lustspiele bin und sie fangen auf der Bühne an zu essen und zu trinken, da könnte Einem das wasser im mund zusammenlaufen; und es geht nicht allein mir so: Alle, die um mich herum sitzen, haben begehrliche Augen und machen spitze Mäuler, – wie du, du kleiner Fresser." Damit patschte sie dem Bübchen mit dem Löffel um den Mund, was dieser aber gar nicht übel zu nehmen schien, sondern die herabrinnenden Tropfen begierig ableckte.

Der Vater hatte seine Feder niedergelegt, die Brille abgelegt und wischte sich die trübe werdenden Augen.

"Dieses Innere von Onkel Tom's Hütte," sagte er nach einer Pause, "ist als recht komfortable geschildert und kommt Einem gar nicht so unrecht vor; es ist ein anständiges, festes Gebäude mit einem kleinen Garten davor; auf dem Herde lodert ein Feuer und verbreitet in dem Zimmer eine behagliche Wärme." – Er sprach das mit leiser stimme und mehr zu sich selber.

Clara schien auch nicht darauf zu achten, denn sie wandte sich in diesem Augenblick zu ihrer kleinen Schwester und sagte zu ihr: "Aber warum hast du es hier in dem Zimmer so kalt werden lassen? So kann der arme Papa ja nicht schreiben; seine Finger müssen ihm ganz starr werden."

"Schon die idee eines Kamins hat etwas höchst Behagliches," fuhr der alte Mann fort, indem er sich die hände rieb; "man sieht in die spielenden Flammen, man stellt sich behaglich davor hin und dreht die mächtigen Holzblöcke mit der Zange herum."

"Ich hätte gern Holz nachgelegt," entgegnete das kleine Mädchen, "aber Papa hat selbst zugesehen und meinte, wir müssen noch acht Tage lang mit auskommen, ehe du neues kaufen könntest, und wenn man da zuviel brauche, werde es nicht langen."

"Ich begreife nur nicht," sprach Clara, "du bist doch schon so ein erwachsenes und vernünftiges Mädchen, dass du nicht früher zur Madame Wundel gegangen und sie um etwas Milch gebeten hast; sie hätte es dir auch nicht abgeschlagen. Da