sich die riesenhaften Türme zahlreicher Kirchen hervor, sind aber trotz ihrer ausgezeichneten Gestalt nicht deutlich zu erkennen, denn der Nebel von gestern und vorgestern erscheint plötzlich wieder und zieht graue Schleier über die Stadt; dazu dampfen Tausende von Schornsteinen und Alles das bildet in weniger als einer halben Stunde eine ziemlich dichte Decke, durch welche man nur noch in einzelnen Umrissen die Häusermassen ahnet. Doch wird der Nebel nicht oben bleiben: er sinkt zusehends tiefer und tiefer und gibt uns jetzt einen neuen unbeschreiblich schönen Anblick. Gänzlich verschwunden ist die Stadt und es ist gerade, als ständen wir am rand eines ungeheuren See's – jenes verzauberten See's, dessen wir uns aus unserer Kindheit erinnern, in welchem die versunkene Stadt liegt, die wir, wenn wir sie auch nicht sehen, doch hören. An unser Ohr schlägt dumpfes Murmeln und Rasseln, zuweilen rollt es deutlich auf dem Pflaster, und wenn wir noch nicht überzeugt waren, so sind wir es im nächsten Augenblicke, denn viele Uhren schlagen hell und deutlich die vierte Nachmittagsstunde.
Da nun aber die vierte Nachmittagsstunde an einem Tage im monat Dezember nicht weit von der Nacht entfernt ist, so wollen wir unsere Zauberlandschaft verlassen und uns zur Stadt hinab begeben. Fürchte sich der geneigte Leser nicht vor dem Nebel: er scheint artig gegen uns zu sein und sinkt schneller hinab als wir gehen. Schon treten die höheren Gebäude wieder aus der scheinbaren Wasserflut empor, und jetzt, da wir das Tor erreichen, sind die grauen Schleier mit hülfe eines leichten Abendwindes zerrissen und wehen nur noch in einzelnen Stücken um unser Gesicht, während sie eilig gegen Süden fliehen. Auch die Sonne berührt uns mit einem letzten blick und färbt die Landschaft rosig und violett.
Das Ende einer langen Strasse, in der wir wandeln, führt in's Freie und zeigt, wie holdselig die Sonne der Erde gute Nacht sagt. In unnennbar süsse beruhigende Farben hüllt sich die Landschaft ein, bevor sie in Schlummer sinkt, und wie ein liebendes "Gute Nacht!" zittert der letzte Strahl der sinkenden Sonne über sie dahin. – Die stattlichen Gebäude zu unserer Rechten empfangen diesen letzten Gruss schon kälter und gesetzter; es fallen tiefe, scharf ausgeprägte Schatten der gegenüberliegenden Häuser schon auf ihre oberen Stockwerke; nur Fries und Dach ist noch hell beleuchtet. Diese Schatten steigen langsam empor, wie eine Schlafdecke; denn wenn sie das ganze Haus eingehüllt haben, kommt die Nacht, und es schliesst seine müden Augen. – – Dass die Sonne nun endlich hinter den Bergen niedersinkt, bemerkt man an einer Gaslaterne, die draussen einsam vor dem Tore steht, denn auf ihren Scheiben blitzte noch vor wenig Augenblicken ein helles Licht, ein Licht, das darauf tief rötlich niederstrahlte und plötzlich ganz verschwand.
Um vier Uhr Nachmittags und auch noch etwas später sind um diese Jahreszeit die Strassen einer grossen Stadt ziemlich belebt; man besorgt noch seine Gänge vor der einbrechenden Nacht, man schliesst viele Gewölbe und Läden, und dann haben auch alle schulen ihre Tore geöffnet und ausgespieen eine Legion kleiner Vagabunden, die nun in gewisser Beziehung Strassen und Plätze ziemlich unsicher machen. Da werden Trottoirs benützt zu Schleifbahnen, die kleinen Bursche fassen Posto hinter einander, ihre Tornister auf dem rücken, und wer zufällig mitten zwischen sie hinein und auf das glatte Eis gerät, wird ohne alle Barmherzigkeit niedergerannt. Was die Schneeballen anbelangt, so hat der Himmel bis jetzt ein Einsehen gehabt und gönnte der Jugend noch nicht dieses Vergnügen zum Schaden ihrer Nebenmenschen. In der Nähe der Schule, wenn auch nicht unmittelbar vor dem haus selbst, ist der Lärmen nun eine Zeit lang am stärksten. Wenn so der ganze Strom aus dem Tore stürzt, so scheint jeden nur die Lust zu treiben, endlich in's Freie zu kommen; sind sie aber draussen, so finden sie sich gleich wieder in einzelnen Gruppen zusammen, einer der Schlimmsten gibt den Ton an, und dann ziehen sie, wie es heisst, nach haus, in Wahrheit aber auf so grossen Umwegen, dass die Glocken schon alle Fünf geschlagen haben, bis die letzten und wildesten mit blauen Nasen und krumm gefrorenen Fingern in das warme Zimmer treten, wo Mama ihnen den Kaffee aufgehoben hat.
Auf den Strassen und Plätzen ist es nunmehr wieder ruhiger geworden; wer draussen nichts zu tun hat, bleibt im geheizten Zimmer; zum Spazierengehen und Fahren ist es zu spät, und die Zeit, wo man Gesellschaften besucht, noch nicht herangerückt. Es dämmert bereits; der Laternenanzünder mit seinem langen Stocke, an welchem oben ein kleines Lichtchen sich befindet, läuft eilig durch die Strassen, und selbst ernstafte Vorübergehende unterbrechen zuweilen einen Augenblick ihren gang, um zuzusehen, wie die Flamme so plötzlich emporstrahlt. Auch die Läden erleuchten sich nach und nach, und helles Licht zeigt die ausgelegten Stoffe in doppelt schönen Farben und verlockt allenfallsige Käufer.
Um diese Zeit, geneigter Leser, rollt ein Wagen über die Strassen der Stadt, meistens durch jene Viertel, wo sonst nicht viele Equipagen zu sehen sind. Dieser Wagen, eine breite Glascalesche, kommt aus den königlichen Marstallsgebäuden und ist gewöhnlich bespannt mit zwei Rappen; auf dem Bock sitzt ein alter Kutscher mit weissen Haaren in einen dicken blauen Mantel gehüllt und mit ziemlich mürrischem Gesicht. Als dieser Würdige am heutigen Tage die Zügel in die Hand nahm, fragte er einen Bedienten im blauen Ueberrock, der im Begriff war, hinten aufzuklettern: "Wird Alles geholt?" worauf dieser erwiderte: "