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mir mit eurer Freiheit! Man ist da abhängig von den Launen seiner Herren oder Herrinnen und erst ein rechter Sklave."

"Neulich ging ich in einen Laden," fuhr Emilie ärgerlich fort, "und wollte mir zu meinem karrirtseidenen Kleide ein paar Ellen kaufen. Da sehe ich glücklicherweise noch früh genug den Armenpfleger, der mich lauernd betrachtete. Vor mir lag ein ganzer Stoss Seidenzeug, und da fragte er auf seine widerliche Manier: – Sie kaufen doch gewiss nicht von diesen eitlen Geweben? – Was wollte ich machen? – Ich musste meine Augen niederschlagen und mit einer halben Elle grauen Futternessel abziehen."

"Was übrigens sehr klug von dir war," erwiderte vergnügt Madame Wundel. "Glücklicherweise scheuen sich diese Spione, des Abend auszugehen; und an gewisse Orte, wo wir uns sehr gut amusiren, kommen sie nie hin."

"Ja, wenn auch das nicht wäre, sollte es der Henker aushalten!" sagte Emilie. – "Nun, hat er auch was Rechtes gebracht?"

"Ich kann nicht darüber klagen," schmunzelte vergnügt die Mutter. – "Am Weinachtsabend da kommt so allerlei zusammen, da wollen die verschiedenen Vereine zur heiligen Zeit noch einen rechten Stein in's Brett bekommen und desshalb fliessen da die Unterstützungen ordentlich. – Ach, dass doch so viel Heuchelei in der Welt ist! Die machen sich selbst was weiss und bilden sich ein, es sei ihnen ein Bedürfniss des Herzens, den Armen mitzuteilen, und bei den Meisten ist's nichts wie Eitelkeit: sie wollen Alle im Jahresberichte und im Wochenblättchen stehen. – Nun also, da habe ich sechs Gulden vom Vereine für verschämte Hausarme, vier Gulden aus der Unterstützungskasse für hilfsbedürftige Wittwen aus dem Honoratiorenstand. – Und dazu können wir uns ja rechnen, seit dein Vater gestorben ist, denn meine Familie stand ehedem stolz da in der Stadt; dass der Mann so traurige Geschichten gemacht hat, ist ein Unglück. Doch will ich seiner nicht im Bösen gedenken, denn hier ist ja auch ein Gulden und dreissig Kreuzer aus der Wittwenkasse für in öffentlichen Anstalten des staates Verbliebene." – Sie wollte nämlich nicht sagen: "für die im Zuchtaus Gestorbenen," wie es dem seligen Herrn Wundel leider geschehen war, da er Pflegschaftsgelder auf eine für ihn zu vorteilhafte Weise angelegt hatte.

"Das sind ja elf Gulden dreissig Kreuzer," sprach Emilie mit zufriedener Miene; "das reicht schon über die Feiertage."

"O ganz bequem," entgegnete die Mutter. "Und dazu kommt noch der zweite Weihnachtstag, wo ich mich im schwarzen Anzug bei dem Prediger des neuen Bundes präsentire und darauf hin einige Anweisungen erhalte für christliche Häuser, wo man anständige Wittwen zu behandeln versteht."

"O ja, das geht," sprach die Tochter nach einigem Nachdenken. "Dann kommt Neujahr, und dabei werden wir wohl so viel herausschlagen, dass man sich am Carneval ein kleines Vergnügen machen kann."

Die Mutter packte ihr Geld zusammen und steckte es sorgfältig wieder in die tasche ihres Kleides, – sie hatte es dort hervor geholt, um ihre Tochter mit dem Glanz des Silbers zu erfreuen. – "Da ist noch eine ganz famose Kasse hier in der Stadt," sagte sie nach einer Pause, "an der wir vielleicht auch nächstens einmal teilnehmen können. – Weisst du, man muss sich nicht geniren, und wenn du wolltest, so könnte ich dortin bald einmal eine Eingabe versuchen."

"Was ist das für eine Kasse?" fragte Emilie.

"Obendrein ist noch ein Freund von dir dort beschäftigt: der Herr Aktuar Schwarz ist der Sekretär."

"Ah! Mutter," versetzte Emilie etwas spitzig, "das muss ich mir alles Ernstes ausbitten!"

"Wie, dass der Herr Aktuar Schwarz dein Bekannter ist?" fragte Mama mit einer ausserordentlichen Unbefangenheit.

"Nein, das nicht," erwiderte entrüstet Emilie, "sondern dass du mir vorschlagen willst, ich soll mich an den Unterstützungsverein für alte Jungfern wenden."

"Ist denn das so was Schlimmes?"

"Es ist schlimm genug, wenn man in Verhältnissen lebt, die es Einem erschweren, eine anständige Verbindung einzugehen."

"Und wenn uns dieser Freund unterstützt," erwiderte Madame Wundel, indem sie ihre Haube zurecht zog, "bist du desshalb eine alte Jungfer? – Sieh doch mich an, ich erhalte auch vom Verein für verschämte Hausarme; sind wir denn desshalb verschämte Hausarme? – Ich wollte Niemand raten, das uns in's Gesicht zu sagen. – Ah! da bitte ich recht schön! Ihr Mädchen habt eigene Begriffe, wenn man nur einmal ein Wort von einer alten Jungfer fallen lässt, so seid ihr beleidigt. Das ist aber an sich ein ganz respektabler Stand, und wenn die Zeit da ist, dass man eine werden soll, so wird man in Gottes Namen eine. Daran wirst du nichts ändern wollen. – Jetzt bist du Achtundzwanzig, und wenn dich auch gute Leute für ein paar Jahre jünger ansehen, so rückst du doch nach und nach in die Dreissig und musst da hinein, so sehr du dich auch sperren wirst. Gegen den Strom kann man nicht schwimmen, und einen heissen Ofen nicht kalt blasen. – Larifari!"

"Aber ich tu's nun einmal nicht," sagte die Tochter entschlossen. "Ich will mich zu allen Vereinen melden,