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darauf lag das bewusste Cigarren-Etui neben einem kleinen, kaum fusshohen Christbaum, den Klara aus grünem Papier künstlich gearbeitet, und der mit Miniaturkerzen und Zuckerzeug auf's Freundlichste verziert war. Das Geschenk ihres Vaters für Artur, ein kleines Feuerzeug, befand sich ebenfalls dort. Clara hatte es kopfschüttelnd betrachtet, indem sie zu sich selber sprach: "Und dafür will er über zwei Gulden ausgegeben haben? – Papa versteht aber durchaus nicht einzukaufen."

Draussen im Vorzimmer hatte sich unterdessen Herr Staiger zu den Kindern gesetzt; das Mädchen sass auf dem Schemel und lehnte ihren Kopf an die Kniee des Vaters, der Knabe sass auf dessen Schooss und war unersättlich im Anhören der furchtbarsten Geschichten. Herr Staiger musste die geschichte von der schrecklichen Wasserschlange, die das Schiff auf dem Weltmeer verfolgt und jeden Tag eine neue Beute fordert, zum Gott weiss wie vielsten Male erzählen, wobei es dem Bübchen besonders aber um den Schluss zu tun war; denn nachdem schon sehr viele Offiziere und Matrosen verzehrt sind, wirft man ihr die ganze Schiffsapoteke in den Rachen, worauf es der Schlange hundeübel wird und sie plötzlich stirbt. Da nun aber dergleichen Geschichten am heutigen Abend noch sehr viele erzählt werden mussten, mit deren Wiederholung wir den geneigten Leser jedoch verschonen wollen, bitten wir ihn, während dieser Zeit mit uns auf einige Augenblicke in das Zimmer der Madame Wundel, der Staiger'schen wohnung gegenüber, zu treten.

Fünfzigstes Kapitel.

Verschämte Hausarme.

Hier wurde der Weihnachtsabend nicht wie bei den übrigen Mitchristen gefeiert; Madame Wundel, die verschämte Hausarmen-witwe, fand es begreiflicherweise unpassend, am heutigen Abend mit irgend Etwas Gepränge zu machen. Ihre beiden Töchter waren erwachsen, wesshalb ihnen ein Christbaum auch weiter keine Freude gemacht hätte; sich gegenseitig zu beschenken, wäre ebenfalls unnötig gewesen, daher sie denn das fest still unter sich und unter andächtigen Betrachtungen feierten. Das klingt für uns, die wir den Charakter von Mutter und Töchtern kennen, zwar unglaublich, aber es verhielt sich wirklich so. – Im Ofen brannte ein spärliches Feuer, so dass das Zimmer nur sehr mässig erwärmt war; der Tisch war mit einem groben Tuche bedeckt und auf demselben befand sich eine Schüssel mit Kartoffeln in der Schale neben einem Salzfasse, einem Stücke schwarzen Brode und einer Flasche voll klaren Wassers.

Madame Wundel sass an diesem Tische, ihr gegenüber die älteste Tochter Emilie, und Beide hatten Gebetbücher vor sich, in welchen sie eifrig zu lesen schienen.

Wir sagen: zu lesen s c h i e n e n ; denn wenn man aufmerksamer hinsah, so bemerkte man wohl, dass die würdige Wittfrau die Nägel ihrer Finger besah, auch zuweilen an die Decke blickte, und dass Emilie den Kopf auf die Seite hielt, offenbar um auf den gang und die Treppe zu lauschen, zu welchem Zweck auch die Stubentüre halb geöffnet war.

"Jetzt kann er wohl drunten sein," sprach die Mutter nach einer längeren Pause.

"Ja, mir scheint, er schleiche auf der untersten Treppe," erwiderte die Tochter. – "Richtig! da höre ich ihn auch husten. – Wenn der nur bald ausgehustet hätte!"

"Ein langweiliger, miserabler Kerl!" meinte die witwe.

"Und schleicht wie ein Gespenst in den Häusern umher," entgegnete Emilie. "Bin ich doch wirklich erschrocken, als er vorhin fast unhörbar in's Zimmer trat und sein: Gott sei mit euch, ihr Frauen! krächzte, – der alte Heuchler!"

"Ich bin gar nicht erschrocken," lachte Madame Wundel: "ich wusste wohl aus alter Praxis, dass er diesmal am Weihnachtsabend kommen würde. Vergangenes Jahr kam er am Christfest selbst; er wechselt immer so ab. – Das kann euch wieder ein Beispiel sein," fuhr sie nach einer Pause fort, während welcher sie die Hand in die tasche gesteckt und dort mit Geld geklappert hatte; "dass ihr eurer Mutter unbedingt folgen sollt. Du hattest wieder Lust, zu sieden und zu braten, und wenn ich deinem kopf gefolgt wäre, so hätte uns der Armenpfleger überrascht, undeine milde Gabe gereicht für Holz und Brod," – diese Worte sprach sie mit demselben nachäffenden Tone wie ihre Tochter, – "während ein schöner Kuchen auf dem Tische stand und vielleicht eine Flasche Wein daneben."

"Leider ist es eine schlechte Welt," erwiderte Emilie achselzuckend, "und für die paar miserablen Gulden, die sie uns an den Kopf werfen, leben wir doch in einer wahren Sklaverei. Gehe ich durch die Strassen, bei gewissen Häusern vorbei, da muss ich die Augen niederschlagen und darf höchstens nach einem kleinen kind sehen, das zufällig auf's Gesicht gefallen ist, um es aufzuheben und ihm aus christlichem Mitgefühl die rotzige Nase abzuwischen, – wenn das nämlich Jemand sieht. – Pfui Teufel! Ihr hättet eigentlich wohl ein anderes Geschäft ergreifen können, als das einer verschämten Hausarmen. Uns ist dadurch jede Carrière abgeschnitten; man kann sich nicht einmal mit einem anständigen Liebhaber einlassen, denn das wäre ja die grösste Versündigung, wenn sie es erführen."

"Aber man lebt gut," sagte die witwe mit einem breiten, behaglichen Lächeln. "Sei nicht undankbar, Emilie; du weisst noch nicht, wie hart es ist, das Brod durch seine Händearbeit verdienen zu müssen."

"Aber dann bin ich frei und kann tun was ich will."

"Geht