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; sie mochte und konnte nicht weiter denken, denn ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen; sie legte sanft ihre arme um den Hals des Vaters, senkte den Kopf auf seine Brust, und während sie sich darauf bemühte, ihm die Tränen von den Wangen zu küssen, bemerkte sie nicht, dass auch die ihrigen flossen.

"Wir sind aber recht kindisch," sagte der alte Mann nach einer Pause, indem er das Gesicht seiner Tochter mit beiden Händen umfasste und es sanft in die Höhe hob, um ihr in die schönen, edlen und reinen Züge zu sehen. "Jetzt geht es uns wieder einmal etwas gut und wir weinen wie die Kinder."

"Aber nicht aus Schmerz, Vater," versetzte Clara sanft, "gewiss nicht aus Schmerz. Vielleicht geht dein schöner Traum in Erfüllung, und das war der Anfang von Freudentränen."

"Ah! Freudentränen sind schön! – Doch jetzt wollen wir lustig sein; bring' deine Arbeit zu Ende, damit die Kinder draussen nicht zu lange zu warten brauchen. – Aber wahr ist es: unser Zimmer ist heute Abend so behaglich, so angenehm, und mir ist dabei so wohl, ich möchte jeder Ecke, jedem Stuhl und Tisch guten Abend sagen und die Wände mit der Hand pätscheln, – es ist hier so warm und wohnlich. – Und dann, was für ein kostbares Souper erwartet uns! – Ein delikater Kalbsbraten und vortreffliche Kartoffeln. eigentlich eine Verschwendung; aber nehm' dich ja zusammen, Clara, dass dir Alles gut gerät und der Braten nicht anbrennt; wir müssen unserem Gast alle Ehre antun, und das Wenige, was wir geben, muss gut sein."

"Meinst du, er werde auch kommen?" fragte Clara schüchtern, indem sie sich gegen den Tannenbaum wandte, um dort noch ein kleines Netz von Papier zu befestigen.

"O unbesorgt!" sprach Herr Staiger mit bestimmtem Tone, "er hat es mir versprochen, und was er mir verspricht, das hält er auch."

"Ja, ja, Papa, wenn er es dir versprochen hat, so wird er auch sicher kommen," erwiderte die Tänzerin, während um ihren kleinen Mund, den sie fest zusammen zog, ein ganz leichtes, leichtes, aber höchst liebenswürdiges Lächeln spielte.

"Da ist mir was eingefallen," sagte Herr Staiger nach einer Pause; "wir hätten wohl mit der ganzen Bescheerung warten können, bis Herr Artur gekommen wäre; ich glaube, es würde ihn freuen, das einmal bei uns mit anzusehen."

"Glaubst du das in der Tat?" fragte eifrig das Mädchen, indem sie sich rasch herum wandte. – "Ach nein! das ist zu kleinlich für ihn; auch würden die Kinder nicht gerne so lange warten."

"O, die Kinder warten schon, wenn wir ihnen sagen, Herr Artur komme; sie haben ihn ausserordentlich lieb."

"Das ist wahr," sagte nachdenkend die Tänzerin mit ganz leiser stimme. – "Aber," fuhr sie lauter fort, "Herr Artur wird wahrscheinlich spät kommen. – Hat er das nicht gesagt?"

"Er meinte, es könnte bis acht Uhr reichen; sie haben natürlicherweise zu Haus auch eine Bescheerung."

"Ah! was werden die vergnügt sein bei ihren vielen schönen Sachen!"

"Davon hängt's nicht ab, mein Kind," entgegnete Herr Staiger. "Hoffen wir nicht auch vergnügt zu sein? Und doch sehe ich bei uns gerade nichts von Kostbarkeiten. – Also Herr Artur versprach mir, um acht Uhr zu kommen; er meinte sich vom Nachtessen dort dispensiren zu können und freute sich sehr auf das unsrige."

"Tat er das wirklich?" fragte Clara anscheinend unbefangen.

"Gewiss, gewiss," antwortete der alte Mann; "das kannst du auch wohl sehen, dass er gerne hier bei uns ist, denn wegen der Illustrationen braucht er nicht so oft zu kommen, wie er es tut."

"So? – glaubst du wirklich?" versetzte die Tänzerin, wobei sie sich rasch abwandte, um nach dem Vorzimmer zu gehen. Doch blieb sie wieder stehen und sagte ohne zurückzuschauen: "Also meinst du wirklich, wir sollen mit der Bescheerung warten, bis er kommt? – Aber die Kinder werden schläfrig und ich kann sie nicht hier in's Zimmer herein nehmen, sonst würden sie ja alle meine Anstalten sehen."

"Weisst du was," meinte Herr Staiger, "so setzen wir uns zu ihnen in das Vorzimmer, es ist da warm genug; unser braver Ofen speit heute Abend eine ausserordentliche Hitze aus."

"Aber du musst die Kinder vorher fragen, ob sie warten wollen; am Weihnachtsabend haben sie darüber zu bestimmen."

"Versteht sich, aber du wirst sehen, wie bereitwillig sie sind."

Dies war denn auch der Fall, und als die Kinder hörten, ihr lieber Herr Artur werde kommen und an der Bescheerung teilnehmen, da waren sie sehr zufrieden und warteten gern noch länger.

"Wohl noch eine ganze Viertelstunde," sagte das Bübchen.

Clara war in dem Zimmer zurückgeblieben und benutzte die augenblickliche Abwesenheit ihres Vaters, um auch für diesen die Geschenke aufzustellen. Sämmtliches für die Familie befand sich auf dem grossen Tische; und über ein kleines Nähtischchen, das daneben stand, hatte die Tänzerin eine Serviette gebreitet,