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Tänzerin; "das wäre noch schöner! Da dürfen keine kleinen Kinder zusehen, sonst fliegt es vorbei und bringt gar nichts. – Also wollt ihr recht brav hier auf dem Bänkchen sitzen bleiben, bis ich euch rufe?"

"Ja gewiss," sagte Marie. "Und ich will dem Karl was erzählen, dann wartet er gerne und schläft auch nicht ein."

"O, ich werde nicht schlafen!" versetzte bestimmt das Bübchen.

Und dann gingen die beiden Kinder mit einander zu einem Fussschemel, und setzten sich darauf hin. Marie nahm die rechte Hand ihres Bruders, und dieser strampelte mit den Füssen und sagte: "Wenn das Christkind nur bald kommt!"

Clara war unterdessen mit leisen Schritten nach dem anderen Zimmer zurückgekehrt und half ihrem Vater noch ein paar bunte Papierstreifen, sowie auch ziemlich dünne Talglichtchen an dem kleinen Weihnachtsbaum befestigen. Dann holte sie all' die prächtigen Sachen hervor, mit denen die Kinder beschenkt werden sollten. Zuerst kam das Nützliche, und zwar für Marie eine neue Schürze und ein kleines wollenes Halstuch, für das Bübchen aber eine Schiefertafel, da die alte im letzten Strassenkampf zu grund gegangen war, ein Federrohr und ein paar von ihm so genannte Herrenstiefel; das waren nämlich Stiefel mit Schäften, wonach er schon lange geschmachtet und die ihm sein Pate Schuhmachermeister verehrt. Hierauf folgte das Angenehme: für das Mädchen eine Puppe, welcher die Tänzerin aus verschiedenen Lappen und Flittern, die sie in der Garderobe gesammelt, ein prachtvolles Ballkleid verfertigt hatte. Die Puppe hatte eigenes Haar und war à l'enfant frisirt; wie ihre Legion von Schwestern schaute sie ungeheuer verwundert in die Welt und hatte dazu die arme und Füsse etwas Weniges verdreht; letztere standen ungeheuer auswärts, und die Finger hielt sie nach Art der preussischen Infanterie: den kleinen Finger an der Hosennaht. – Für Karl hatte Clara längere Zeit zwischen einer Trommel und einem Schaukelpferd geschwankt, sich aber auf Zureden des Vaters für das Letztere entschieden. – "Denn," meinte Herr Staiger, "er würde mit seiner Trommel ein schönes Gerappel machen, was meinem Onkel Tom und dem Herrn Blaffer nicht zu gut käme, und ich muss mich nun doppelt zusammen nehmen, um vortreffliche Arbeit zu machen, denn ich werde jetzt in der Tat so anständig honorirt, dass ich täglich mit Bequemlichkeit über zwei Gulden verdienen kann. – Ich hätte nie geglaubt, dass es mir noch so gut gehen würde."

Clara arbeitete emsig an ihrem Baum, stellte die oben genannten Sachen so prächtig auf und so schön in's Licht, dass sie in der Tat einen grossartigen Effekt machten.

"Weiss der Herr," sagte freundlich Herr Staiger, der, die hände auf dem rücken, behaglich dieser Arbeit zusah; "es geht mir heute Abend wie jenen Savoyardenknaben bei ihrer Melonenschnitte: ich fühle mich auch glücklicher als ein König; es ist das wieder ein angenehmes, liebes Weihnachtsfest, wie sie mir aus meiner Jugend her in Erinnerung sind und wie wir sie einige Male hatten, als deine selige Mutter noch lebte. – Siehst du, Clara," fuhr er gerührt fort, "ich glaube, der liebe Gott hat mein Leben wunderbarlich geführt und gibt mir noch einen fröhlichen Abend des Lebens. Ich weiss nicht wesshalb, aber es kommt mir nun einmal so vor. – Meine Jugend war hell und glücklich beschienen, dann kamen schlimme Jahre und ich musste lange im kalten Schatten dieses Lebens wandeln. Aber jetzt wenn ich so den kleinen Tannenbaum ansehe, wie seine Nadeln bei jeder Bewegung spielen, und wie das Gold durch die feinen Zweige glänzt, jetzt ist es mir gerade, als stände ich auf der Höhe meines Lebens, – das heisst auf der Höhe, auf welche bald die allgemeine Ruhe folgt, – sähe aber vorher noch hinab in ein freundliches, von der Abendsonne beschienenes Tal; ich sehe es hinter den Bäumen stehend, wenn ich aber noch einen kleinen Schritt, noch eine kleine Spanne Zeit vorwärts schreite, so stehe ich unter den sanft rauschenden Zweigen und den leise im Abendwind säuselnden Blättern, und der herrliche Glanz einer niedersinkenden Sonne strahlt prächtig auf meinen Pfad. – – Gewiss, Clara, das fühle ich; und wenn dem so wäre, so würde es mich glücklich machen um deinetwillen. – Ja, mein Kind, wenn nur ein frohes Geschick unser Leben freundlich wenden wollte, so würde ich Gott auf's Herzlichste danken und es als eine Belohnung ansehen für deine unendliche Liebe und Güte für mich alten Mann und deine kleinen Geschwister, denen du Alles bist."

Während Herr Staiger so sprach, blickte er wie träumend und mit so glänzenden Augen, als schaue er wirklich all' das Schöne, in den Tannenbaum. Dabei aber zitterte seine stimme und seine Blicke verdunkelten sich zuweilen seltsam, um gleich darauf ein doppeltes Licht auszustrahlen, – zwei Lichtpunkte, die sich langsam über seine Wangen hinab bewegten.

Clara hielt in ihrer Arbeit inne, als ihr Vater so sprach, und ihr Ohr lauschte gläubig seinen Worten. Auch ihr blick erweiterte sich, ihre Brust hob sich mühsam, von einem unnennbar süssen Gefühl geschwellt, einem Gefühl, das von der Phantasie des alten Mannes ausgehend, bei ihr eine andere und bestimmtere Form gewann. Sollte er vielleicht Recht haben, sollte sich der Abend seines Lebens nochmals verschönern und vielleicht einen noch hellern Glanz auch über sie ausgiessen? – O nein! nein! das war ja unmöglich