darauf ziemlich teilnehmend: "Und weiter ist es nichts?"
Der Doktor schwankte einen Augenblick und war wohl versucht, die Scene, die er heute Abend mit seiner Frau erlebt, den Eltern zu schildern. Doch bemerkte er den lauernden blick seines Schwagers und mochte nun um Alles in der Welt diesem nicht das Vergnügen bereiten, das er immer empfand, so oft er etwas Unangenehmes aus des Doktors Haushalt erfuhr.
"Es ist in der Tat nichts weiter," versicherte aus diesem grund Eduard. "Morgen springen die Kinder wieder herum und werden schon in aller Frühe kommen, um ihre Geschenke abzuholen."
Nachdem die Bescheerung in dem haus des Kommerzienrates auf die eben beschriebene Art stattgefunden, war es der Brauch, dass die Familie gemeinschaftlich ein kleines Souper einnahm. Das geschah denn auch heute; doch kalt und frostig, wie der Weihnachtsabend begonnen, endete er auch für diese reichen und in ihren Kreisen vornehmen Leute.
Der Kommerzienrat war wohl der einzige, der sich dies nicht besonders anfechten liess; er fand das Souper vortrefflich, sprach über die kommenden Feiertage, und fürchtete Schnee und Regen, wobei er mehrmals das Sprichwort zitirte, dass grüne Weihnachten weisse Ostern brächten. Hie und da redete er auch Einiges über Politik, über das mutmassliche Fallen und Steigen der Papiere oder über irgend eine grossartige Spekulation, die hier oder dort gelungen oder misslungen sei.
Alfons allein gab der Mutter zusammenhängende und richtige Antworten, die Uebrigen schienen alle mehr oder minder zerstreut zu sein.
Die Rätin sass aufrecht in ihrem stuhl und nickte jedesmal dankend mit dem kopf, so oft der Bediente eine Schüssel präsentirte. Sie ass nur einige Löffel Kompott und trank etwas roten Wein mit wasser dazu, im Uebrigen aber hustete sie oftmals in ihr Sacktuch hinein, machte auch kleine Trommelversuche, die sie aber alsbald wieder einstellte, denn das Tischtuch dämpfte jeden schönen Klang.
Am einsilbigsten war Artur; die Unterredung mit der Mutter hatte ihn verstimmt und betrübt, das Aufgeben der Soirée musste notwendiger Weise auf das feine und richtige Gefühl der Doktorin einen peinlichen Eindruck machen. Dabei schien sich der Maler heute Abend im Kreise der Familie auch noch aus andern Gründen sehr unbehaglich zu fühlen und sich sobald als möglich hinweg zu sehnen. Er soupirte mit ausserordentlicher Hast, ohne desshalb den gang des Ganzen auch nur im Geringsten beschleunigen zu können, und dabei blickte er häufiger als gerade notwendig war, auf die Standuhr seinem Platz gegenüber, die, so langsam ihr Zeiger auch fortschritt, doch schon halb Zehn anzeigte. – "Spät! spät!" murmelte er ungeduldig in sich hinein.
Selbst Marianne, die oftmals bei ähnlichen Veranlassungen die Kosten der Unterhaltung allein trug, und bald mit Diesem, bald mit Jenem plaudernd, einiges Leben hinein brachte, war nachdenkend, blickte häufig starr auf ihren Teller und fuhr wie erschreckt empor, wenn sie der Papa etwas fragte. Doch war es nicht die allgemeine Langeweile, die auch sie bedrückte, sie war ja an der Seite ihres einsilbigen und oft mürrischen Mannes, sowie auch, da sie im haus wohnte, und sich viel in Gesellschaft der Mutter befand, dergleichen schon gewöhnt. Heute Abend war etwas besonders Eigentümliches passirt. Vor ein paar Stunden ging sie absichtslos mit leisen Schritten bei dem Zimmer ihres Mannes vorbei und sah durch die ein wenig geöffnete tür, dass er ein Paket Damenhandschuhe – Frauen pflegen sich darin nicht zu irren – sauber in weisses Papier einschlug, mit einer roten Schnur umgab, siegelte und überschrieb. Anfänglich dachte sie, es sei das eine Ueberraschung für den heutigen Abend. Aber wozu dann siegeln und überschreiben, wenn man im gleichen haus wohnt? – Sie konnte das nicht vergessen, und als sie an den Tisch trat, wo ihre Sachen lagen, war ihr erster blick nach den Handschuhen; aber unter all den Sachen war nichts, was jenem Paketchen ähnlich gesehen hätte. – Sie schüttelte den Kopf und konnte es nicht vergessen. –
Wenn uns der geneigte Leser freundlich folgen will, so verlassen wir das reiche Esszimmer des Kommerzienrats, den kostbar servirten Tisch mit seinem Silbergeräte, seinem feinen Kristall und Porzellan und seinen verdriesslichen Gesichtern, – wir verlassen es, schauen uns aber unter der tür nach Artur um, der, den blick auf Mama geheftet, nicht erwarten kann, bis sie ihre Serviette hinlegen und so das Zeichen zum Aufbruch geben wird. – Wir verlassen das Haus und wandeln durch die stiller gewordenen Strassen nach der Balkengasse, wir treten in ein uns schon bekanntes Haus; doch ehe wir die Treppen hinauf steigen, wollen wir uns erlauben, einen blick rückwärts zu tun, rückwärts in der Zeit nämlich, um zu sehen, wie unsere Freunde hier den heiligen Christabend zugebracht.
Da Herr Staiger, wie wir bereits wissen, nur zwei Zimmer bewohnte, die noch obendrein so gelegen waren, dass man durch das eine musste, um in das andere zu gelangen, so würde es ausserordentlich schwer gewesen sein, im Geheimen die Vorbereitungen zur Weihnachtsbescheerung zu treffen, wenn sich Clara nicht wie in allen Dingen, so auch hierin sehr gut zu helfen gewusst hätte. Im Vorzimmer nämlich traf sie alle ihre Anstalten; dort stand der kleine Tannenbaum, den sie für weniges Geld gekauft, und dort wurde er mit einigen Aepfeln, mit Flittergold und ein paar Kerzchen aufgeputzt und besteckt.
Damit nun diese Vorbereitungen von den Kindern nicht gesehen würden, hatte die ältere Schwester ihnen eingeschärft, stets die Augen zu schliessen oder nach der rechten Seite zu