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, Artur," nahm der Kommerzienrat das Wort, "und dass man sich alsdann auf Gnade und Ungnade ergibt."

Die Rätin trommelte leise auf den Tisch, und ihre Blicke schweiften mit ausserordentlicher Majestät durch das Zimmer.

"Du aber hast kapituliren wollen und sogar Bedingungen vorgeschrieben," bemerkte Herr Alfons lachend. "Mama war so gütig, dich für den begangenen faux pas nicht sogleich vor der ganzen Gesellschaft blosszustellen, nun aber hättest du nach der probe die Angelegenheit mit deiner schönen Doktorin bestens arrangiren sollen."

"Das konnte ich nicht," sagte Artur bestimmt; "ich mag Niemanden, am allerwenigsten meine besten Freunde, vor den Kopf stossen. Bin ich voreilig gewesen, so tut es mir leid; aber wenn Mama die lebenden Bilder zur Ausführung bringt, so kann das Decamerone von Winterhalter in der gleichen Besetzung wie bei der probe nicht fehlen; wenigstens ich für meinen teil kann nichts dazu tun."

"Wenn man aber mit dem Doktor spräche?" meinte Alfons.

"Hast du vielleicht Lust dazu?" fragte Artur.

"Es wäre das nicht meine Sache; aber wenn vielleicht Papa –"

"Nein; ich muss für solche Kommissionen danken," entgegnete der Kommerzienrat. "Der Tausend auch! was ich nicht eingebrockt, das esse ich auch nicht aus."

Die Rätin hatte ihren Mund fest zusammen gezogen und schien das Gespräch ohne alle Teilnahme anzuhören; doch wer den blick ihrer Augen kannte, wusste, dass diess nicht der Fall war.

"Die Frau hätte aber leicht merken können, wie unangenehm es Manchen der Mitwirkenden war, als du ihr so unverhofft diesen ausgezeichneten Platz anwiesest."

"Bah!" sagte Artur, "das freut Keine von einer Anderen, und ihr möchtet hinstellen, welchen Maler ihr wollt, er fände kein passenderes Gesicht für diese Königin, als gerade das der Doktorin F., umgeben von all' den schönen Mädchen, die wir zusammengelesen. – Ach, Mama," wandte er sich schmeichelnd an die Rätin, "seien Sie diesmal nachsichtig, lassen Sie meinetwegen, um mit Papa zu reden, Gnade für Recht ergehen. – Denken Sie doch nach, wer hat sich eigentlich über diese geschichte beleidigt gefühlt? – Die alte Frau v. W., die es Ihnen, Mama, nie verzeihen kann, dass Sie so prächtige Soiréen zu arrangiren im stand sind. Und dann vielleicht die Töchter des Oberregierungsrats D. mit ihrem schlackeligen Bruder, – eine hochmütige Familie, die ja schon früher einmal mit uns im Unfrieden lebte, weil sie sich gegen uns so ausserordentlich herausfordernd benommen."

Artur manövrirte ziemlich klug, und man sah, wie sich die Nase der Rätin bei der Erwähnung der Familie des Oberregierungsrats D. immer höher erhob. Die Anspielung auf eine Streitigkeit zwischen beiden Häusern war allerdings zutreffend und es konnte diesseits niemals vergessen werden, dass die Frau Oberregierungsrätin vor einigen Jahren in einer Soirée, als von Vorfahren die Rede war, die Frechheit gehabt hatte, zu behaupten, der Urgrossvater des Kommerzienrats sei wirklich ausübender Barbiergehilfe gewesen; wogegen derselbe in Wahrheit als wundärztlicher Gehilfe bei einem renommirten arzt seiner Zeit fungirt haben sollte, wie die Ueberlieferungen des Hauses des Kommerzienrates deutlich besagten.

"Also ich unterwerfe mich auf Gnade oder Ungnade," fuhr Artur lachend fort, "aber dann tun Sie mir für dieses Mal den Gefallen, Mama, belassen Sie die Sache, wie sie ist und bringen Sie mich nicht in den unangenehmen Fall, gegen den Doktor und seine Frau Schritte tun zu müssen, die von höchst ernsten Folgen sein könnten. – Gewiss, Mama, Ihre Soirée muss glänzend werden; man soll davon noch Jahre lang sprechen, und Sie können mir glauben, alle Bilder müssen superb gelingen, und das Decamerone wird sich nicht am schlechtesten ausnehmen."

"W ü r d e sich vielleicht nicht am schlechtesten ausnehmen, willst du sagen," entgegnete streng die Rätin; "von w i r d kann nicht die Rede sein, da ich beschlossen habe, dass die ganze Soirée unterbleiben soll."

"Ah! das ist etwas Anderes," erwiderte Artur mit kaltem Tone, indem er sich von dem Tische zurückzog; "dann habe ich freilich nichts mehr zu bitten. Verzeihen Sie, Mama!"

Es entstand jetzt eine unangenehme Pause, und obgleich sich alle Anwesenden mit dem Beschauen ihrer Sachen zu beschäftigen schienen, so hörte man doch keine Ausrufe der Freude, kein lautes gegenseitiges Mitteilen: Jedes sah stumm auf seinen Platz nieder und man vernahm während mehrerer Minuten nichts als das Picken der Standuhr oder das Knistern der kleinen Wachskerzen an den Bäumen.

"Wo ist denn deine Frau?" fragte endlich Mama ihren Sohn. – "Heute Abend hätte ich sie sicher erwartet. Soll ihr Tisch dort wieder unberührt stehen bleiben?"

"Ich muss um Verzeihung bitten," erwiderte der Doktor, während er an das Sopha trat, "dass ich Berta nicht schon längst entschuldigte. Die Kinder hatten ein kleines Malheur, – ziemlich unbedeutend: der Tannenbaum geriet in Brand und versengte etwas Weniges Oskars Haare. – Nun muss doch Jemand bei den Kindern bleiben, und Berta –"

"Deine Frau als gute Mutter blieb zu Haus," warf Alfons mit einem unangenehmen Lächeln dazwischen. "Ja, das kann ich mir denken; eine Mutter lässt ihre Kinder nicht gerne allein."

Die Kommerzienrätin blickte ihrem Sohne forschend in die Augen und fragte