eine Mutter, die sich vorstellen muss, ihr Kind, von fremden Leuten festgehalten, werde jetzt misshandelt und müsse leiden unter Frost und Hunger, leicht zum Aeussersten zu bringen sei und sich gern zu den gewaltsamsten Massregeln verstehe.
Nach diesen Betrachtungen schritt er kopfschüttelnd in sein Arbeitszimmer zurück, zog seinen warmen Paletot wieder an, nahm Hut, Stock und Hausschlüssel und ging die Treppen hinab, nachdem er vorher die Köchin beauftragt, es Madame, die noch nicht zurückgekehrt war, zu berichten, dass er den Rest des Weihnachtsabends bei seinen Eltern zubringen werde.
Neunundvierzigstes Kapitel.
Reiche und arme Leute.
In dem haus des Kommerzienrates war es seit langen Jahren der Brauch gewesen, dass sich die ganze Familie am Weihnachtsabend zur Bescheerung dort versammelte. Als dies eingeführt wurde, hatte man auch an zukünftige Kinder gedacht, und sollten diese von der ganzen Familie ebenfalls mitgebracht werden. Nun aber beschränkte sich die Nachkommenschaft auf die beiden Sprösslinge des Doktors, welche wohl in den ersten Jahren erschienen, dann aber wegbleiben mussten, weil es, wie Marianne versicherte, ihren Mann, den Herrn Alfons, nie so schmerzlich berühre, dass er selbst keine Nachkommen habe, wie an diesem Abend, wo er die Lust und das Vergnügen der anderen mit ansehen müsse. Der Doktorin war es schon recht, dass sie ihre Kinder nicht mehr mitzubringen brauchte, denn hiedurch hatte sie nun auch zuweilen einen Vorwand, um zu haus bleiben zu können.
Dass durch diese Massregel die Weihnachtsabende im haus des Kommerzienrats an grosser Heiterkeit gewonnen, wollen wir gerade nicht behaupten. – Im Gegenteil! Die lustigen Kinderstimmen hatten anfangs doch einige Abwechslung in die feierliche und manchmal frostige Unterhaltung gebracht.
Die alte Rätin, welche die ganze Bescheerung, wie überhaupt fast Alles im haus, leitete, liess für jedes ihrer Kinder – darunter war diesmal auch der Schwiegersohn verstanden – einen sehr hübschen Baum machen, vor welchem ein Tischchen stand, worauf die Geschenke ausgebreitet waren.
Diese Bescheerung wurde im Wohnzimmer der Rätin abgehalten, und wenn Alles bereit war, so setzte sie sich in ihre Sophaecke, läutete nach einiger Zeit mit der Klingel, der Bediente öffnete die tür und die Kinder traten herein.
Der Kommerzienrat zählte sich an solchen Abenden auch mit darunter, und er war es in der Tat allein, der seine Freude noch mit einem gewissen Anflug von Kindlichkeit kundgab. gewöhnlich blieb er wie geblendet unter der tür stehen, und rief fast jedesmal aus: "Ah! das übertrifft heute alle früheren Jahre! – unbedingt alle früheren Jahre! Mama, du hast wahrhaft verschwendet in vergoldeten Nüssen und Wachskerzen. – Kinder," fuhr er dann lustig fort, nachdem er seiner Frau dem Herkommen gemäss zuerst die Hand geküsst, "bedankt euch bei Mama, denn die Tische scheinen mir sehr schön besetzt zu sein."
Jedes wusste, wo sein Platz war, und nachdem alle dort die meistens sehr schönen Sachen flüchtig übersehen, folgten sie dem Beispiel von Papa und küssten der Kommerzienrätin ebenfalls die Hand.
Die Bescheerungen bestanden für die Damen aus schweren seidenen Stoffen zu Kleidern und Mänteln, oder aus kostbaren Schmucksachen, aus bisher noch fehlenden Stücken zum Silbergeschirr, aus einem Fussteppich, aus Bronzegegenständen aller Art oder aus Stickereien. Letzterer Artikel aber wurde von Jahr zu Jahr seltener.
Artur, als der Jüngste, erschien natürlicherweise auch zuletzt, um Mama die Hand zu küssen, doch blickte die Rätin, als er heute vor sie hintrat, wie unabsichtlich in den leeren Raum hinaus, und mit ihrer Hand, statt sie dem Sohne darzureichen, fasste sie das Sacktuch und führte es an die Lippen, da sie gerade leicht hustete.
Der Maler liess sich aber durch dieses Zeichen einer fortdauernden Ungnade nicht abschrecken, sondern wartete geduldig eine ziemliche Zeit, bis Hand und Sacktuch wieder auf dem Tische ankamen, dann ergriff er Beides zugleich und drückte seine Lippen auf die Hand der Mutter. Die Rätin warf ihm dabei einen blick zu, der nicht übermässig freundlich war, aber auch nicht mehr so finster und zornig, wie er es in den letzten Tagen nach jener unglückseligen probe der lebenden Bilder gewohnt war.
"So ist's recht, Mama," flüsterte der Kommerzienrat seiner Frau über die Schultern zu, "lass den Groll fahren; man kann doch nicht immer so fort machen; und gewiss hat Artur sein Unrecht eingesehen."
Die Rätin hob ihren Kopf etwas empor, die spitze Nase und die grauen Augen wandten sich ziemlich drohend gegen den Gemahl, als sie erwiderte: "Das Letzte kann ich nicht glauben, denn wenn Jemanden seine Handlungsweise leid ist, so tut man Schritte, um sein Unrecht wieder gut zu machen. Und das hat Artur nicht getan."
"Aber Mama liessen mich ja seit jenem Tage nie über diese Angelegenheit zu Worte kommen, so oft ich das auch versuchte," versetzte der Maler. "Sie wünschen ja beständig, ich solle darüber schweigen."
"Allerdings wünschte ich das," antwortete die Rätin, "denn alle deine Reden, die du an mich hieltest, zielten darauf hin, gegen mich den Beweis zu führen, dass du doch nicht so Unrecht gehabt und dass ich die Sache zu ernst genommen. – In solchen Fällen aber," fuhr sie strenger fort, "besonders wo es den Anstand des Hauses betrifft, den ich nie ungestraft verletzen lasse, verlange ich, wenn dies doch einmal geschehen, dass man rückhaltslos sein Unrecht einsehe."
"Ja, ja