bin ich auch einverstanden, dass Sie nicht zu beweisen im stand sind, jenes Kind, das Sie vielleicht finden, sei das Ihrige. Was nun aber List oder Gewalt anbelangt, so weiss ich nicht, welche Kräfte Sie zu Ihrer Verfügung haben und ob Sie wohl des Gelingens gewiss sind."
"Der Zimmermann, von dem ich mit Ihnen vorhin sprach," versetzte Katarine, "hat sich mit Mehreren vereinigt, und die wollen nun in einer Nacht mit Gewalt in das Haus des Meister Schwemmer dringen, nach dem kind sehen, und dieses, wenn sie es finden, mitnehmen."
"Das wäre offenbar Einbruch oder wenigstens Störung des Hausfriedens, und dazu könnte ich Niemand raten."
"Aber sie wollen ja nichts stehlen," entgegnete unbefangen das Mädchen, "sie wollen ja nur mein Kind wieder nehmen."
Der Doktor schüttelte ernstaft mit dem kopf.
"Oder," fuhr Katarine fort, "können sie es auch noch auf andere Art, mit List, versuchen."
"Das ginge eher. – Aber auf welche Art?"
"Der Garderobegehilfe, von dem ich Ihnen früher sprach, und der zuweilen den Meister Schwemmer besucht, will an einem gewissen Abend hingehen und ihnen von seinen Geschichten erzählen. Er tut das oft, und der Meister Schwemmer, sowie die übrigen Gesellen, die wohl da sind, machen sich alsdann über den alten Herrn Schellinger lustig, und es gibt bisweilen kleine Streitigkeiten, die aber, weil er als ein alter schwacher Mann natürlicherweise nachgeben muss, bald zu Ende gehen. An dem Abend aber will er einen ernstlichen Streit herbeiführen, will nicht nachgeben und sich so lange mit Ihnen herumzanken, bis ihn Einer von den Leuten anfasst, – dann schreit er um Hilfe, und der Zimmermann und seine Freunde, die schon lange um das Haus herum versteckt warten, eilen nun herbei, befreien ihn und halten dann ein klein wenig Haussuchung."
"Das ist schon eher etwas, was sich hören lässt," sagte lächelnd der Doktor. "Es ist freilich von dem alten Herrn ein gefährliches Unternehmen, in ein solches Wespennest hinein zu stechen; aber am Ende könnte die Sache auf diese Art doch gelingen."
"Und Sie, Herr Doktor, halten es für kein Unrecht, für keine Sünde, wenn ich einen solchen Versuch mache, mein Kind wieder zu erhalten? – Sie werden mir nicht davon abraten?"
"Zwischen abraten und Ihnen zugeben, dass ich es für kein Unrecht oder keine Sünde halte, ist ein grosser Unterschied. Was das Letztere betrifft, so sage ich aus voller überzeugung, dass ich es am Ende sogar für verzeihlich halte, wenn Sie alle Schritte tun, Ihr Kind wieder zu bekommen. – Aber Ihnen raten zu einer Tat, die, wenn auch mit List begonnen, doch sehr gewalttätig enden kann, das mag ich nicht."
"Das ist ja auch mein Hauptkummer," entgegnete Katarine nach einer kleinen Pause, "dass Andere, die ich eigentlich gar nichts angehe, für mich handeln, ja vielleicht für mich leiden sollen, denn Sie haben Recht: es könnte da eine schlimme geschichte entstehen. Aber wenn ich bedenke, dass mein Kind in Kummer und Not zu grund gehen soll, und dass ich es vielleicht auf diese Art zu retten vermag, – o Herr Doktor, da kann ich nicht lang überlegen; ich nehme die mir dargebotene Hilfe an."
"Wenn es gelingt," versetzte er nachdenkend, "so könnte es zu einer hübschen Strafe für jenes Volk werden. – Und ich will Ihnen etwas sagen," fuhr er lächelnd fort, "da Sie mich nun einmal um Rat gefragt und zum Vertrauten Ihres Geheimnisses gemacht, so will ich Ihnen dazu helfen, soweit meine Kräfte reichen und Ihren Plan etwas ändern, wenigstens, so denke ich, verbessern."
"O wie danke ich Ihnen für Ihre freundlichen Worte!" rief das Mädchen und wollte seine Hand ergreisen, um sie zu küssen.
Doch zog er sie hastig zurück und sagte: "Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich es ein paar Tage vorher wissen, wenn die bewusste Sache vor sich gehen soll. Ich will dann irgend Jemand veranlassen, in der Nähe zu sein, damit, wenn Ihr tapferer Schneider und seine Zimmerleute Hilfe gebrauchten, diese zur rechten Zeit nicht fehlt. Aber sprechen Sie jetzt mit Niemand mehr über diese Sache, gehen Sie ruhig nach haus und wie gesagt, versäumen Sie es ja nicht, mich zur gehörigen Zeit zu benachrichtigen."
Damit erhob sich der Doktor, Katarine stand zu gleicher Zeit auf, sprach noch einige innige Worte des Dankes und versicherte, sie werde gewiss nicht vergessen, den Tag und die Stunde genau anzugeben. Sie wandte sich hierauf zum Weggehen, und der Doktor begleitete sie freundlich bis an die Glastüre, die er öffnete und hinter ihr wieder verschloss. Dann ging er zu seinen Kindern, sah ihren Verband nach und befühlte ihnen Stirne und hände; doch schliefen sie ruhig, alle Aufregung hatte sich gelegt, und nur die weissen Binden um den Kopf stachen seltsam ab von den frischen blühenden Gesichtern.
Als der Doktor die beiden Kinder so ruhig vor sich schlafen sah und bemerkte, wie behaglich sie in ihren warmen Bettchen ausgestreckt lagen, da dachte er wieder an jene arme person, die ihn eben verlassen, und er begriff besser, als es der Geistliche getan, dass