mehr wieder haben, denn auf gütlichem Wege geben sie mir es nicht heraus."
"Das glaube ich auch," meinte der Arzt; "denn sonst würden sie ja den Tausch eingestehen sowie den unterschobenen Todtenschein."
"Aber was soll ich machen, wenn ich es nicht in Gutem heraus kriege? – Ich weiss dann nur ein Mittel, und das ist das gleiche, mit dem sie mir mein Kind entwendet, die Gewalt. Und so muss ich es auch wieder zu bekommen suchen."
"Das wird aber ein schwieriges Unternehmen sein; denn bei d e n Leuten Gewalt anzuwenden und mit Gewalt etwas zu erlangen, ist wohl, kaum möglich."
"Vor den Schwierigkeiten, die es hat, schrecken wir nicht zurück," entgegnete Katarine, "aber vor etwas Anderem, und desshalb bin ich auch eigentlich hieher gekommen, um darüber Ihren Rat zu hören. – Man hat mir also mein Kind gestohlen, und in der Absicht, es mir nicht zurückzugeben, hält man es verborgen und von mir entfernt. Glauben Sie nun, Herr Doktor, dass es von mir Unrecht oder, wenn Sie wollen, eine Sünde ist, wenn ich den Versuch mache, mein Kind wieder zu erhalten, sei es durch Güte, sei es durch Gewalt?"
"Das ist eine eigentümliche Frage, und zur Beantwortung derselben sollten Sie sich eher an einen Pfarrer als an mich wenden, der kann Ihnen diesen Fall klarer und besser auseinander setzen."
"Ach mein Gott! das habe ich ja schon getan," erwiderte das Mädchen, indem es kummervoll seine hände faltete; "heute tat ich es und trug einem Geistlichen die ganze geschichte so vor, wie ich sie Ihnen soeben erzählte."
"Und der meinte –?"
"Ach! wenn ich Ihnen das sage, so sind Sie vielleicht auch derselben Ansicht."
"O nein, gewiss nicht! Ich lasse mich nicht leicht durch anderer Leute Meinung bestimmen."
"Er meinte also," fuhr Katarine in einem dumpfen Tone fort, nachdem sie mit der Hand über die Augen gefahren, – "er meinte – fast dasselbe wie der Advokat, nur mit ganz anderen Worten. Ich soll auf das Heil meiner Seele denken, sagte er, und mich nicht so viel mehr mit dem Irdischen befassen. – Was das Kind anbelange, so fuhr er fort, der Herr habe es gegeben, der Herr habe es genommen, und wenn es sein weiser Ratschluss wäre, es nochmals meinen Händen anzuvertrauen, so würde das gewiss auch ohne mein Zutun geschehen. – Aber Gewalt mit Gewalt zu vertreiben sei Unrecht, und sündhaft, unserem Nebenmenschen Unrecht zu tun, weil er uns welches getan. – Und damit entliess er mich, indem er versicherte, in diesem speziellen Falle durchaus nichts für mich tun zu können; er möchte wohl den Versuch machen, das Herz jenes Meister Schwemmer zu rühren und ihm vielleicht ein Bekenntniss zu entlocken, aber es sei ihm das jetzt unmöglich, weil er gerade im Begriffe stehen, zum allgemeinen Kirchentag abzureisen. – Sehen Sie, Herr Doktor, das macht mich zweifelhaft; denn ich will Ihnen nur gestehen, vor langen Jahren im Leichtsinne der Jugend, wo ich noch glaubte, die ganze Welt stände mir offen, hätte ich darauf nichts gegeben, jetzt aber, wo ich wohl fühle, dass meine Tage gezählt sind, hat mich diese Rede durchschauert und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Wen konnte ich noch um Rat fragen? – Ich habe ja Niemand in der weiten Welt, der einen innigen Anteil an mir zu nehmen hätte. – – Da sah ich Sie heute, es war bei einer armen Familie in der unteren Stadt, wo ich öfters nähe, und wo auch Sie hinkamen am heutigen heiligen Abend, um nach der kranken Frau zu sehen und den Kindern dabei einige Weihnachtsgaben zu bringen. – Das hat mich so gerührt, dass ich Ihre Hand hätte küssen mögen und dass ich nachher noch lange geweint habe. – Und als die Frau Ihnen klagte, ihre Schwermut nehme so überhand, sie könne sich wohl nimmermehr aus ihrer Krankheit und ihrem Elend emporraffen, und sie bitte nur Gott um ein sanftes Sterbestündlein, da sprachen Sie: diese Rede ist nicht recht, Frau; man muss freilich auf Gott vertrauen, aber dabei nicht die hände in den Schoss legen, wer sich selbst verlässt, den verlässt auch er; Wunder geschehen nicht mehr heutzutage, und wenn man in eine schwierige Lage kommt, so muss man Hand und Fuss regen, um über dem wasser zu bleiben. – Also Mut! Mut! – Dieses Mut! Mut! mit dem Sie das Zimmer verliessen, Herr Doktor, klang auch in meinem Herzen wider und tönte dort immer fort. Ja, sagte ich zu mir, wer sich selbst verlässt, den verlässt auch der liebe Gott. Und nun stand auf einmal der Wunsch in mir fest, Sie um jeden Preis zu sprechen, Ihnen meine Sache vorzutragen und um Ihren Rat zu bitten. – Und das habe ich nun nach meinen besten Kräften getan."
Der Arzt hatte dieser längeren Rede aufmerksam zugehört, zuweilen mit dem kopf genickt und über den Unfall nachgedacht. – "Da wäre freilich zu überlegen, was zu machen ist," sagte er nach einer grösseren Pause. "Mit Hilfe der Gerichte, denke ich mir wohl, ist nichts auszurichten, denn darin