Mittel gefunden, es auf die angegebene Art auf die Seite zu schaffen."
"Das ist ja ein Verbrechen!" rief der Arzt.
"Gott sei Dank, dass sie kein schlimmeres begingen, dass sie wenigstens das Kind am Leben liessen! – Sie haben es also fortgeschafft und ein anderes krankes Kind dafür hingebracht, das nun gestorben ist und über dessen Tod jener Schein ausgestellt wurde."
"Möglich! – möglich!"
"Nicht nur möglich," entgegnete das Mädchen, während es sich mit seiner zitternden Hand über die Stirne fuhr, "es ist gewiss, wir haben Beweise dafür, die besten, vollgiltigsten Beweise; wir wissen, wo sich das Kind aufhält, können es aber nur mit grossen Schwierigkeiten wieder erlangen."
"Das kann ich mir wohl denken," versetzte der Doktor. "Doch bitte, erzählen Sie mir das, wenn es Sie nicht zu sehr anstrengt."
"O nein," erwiderte das Mädchen mit strahlenden Augen. "Diese erlaubnis macht mich glücklich; ich kam auch desswegen hieher, und weiss nicht, wie sehr ich Ihnen danken soll, dass Sie so freundlich sind, die Leidensgeschichte eines armen unbedeutenden Geschöpfes, wie ich bin, anzuhören."
"Das ist ja für uns nichts Neues," sagte freundlich der Arzt, "wir sind auch eine Art von Beichtigern, und da wir den Ursprung der äusserlichen menschlichen Leiden im Verlaufe der Krankheiten meistens erkennen, so ist es uns leicht, aus einzelnen Ausrufen des Schmerzes und der Verzweiflung eine ganze Lebensgeschichte zu erfahren. Und da hat ein Wort des Trostes aus unserem mund oft schon besser getan als die kräftigste Arznei; darum sprechen Sie ohne Rückhalt."
"Ich stehe ziemlich allein in der Welt," sprach das Mädchen hierauf mit einem trüben Lächeln; "es kümmert sich wohl Niemand um mich, und ich mich, seit das Kind verschwunden ist, leider auch nicht mehr so recht innig um irgend eine Seele. Früher war das anders und ich hatte die Menschen viel lieber. – Also das Kind war verschwunden, es sollte tot sein; man gab mir ja den richtig ausgestellten Schein darüber. Ich muss gestehen, dass ich damals so schwach war, in eine Ohnmacht zu fallen. Das war im haus einer gewissen Madame Becker."
Der Doktor blickte nachdenkend in die Höhe und zog die Augenbrauen zusammen.
"Meine Eltern hatten diese Madame Becker gekannt," fuhr Katarine schüchtern fort, da sie die sonderbare Miene des Arztes bemerkte. "Ich weiss, man sagt dieser Frau nicht viel Gutes nach, aber ich kenne besonders ihre Nichte, die ich auch früher häufig besuchte –"
"Ah! die Tänzerin! –"
"Dieselbe; – gewiss in jeder Beziehung ein braves und rechtschaffenes Mädchen."
"Ja, das soll sie sein," sagte der Dokter mit einem eigentümlichen Lächeln. "In der Tat eine Tugend, die schon manchen bösen Winken widerstanden. – Ich habe davon gehört," setzte er mit dem kopf nickend nach einer kleinen Pause hinzu. – "Aber fahren Sie fort!"
"Ich verlor also die Besinnung," erzählte Katarine weiter, "als jene Frau, der ich mein Kind anvertraut hatte, mir bei Madame Becker so unverhofft die Todesnachricht brachte."
"Wie hiess diese Frau?"
"Frau Bilz."
"A – a – a – h!"
"Meine Freundin, die Tänzerin, die mein Schicksal ausserordentlich interessirte, hörte nun ein paar Worte, welche jene beiden Frauen im Nebenzimmer zusammen sprachen, und glaubte daraus zu entnehmen, dass mein Kind nicht gestorben, sondern, wie ich schon früher sagte, mit einem anderen vertauscht worden sei. – Ich wandte mich an einen Polizeidiener, den ich kannte, dieser versicherte mir aber, wie eben der Herr Doktor, der Todtenschein sei richtig, und wenn man die Sache anhängig machen könne und das Kind wieder ausgraben lasse, so werde es mir dagegen schwer, ja unmöglich sein, Beweise dafür beizubringen, dass das verstorbene Kind nicht das meinige gewesen sei. Eine gleiche Antwort erhielt ich von einem Advokaten, an den ich mich wandte, welcher obendrein meinte, ich solle lieber die Sache auf sich beruhen lassen, möglich sei es ja doch, dass mein Kind wirklich gestorben, und ich sei dadurch bei meiner augenscheinlichen Armut und Kränklichkeit einer grossen Last überhoben. – Der Advokat aber hatte keine Kinder, Herr Doktor, und wusste nicht, wie lieb man ein solches kleines Wesen haben kann, welche Seligkeit es ist, sein Gesicht, seine Aermchen und seine hände mit Küssen zu bedecken und zu sehen, wie es täglich grösser wird und erstarkt, – oder wenn es elend und schwach bleibt, wie wohl es ihm tut, wenn man es an's Herz drückt, und wenn man es in den Armen einschläfert. – Aber da schwätze ich wieder," unterbrach sie sich schmerzlich lächelnd, indem sie mit der Hand einige Schweisstropfen abwischte, die auf ihrer kalten Stirne standen. – "Verzeihen Sie mir, Herr Doktor, aber ich will jetzt ganz bei der Sache bleiben."
Ihr Zuhörer hatte den Kopf in die Hand gestützt, und er hatte die Worte des armen Mädchens wohl begriffen. "Ah!" dachte er seufzend, "noch ungleicher als die Glücksgüter sind in diesem Leben die schönen und zarten Gefühle verteilt. Warum denkt nicht jenes Weib wie dies arme geschöpf!"