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: "Um Ihre Hilfe bitte ich wohl, Herr Doktor, das heisst, nur um Ihre Hilfe in Wortenum Ihren Rat."

"Aha! – Also doch eine Art ärztlicher Konsultation? – So bitte ich, Platz zu nehmen."

Dabei stand er auf, schob ihr einen Stuhl hin und hob alsdann den Schirm von der Lampe, so dass das volle Licht auf des Mädchens Gesicht fiel. Ein blick auf diese Züge belehrte übrigens den Arzt, dass er doch eine Kranke vor sich habe, und zwar eine schwer Kranke, eine Unheilbare. – Es war Katarine, die Nähterin, die sich nun vor ihm auf den Stuhl niederliess, und deren Brust sich heftig hob und senkte, wobei sie den Mund leicht geöffnet hatte und die Nasenflügel zitternd jedem Atemzuge folgten. Die Wangen waren noch bleicher als vor einiger Zeit, und die Röte auf den selben dunkler und brennender.

"Vor allen Dingen," sprach das Mädchen, "muss ich Sie um Verzeihung bitten, dass ich es gewagt, Sie am heutigen heiligen Abend zu stören; vielleicht hatte ich Unrecht, aber ich dachte mir, der Christabend mit seinen Freuden, mit den angenehmen Stunden, wenn man den Kindern etwas bescheert hat, mache Sie noch freundlicher gesinnt als Sie sonst wohl sind, und geneigter, etwas für mich zu tun."

"Wenn es in meiner Macht liegt, Ihnen zu helfen, so soll es geschehen," entgegnete der Doktor. – "Sprechen Sie!"

Katarine tat einen tiefen Atemzug, dann zog sie ihr Umschlagtuch mit den zitternden Fingern etwas von der Schulter herab und sagte, indem sie die glänzenden Augen niederschlug: "Es wird mir recht schwer, anzufangen, Herr Doktor; aber dem arzt kann man ja Alles sagen wie dem Pfarrer, und so will ich denn auch Ihnen beichten. – Ich hatte ein Kind, ein kleines, liebes Kind –"

Der Doktor wollte eine Frage tun, doch kam ihm Katarine zuvor, indem sie fortfuhr:

"Nein, nein, ich bin nicht verheiratet."

"Nun denn, so erzählen Sie weiter," sprach er mit gutmütigem Tone.

"Dieses Kind hatte ich zu einer Frau getan, die es recht ordentlich verpflegte; es gedieh auch, – so schien es mir wenigstens, – denn wenn ich Sonntags zu ihm ging, so konnte ich schon bemerken, dass seine Bäckchen dicker wurden, und auch die Aermchen und hände. – Man sieht so was leicht."

"Und das Kostgeld bezahlten Sie aus eigenen Mitteln?" fragte der Doktor. – Er hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und betrachtete die person vor sich mit aufmerksamen Blicken.

"Aus eigenen Mitteln," wiederholte sie. "Ich brauche ja für meine person nicht viel, und wenn man für sein Kind arbeitet, so ist es gar nicht mühsam, vom Morgen bis in die Nacht zu nähen, – gewiss nicht."

"Aber der Vater dieses Kindes?" fragte der Doktor zögernd.

"O ich wollte nichts von ihm," erwiderte Katarine, indem sie die Hand ausstreckte, "nicht einen Kreuzer mehr, nachdem er mich verlassen."

"Ah so! – ich verstehe."

"Ich war so glücklich mit meinem kleinen kind, so glücklich, dass ich es gar nicht sagen kann. Ich muss Ihnen das gestehen, Herr Doktor, damit Sie auch begreifen, wie sehr mich der fürchterliche Schlag traf, als man mir eines Tages sagte, das Kind sei plötzlich gestorben."

"Und Sie wussten nichts von seiner Krankheit?"

"Nicht das Geringste."

"Und man rief Sie nicht, als das Kind im Sterben war?"

"Man rief mich nicht; man hatte es sogar schon begraben, als ich seinen Tod erfuhr und man mir diesen Todtenschein hier einhändigte."

"Lassen Sie sehen."

Katarine reichte dem arzt das Papier, das er auseinander faltete und genau durchsah. "Nach diesem Schein," sagte er, "ist freilich kein Zweifel, dass bei einer FrauBilz ein Kind, Mädchen, von zwei Jahren in der Nacht von dem auf den gestorben ist. – Alles ist hier in Ordnung, jede Formalität erfüllt und die Unterschrift richtig."

"Aber das Kind ist darum doch nicht gestorben," sprach das Mädchen mit einem seltsamen Lächeln.

"Wie meinen Sie das?" entgegnete aufmerksam der Doktor. – "Meinen Sie vielleicht, nicht v o n s e l b s t gestorben? – Vielleicht gar getödtet worden? – O seien Sie unbesorgt, die Leichenschau nimmt es, namentlich in diesen Fällen, sehr genau."

"O nein," antwortete das Mädchen, "es ist da nichts Schlimmeres geschehen, als dass man mein Kind heimlich fortgenommen und ein anderes untergeschoben hat, über welches dieser Schein ausgestellt wurde."

"Ich verstehe Sie nicht recht," sagte der Doktor; "es musste doch Jemand einen Zweck dabei gehabt haben, Ihr Kind verschwinden und Ihnen als tot erscheinen zu lassen."

"O, an einem Zweck fehlt's nicht!" versetzte Katarine, nachdem sie leicht gehustet; "der Vater des Kindes, – er ist von sehr ordentlicher Familie," sprach sie mit einigem Stolze, – "steht im Begriff, sich zu verheiraten. Seine Verwandtschaft nun, der mein armes Kind schon lange im Wege war, hat endlich die