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, weil sie die Wunde am kopf wieder schmerzte.

Es ist schade, dass wir in diese wahrhaftige geschichte keine Spukgestalten hinein bringen können, denn sonst würden wir, gewiss zum grossen Vergnügen des geneigten Lesers, hier einen Prügelgeist erfinden, der unsichtbar hinter den Zuhörern auf dem Gange stände, um im geeigneten Momente eine Legion unsichtbarer, aber sehr kräftiger Ohrfeigen loszulassen. – O, wenn es nur solche Prügelgeister gäbe!

Der Doktor war an dem Tische stehen geblieben und hatte seiner Frau nachgeblickt, bis sich die tür hinter ihr geschlossen, dann liess er die arme sinken, seufzte aus tiefem Herzensgrunde und sagte: "Sie mag tun, was sie verantworten kann, ich will sie nicht zurückhalten."

Hierauf nahm er die Carcelllampe vom Tisch, doch während er sie in sein Arbeitszimmer hinüber trug, zitterte seine Hand so heftig, dass Kugeln und Glas beständig zusammen klirrten.

Achtundvierzigstes Kapitel.

Eine Mutter und ihr Kind.

Zwischen seinen Büchern und alten bekannten Möbeln und Gerätschaften ging der Doktor längere Zeit auf und ab und gedachte der eben vergangenen Scene. Der Anblick all' der bekannten und traulichen Gegenstände, die ihn schon seit langen, langen Jahren umgaben, – Manches stammte ja noch aus seiner Kinderund Schulzeit her, – beruhigte allmälig seine Nerven und liess sein Herz langsamer schlagen. – War er zu heftig gewesen? – Anfänglich gewiss nicht, und am Ende hatte sie ja mit Gewalt seine Geduld zerrissen. – Nein, nein! Diesmal konnte er sich nicht selbst anklagen; er hatte ihrem Kommen mit den besten Gedanken entgegen gesehen; hätte sie ihm nur die Hand gereicht und gesagt: es ist mir leid, dass das Alles geschehen, lass es gut sein! – o, dann hätte er einen heiteren Abend erlebt, anstatt dass er sich jetzt so trostlos und unglücklich fühlte. – Hatte sie doch ruhig auf eine Scheidung angespielt, und den Gedanken konnte er nicht fassen und ertragen bei allen Fehlern, die sie hatte; auch war sie ja die Mutter seiner Kinder, und er hatte noch immer gehofft. – Wenn sie aber an dem ausgesprochenen unglücklichen Gedanken festielt, so war Alles für ihn verloren, denn er liebte sie immer noch.

Von diesen finsteren Gedanken überwältigt, warf er sich in seinen Lehnstuhl und vergrub den Kopf in beide hände. Er verfiel in jenen Zustand, wo man nicht mehr denkt, sondern wachend träumt, wo traurige und heitere Bilder mit einander kämpfen, wo jener wilde Schmerz, der unser Innerstes empört, ruhiger wird, wo nur tief im Herzen die eben überstandenen Leiden bei jedem Atemzuge nachzittern.

Draussen an der Glastüre wurde jetzt die Klingel sanft gezogen; die Köchin öffnete, eine leise stimme flüsterte etwas und darauf antwortete Jene: "Der Herr Doktor sind nur zu sprechen Mittags von Zwei bis drei, sowie Mittwoch und Samstag Nachmittag zwischen sechs und sieben Uhr."

Die fragende person schien nichts darauf zu antworten, wenigstens vernahm man im Zimmer nichts.

"Auch werden Sie wohl wissen, dass heute der Weihnachtsabend und schon acht Uhr vorbei ist. – Nein, ich kann dem Herrn Doktor Niemand melden, Sie müssen schon morgen Früh wieder kommen."

"Das kann ich auch," hörte man die andere stimme sagen, "das kann ich auch, und bitte ich sehr zu entschuldigen."

Der Doktor fuhr aus seinen Träumereien empor und zog die Klingel, die neben seinem Schreibtische hing.

Da draussen war eine Leidende, die man eben abweisen wollte; ihm erschien es aber in diesem Augenblicke als eine Beruhigung, das Unglück Anderer zu hören, es vielleicht lindern zu können. Auch zog ihn der Klang der stimme draussen an: er war so leise und klagend.

Die Köchin trat in das Zimmer.

"Wer war draussen? – Wer hat geschellt?"

"Eine unbedeutende person, – ein ärmlich aussehendes Frauenzimmer; ich habe sie auf morgen früh wieder bestellt."

"Lassen Sie sie nur herein kommen."

"Ja, sie wird schon fort sein."

"So eilen Sie die Treppe hinab und holen sie herauf."

Die Köchin ging hinaus, schloss die Glastüre hinter sich, man hörte sie in den untern Stock hinunter laufen, und wenige Augenblicke darauf kam sie wieder zurück, öffnete die tür zum Arbeitszimmer ihres Herrn und liess ein Frauenzimmer eintreten, das schüchtern auf der Schwelle stehen blieb.

"Sie haben mich noch heute Abend sprechen wollen?" fragte sanft der Doktor.

"Ja, und ich bitte sehr um Verzeihung," entgegnete die Eingetretene; "ich weiss wohl, dass ich eine ziemlich unpassende Zeit gewählt habe."

"Wenn man krank ist, so kann man das nicht so genau nehmen. – Womit kann ich Ihnen helfen? Sind Sie von Jemand anders zu mir geschickt oder selbst krank?"

Das Mädchen schwieg einen Augenblick still, dann aber näherte sie sich mit einigen schüchternen Schritten dem Arzt, faltete ihre hände und sagte: "Beides ist nicht der Fall, Herr Doktor: ich bin von Niemanden geschickt und auch nicht selbst krank."

"So wollen Sie auf andere Art meine Hilfe in Anspruch nehmen?" entgegnete der Arzt, indem er die Hand an eine Schublade seines Schreibtisches legte, da er dachte: man will ein Almosen von mir haben.

Mochte nun das Mädchen die Bewegung des Doktors verstanden oder den blick begriffen haben, den er zu gleicher Zeit über ihre ganze Gestalt hinlaufen liess, genug, sie sagte eifrig