dastehen, überrascht und sprachlos vor Entzücken. – Den Moment hast du mir leichtsinnig ge – – nommen. – Und hast du vielleicht für dich selbst diesen Raub an meinem Herzen begangen? – O, das wäre verzeihlich! – Aber nein! – nein! – nein! Du stahlst mir diese kostbare Stunde, um sie in höchster Gleichgültigkeit fremden Leuten hinzuwerfen, die sie doch nicht zu würdigen verstehen."
Madame nagte heftig an ihrer Unterlippe, zwinkerte auch etwas stärker als gewöhnlich mit den Augen, sonst aber liess sich auf ihrem leidenschaftslosen gesicht keine Spur irgend einer Aufregung ersehen, ja sie lächelte sogar, als sie sagte: "Dein Humor von heute Abend übertrifft sich. Du sprichst von Bildung und Gefühl, und wirfst deiner Frau vor, sie raube und stehle."
Der Doktor zuckte heftig zusammen, denn das war eins ihrer gewöhnlichen Manöver, dass sie irgend ein Wort aus dem Zusammenhange oder dem Sinn des Ganzen heraus riss und ihm nun hartnäckig vorwarf.
"Also ich raube und stehle?" wiederholte sie. "Schön! das habe ich noch nicht gewusst."
"Eine kostbare Stunde hast du mir heute Abend wieder geraubt, wie schon früher unzählige, habe ich gesagt und sage es wieder," entgegnete der Doktor, indem er die geballte Faust auf den Tisch stützte und ihr, sich vorn überbeugend, fest in die Augen sah. – "Nur in d e r Beziehung, sprach ich dieses Wort; ich bitte – Frau – dass du die Gnade haben mögest, mich zu verstehen, mir nicht den Sinn meiner Worte zu verdrehen und mich jetzt einmal ohne Einwendung anzuhören, bis ich zu Ende bin."
"Wenn die Scene noch lange andauern soll," erwiderte sie, "so wirst du mir vielleicht erlauben, dass ich mich einen Augenblick niedersetze, denn ich kann das sitzend ebenso gut wie stehend geniessen."
Damit wollte sie sich vom Tische entfernen, doch fasste der Doktor in höchster Wut nach ihrem Handgelenke, nahm es fest zwischen seine Finger und hielt sie auf diese Art zurück.
"Nein," sagte er und seine Augen sprühten Blitze, "du sollst mich stehend anhören, denn meine Rede soll deine Strafe sein, und Strafen empfängt man nicht im weichen Fauteuil – Madame! – Wenn überhaupt nicht das Sitzen deine leidenschaft wäre, so stände es anders um mein Haus, um mich und die Kinder. Aber was kann man von den Dienstboten verlangen, wo Madame zu – faul ist, – ja, ich habe es gesagt, – um sich auch nur im Geringsten ihres Hauswesens anzunehmen! Der Beweis ist der heutige Abend. Ist es nicht Faulheit und Gleichgiltigkeit, – von mangelndem Gefühl will ich gar nicht mehr reden, – dass sich Madame am heutigen Abend den Teufel um ihre Kinder bekümmert, sie fremden Leuten überlässt? – Fremden Leuten, die so wenig überwacht sind, dass sie sich ihrerseits ebenfalls unterstehen, die armen Geschöpfe ohne Aufsicht zu lassen, so dass nur der Schutz des guten Gottes daran schuld ist, dass nicht Brandunglück und Tod in meinem Haus eingekehrt sind."
Bei diesen letzten Worten liess er ihre Hand los und faltete seine arme auf der Brust, wobei er tief Atem schöpfte und die Frau mit einem festen Blicke ansah.
Madame war vorhin ein klein wenig erbleicht, doch fasste sie sich bald wieder, und als sich von ihrem Handgelenke die umklammernden Finger ihres Gatten gelöst, blickte sie die Röte, die durch diesen Druck entstanden, einen Augenblick mit verächtlich aufgeworfenem mund an, dann sagte sie achselzuckend: "Natürlicherweise, so muss man mich behandeln! Ich verdiene das, denn was kann Jemand, der raubt und stiehlt, und der an Brandunglück und Tod im eigenen haus schuld ist, anders verlangen? – Aber ich habe diese Scenen satt," fuhr sie nach einer Pause fort, "vollkommen satt und ertrage sie nicht länger. – Ich sehe wohl, dass ich anfange hier überflüssig zu werden, und machen kann, was ich will, ohne dass ich im stand bin, Streit, Zank – alles Mögliche zu verhüten. – Auch bin ich zu stolz, irgendwo geduldet zu sein; meine Rechte als Hausfrau scheint man hier nicht anerkennen zu wollen, indem man mich wie eine Magd behandelt. Das will ich ändern und desshalb heute noch zu meiner Mutter hinaus, um mich mit ihr zu besprechen, wie diese Sache auf die schicklichste Art und zur Zufriedenheit beider Teile geändert werden kann." – Sie warf den Kopf in die Höhe und stemmte die rechte Hand fest auf den Tisch. Dann schloss sie nach einer kleinen Pause: "Ich werde hoffentlich die erlaubnis erhalten, über diesen Gegenstand mit meiner Mutter sprechen zu dürfen?" – Sie wartete einen kleinen Augenblick auf Antwort, dann wandte sie sich um und eilte zum Zimmer hinaus, wobei ihr Fuss hart auftrat und ihr Kleid aus schwerem Seidenstoffe heftig rauschte.
Draussen auf dem Gange stoben die drei dienstbaren Geister, die Köchin, die Kindsfrau und das Stubenmädchen, eilfertig auseinander und von der tür weg, als sie vernahmen, dass diese geöffnet wurde. Sie hatten es in ihrer Diensttreue für notwendig gehalten, kein Wort von der kostbaren Scene im Salon zu verlieren, und die Dame der Küche liess aus diesem wichtigen grund die Suppe verbrennen, Nanette vergass ihre Stickerei, und Frau Bendel konnte es nicht sehen, dass Anna sich in ihrem Bettchen aufgerichtet hatte und sehnsüchtig nach der Wärterin rief