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Zeit bin."

"Ich will mit dir nicht streiten!" sagte sie wegwerfend, "da komme ich doch zu kurz. Aber heute machte es mir nun einmal Spass, sobald es dunkel wurde, den Kindern ihren Weihnachtsbaum anzünden zu lassen, weil es alle vernünftigen Leute gerade so machten. – Ist das denn ein fürchterliches Unrecht?"

"Ja," sprach er fest und ruhig, aber ohne Zorn, während er sich gleichfalls dem Tische näherte und ihr gegenüber trat. "Und gerade in dem Anzünden l a s s e n liegt ein doppeltes Unrecht; hätten die armen Kinder dich gebeten, ihnen doch jetzt schon die Freude zu machen, hätte dein Mutterherz diesen zärtlichen Bitten nicht mehr widerstehen und du nicht mehr erwarten können, bis die Kinder dir jubelnd in die arme sprangen mit herzlichem Danke, so wäre es dir zu verzeihen, dass du meinen Wunsch, meinen Befehl nicht beachtet. – Aber da es dir, – auf deinem Fauteuil," fuhr er heftiger fort, "vollkommen gleichgültig sein konnte, ob die Kinder jetzt oder später ihren Weihnachtsbaum erhielten, – denn du sahst nicht ihr Entzücken, ihre kindliche Freude, – so hättest du das, was ich angeordnet, respektiren sollen und mir dadurch neuen Verdruss und den Kindern den Unglücksfall ersparen können." –

"Ja, ja, es ist schon recht," entgegnete sie und wandte dabei den Kopf ab; "es kann in diesem haus kein Tag ohne Streitigkeiten vergehen, und wenn nichts mehr da liegt, so suchst du etwas von weiter herbei."

"Ich suche was herbei!" sprach er im Tone des Vorwurfs.

"Was weiss ich, was dir am Tage Unangenehmes passirt ist; aber Alles, worüber du draussen deinen Zorn nicht auslassen kannst, das müssen wir hier entgelten, namentlich ich. – Ah, es ist am Ende sehr leicht, verdriesslich nach haus zu kommen und alsdann ohne alle Ursache Scenen absichtlich herbeizuführen."

"Scenen absichtlich herbeiführen!" versetzte er mit zornigem lachen; "und das ohne alle Ursache! – Sage mir, Frau, woher nimmst du die Stirne, um mir nach Dem, was vorgefallen, solche Dinge in's Gesicht hinein sagen zu können. – Scenen absichtlich herbeiführen! Ich war ruhig wie ein Engel, als du in's Zimmer herein tratst, – ich hatte mir auch vorgenommen, es zu bleiben, nicht weil es auf dich einen Eindruck machen würde, sondern hauptsächlich, weil es der heilige Abend ist, – einer unserer höchsten Festtage. – Hahaha! ein schöner Festtag für mich! – Nun also, ich wollte ruhig bleiben, und ich wäre es, bei Gott im Himmel! auch geblieben, wenn dudu, im Bewusstsein deines Fehlers gegen mich, es nur der Mühe wert gefunden hättest, ein Wort der Entschuldigung fallen zu lassen. – O nicht einmal das! – Ein Wort der Entschuldigung? – So viel verlangt man nicht von dir; nein, nein! nur ein freundliches Gesicht hättest du mich sollen sehen lassen, mir nur die Hand entgegen strecken und zu mir sagen: ah! da bist du ja; ich freue mich. – Dann hätte ich dir in meinem Herzen gedankt, und wenn du mir den Unfall von dahinten erzählt hättest," – damit streckte er die Hand aus, – "so hätte ich dir liebreich gesagt: lass uns das eine Lehre sein, mein Kind, dass Eins des Andern Wünsche, wo es tunlich ist, erfüllt."

"Also eine Lehre hätte es doch gegeben! – Nun, das habe ich mir gedacht."

"Aber du willst keinen Frieden!" rief der Doktor laut, indem er vor Zorn zitterte, "du selbst willst nichts von Ruhe, und gönnst auch mir keine. – Nun wohlan denn, mir kann es recht sein; aber jetzt, da du mich auch wieder aus meinem stillen Frieden hinaus gejagt hast, so sollst du wenigstens hören, wie tief du mich verletzt. – Gott da oben weiss es, wie sehr ich mich den ganzen ermüdenden Tag über auf den heutigen Abend gefreut, auf meine Kinder und ihre Glückseligkeit, auf ein stilles Beisammensitzen mit euch. – Und nun ist Alles, Alles wieder dahin!"

"Im Gegenteil," erwiderte Madame, indem sie ihrem mann recht dreist in die Augen sah, "jetzt erst hast du erreicht, was du gewünscht: du darfst nach Herzenslust schimpfen und toben."

"Ja, und das will ich!" schrie nun der arme Doktor im höchsten Zorne.

Und so leid es uns tut, können wir bei unserer Wahrheitsliebe dem geneigten Leser nichts verschweigen: er schlug dabei so heftig auf den Tisch, dass einige Flaschen und Gläser, die dort standen, in die Höhe fuhren.

Die Doktorin wich mit einem bösen blick einen halben Schritt zurück, warf sich aber drohend in Positur und öffnete ihre Augen so weit als möglich.

"So höre denn auch mein Toben," fuhr er fort. "Wenn du eine Frau von Erziehung und Gefühl wärest, – o Gott! wenn du nur allein ein fühlendes Herz hättest, so würdest du begreifen, wie sich ein Vater das ganze Jahr darauf freuen kann, am Weihnachtsabend seinen lieben Kindern die Bescheerung selbst zu veranstalten; da würdest du fühlen, dass die ganze Seligkeit dieses Gebens in dem Momente liegt, wo die armen kleinen Kinder