Tisch, dann legte er die hände auf dem rücken zusammen und spazierte nachdenkend im Zimmer auf und ab.
Sein Zorn war verraucht; es war nichts übrig geblieben als ein tiefer Schmerz, ein wehmütiges Gefühl, dass ihm auch dieser Abend, die Freude, die er an demselben zu geniessen gehofft, durch die Gleichgültigkeit seiner Frau verdorben worden. Würde er sie bei seinem Eintritt in das Kinderzimmer gesehen haben, so hätte es vornherein eine starke Scene gegeben, denn er war im ersten Augenblicke ausser sich. So aber hatte er sich gefasst, und er wurde kälter und kälter, je länger er in dem Salon auf und ab spazierte.
Madame liess ihn ziemlich lange da spazieren, ehe sie erschien.
"Was hilft's mich," dachte er in seiner übergrossen Herzensgüte, "wenn ich ihr jetzt harte oder ernste Worte sage, wenn ich sie frage, warum sie meinen Befehl nicht befolgt und mit dem Anzünden des Baumes nicht gewartet, bis ich nach haus gekommen? – Wird sie ihr Unrecht einsehen? – Gewiss nicht! Am allerwenigsten, wenn ich es ihr ernstlich vorhalte. Und wenn sie es nicht einsieht, wird sie sich auch nicht bemühen, ihr Leben in so vielen Dingen zu ändern."
"Nein, nein! sie wird es nicht ändern," sprach er halblaut vor sich hin, indem er mit der Hand über die Stirne fuhr, "sie wird es nicht ändern, weil sie nie ihr Unrecht einsieht. – Auch ist es ja der heilige Christabend, und da ist es besser, ich lasse Fünfe gerade sein, als dass ich einen Streit mit ihr anfange. – Hoffentlich wird sie mich heute Abend wenigstens mit einem freundlichen Gesicht empfangen, denn ihr Herz muss ihr doch sagen, dass sie schwer gefehlt, wenn sie das auch mir nicht eingestehen will. – Ach ja, sie wird zuvorkommend, vielleicht herzlich sein. – – Aber sie könnte jetzt ihren Besuch da drunten abbrechen," fuhr er nach einer längeren Pause fort, "sie muss doch lange wissen, dass ich da bin." –
Bald darauf hörte man Schritte auf der Treppe, die Glastüre wurde geöffnet, dann die Salontüre, und Madame trat herein. Ob sie ihren Gemahl mit einem Kopfnicken begrüsste, sind wir nicht im stand, genau anzugeben; dass sie aber sein freundliches "Guten Abend" mit keiner Silbe erwiderte, darauf können wir schwören. Sie drückte die tür etwas stark hinter sich in's Schloss, ging langsam in die Mitte des Zimmers, wo der Tisch stand, stützte ihre Hand darauf und sagte ziemlich laut: "Da bin ich denn. – Was soll es schon wieder?"
Wir müssen gestehen, dass der Doktor durch den Anblick seiner Frau sehr unangenehm überrascht war; von dem freundlichen Gesicht, das er zu sehen gehofft, war keine Spur zu bemerken, sie stand da, den Kopf ziemlich erhoben, mit den Augen zwinkend, und nagte an der Unterlippe, was Alles bei ihr ein Zeichen schlechter Laune war.
"Das ist eine seltsame Frage von dir," entgegnete er. – "Was du hier sollst, wenn dein Mann nach haus kommt? – In der Tat seltsam für jeden Abend, aber doppelt seltsam für ein fest wie das heutige. Da meine ich denn doch, es verstände sich von selbst, dass du, wenn du nicht auf deinem Zimmer bist und ich dich rufen lasse, freundlich kommen und mir einen guten Abend bieten könntest."
Madame warf den Kopf auf die Seite und gab keine Antwort.
Der Doktor rieb sich die Stirne, denn er fühlte, wie ihm das Blut zu kopf stieg. – "Ich an deiner Stelle," fuhr er nach einer kleinen Pause fort, "hätte überhaupt am heutigen Abend meine wohnung nicht verlassen, und das aus zweierlei Gründen: erstens, um nach meinen Kindern zu sehen, die ja krank zu Bette liegen, und zweitens, um mir, deinem mann, sogleich sagen zu können, auf welche Art die Kinder, die heute Mittag noch so frisch und munter waren, von dem Unfälle betroffen waren."
"Und dabei wohl um Verzeihung bitten?" fragte sie mit einem bittern Lächeln.
"Wenn du etwas Unrechtes getan hast, allerdings." versetzte er. "Und wenn du irgendwie gegen meine Befehle gehandelt, so würde es durchaus für dich keine Schande sein, wenn du ein Wort der Entschuldigung hören liessest."
"Es ist leicht gegen deine Befehle handeln," antwortete die Frau, "denn du befiehlst den ganzen Tag, bald dies, bald das, bald rechts, bald links, bald so, bald so. Und diese Befehle kreuzen sich so hin und her, dass es sehr verzeihlich ist, wenn man täglich ein halbes Dutzend vergisst."
"Gott sei Dank!" dachte der Doktor, "sie antwortet doch wenigstens. Also wird die Scene nicht so schlimm werden."
"Deinen Befehl für den heutigen Abend, auf den du anspielst," fuhr sie fort, "hatte ich übrigens keine Lust zu befolgen; ich sehe gar nicht ein, wesshalb ich immer warten soll, bis es dir einmal gefällt, nach haus zu kommen."
"Bis es mir einmal gefällt, nach haus zu kommen?" entgegnete schmerzhaft berührt der Doktor. "Du hast sehr Unrecht, das zu sagen, da du wohl weisst, dass ich nicht Herr meiner