heutigen Abend gefreut, sie hatten immer darauf gewartet, der Vater werde kommen, den Weihnachtsbaum anzünden und sie nun wie gewöhnlich in das Zimmer führen. – Und der Vater blieb so lange aus, wesshalb Beide dachten, er hätte sie am heutigen Abend vergessen, denn sie wussten nicht, dass er befohlen, man sollte warten, bis er heim käme. – Und darauf hätten sie so gerne gewartet! Doch Mama liess ihnen den Baum anzünden, ohne selbst dabei zu sein, und sie freuten sich auch wohl recht, aber nicht so, wie sonst. – Da wollte Oskar einen Reiter herab nehmen, der an dem Baume hing, und da er ein wenig zu heftig zog, so bekam der Baum, schwer an Zuckerwerk, Nüssen und Lichtern, das Uebergewicht, und statt der Freude musste Oskar sowie Anna zu Bette gehen und dort viele Schmerzen aushalten; beide schliefen nicht, sondern warteten auf den Vater. Endlich hörten sie seinen Wagen anfahren, hörten ihn die Treppen herauf springen, dann in's Zimmer kommen, und vernahmen, wie Frau Bendel die ganze geschichte erzählte. – Nun fürchteten sie sich, wagten nicht ein Wort zu sprechen, ja sie schlossen die Augen und so konnte man glauben, sie schliefen.
Als sich aber der Vater leise den Bettchen näherte, sich darüber hinbeugte und tief betrübt sagte: "Ihr armen, armen Kinder!" da fingen sie Beide an heftig zu weinen, streckten ihre Aermchen in die Höhe und riefen wie aus einem mund: "Oh Papa, Papa, es ist gut, dass du endlich gekommen bist."
"Wir haben so lange auf dich gewartet," setzte Oskar hinzu.
"Und hätten gerne noch länger gewartet mit dem Anzünden des Baumes," meinte das kleine Mädchen – –
"Bis du nach haus gekommen wärest, lieber Papa," unterbrach sie der Bruder. "Weisst du, wie gewöhnlich, wenn wir uns unter der tür beide Augen zuhalten mussten und du nun zähltest: eins – zwei – drei. Ah! das war immer so arg schön!"
"So wollen wir es auch wieder machen," versetzte beruhigend der Vater. "Jetzt müsst ihr aber recht ruhig sein."
"Wann wollen wir es wieder so machen, lieber Papa?" fragte Oskar.
"Vielleicht morgen Abend, mein Kind. Wenn du recht ruhig bist, bringt dir das Christkindlein wohl heute Nacht einen neuen Baum."
"O, das wäre prächtig!" entgegnete Oskar, und liess sich nun recht gern in seinem Bettchen aufsetzen, vom Vater den Verband abnehmen und nach seiner Verwundung sehen.
Die war nun wohl schmerzhaft gewesen, aber glücklicherweise nicht gefährlich. Der Obermedizinalrat hatte Umschläge von cullatischem wasser befohlen, und die wurden fortgesetzt. Bei Anna, deren Schramme über dem Auge nicht tief war, legte man einfach kleine Kompresschen auf, die mit kaltem wasser angefeuchtet waren.
Der Doktor setzte sich zwischen die Betten seiner Kinder und liess sich erzählen, welche Herrlichkeiten ihnen das Christkind bescheert. Das Meiste aber hatten sie in dem Schrecken und der Verwirrung wieder vergessen und der Vater freute sich darauf, ihnen morgen mit einem anderen Baum, der wohl anzuschaffen sein würde, eine neue Bescheerung zu veranstalten. Und hiezu gab er eine kleine Hoffnung, was sie mit vieler Freude erfüllte. Sie reichten ihm dann zur guten Nacht ihren kleinen roten Mund, den er herzlichst und innigst küsste, Anna schlang dabei ihr Aermchen um seinen Hals und drückte ihn fest an sich. – "Gute Nacht, lieber, guter Papa," sagten sie; und hierauf ging dieser mit leisen Schritten in das Vorzimmer.
Frau Bendel und das Stubenmädchen sassen da tief gekränkt im Gefühle ihrer Unschuld; Beide hatten Recht, wie denn überhaupt die weiblichen Dienstboten bei jeder Veranlassung Recht zu haben pflegen, und Beide machten ihrem Herrn ein grimmiges, unverschämtes Gesicht, wie das so der Brauch ist in dieser verderbten Welt.
Der Doktor schien übrigens die unmutig emporgezogene Nase des Stubenmädchens, sowie die verdriesslich herabhängende Unterlippe der Frau Bendel gar nicht zu bemerken, sondern nahm seinen Hut und Stock und sagte in bestimmtem Tone zu der Kindsfrau: "Feuchten Sie die Umschläge noch einmal an, ehe Oskar und Anna einschlafen, dann lassen Sie die Kinder ruhen." Hierauf ging er der tür zu, blieb aber vor derselben stehen und fragte: "Wo ist meine Frau?"
Da er diese Frage an keine der Beiden schwer Beleidigten speziell richtete, so erhielt er auch keine Antwort, und musste sie wiederholen; und zwar richtete er sie nun an das Stubenmädchen.
"Madame sind unten bei Oberjustizrats," antwortete sie kurzweg, "werden aber gleich herauf kommen."
"Zur Vorsorge, dass sie auch gewiss kommt, können Sie ihr sagen, ich sei da," versetzte der Doktor, worauf er das Zimmer verliess und in den Salon hinüber ging.
Die Köchin, die draussen vor der tür, scheinbar um zu leuchten, in Wahrheit aber, um "den Spektakel" nicht zu versäumen, gewartet hatte, folgte ihm.
Der Doktor befand sich immer noch in seinem Paletot, den er auf der Strasse trug, er zog ihn aber, im Zimmer seiner Frau angekommen, sogleich aus; und als er ihn nun über die Stuhllehne hängte, bemerkte er in der tasche die beiden Paketchen mit den Sachen, die er für seine Frau gekauft. Er warf sie auf den nebenan stehenden