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, sonst hätten wir Sie gleich rufen lassen; auch fuhr gerade der Herr Obermedizinalrat vorbei, als ich an der Haustüre stand, um mich nach Ihnen umzusehen, und da rief ich diesen herauf."

Jetzt schien die grosse Geduld des Arztes vollkommen erschöpft zu sein. Er schwenkte seinen Stock heftig in der Hand und sagte mit leiser, aber vor Zorn zitternder stimme: "Wollen Sie nun endlich die Güte haben, Frau Bendel, mir gehörig der Reihe nach zu erzählen, was wieder in diesem haus für Dummheiten und Unglücke vorgefallen sind?"

Bei diesen Worten warf das Stubenmädchen den Kopf in die Höhe und ging, heftig mit den Achseln zuckend, an den Tisch zurück, wo ihre Näherei lag.

"Nun?" sprach der Hausherr ungeduldiger.

"So Fürchterliches ist gerade nicht geschehen," antwortete finster Frau Bendel. "Und dann kann ich eigentlich nichts dafür, ich habe keine Dummheiten gemacht und man braucht nicht immer die Schuhe an mir abzuputzen. – Nun ja, der Christbaum stand im Esszimmer fertig, alle Spielsachen darunter und sobald es dunkel wurde, wollte Madame die Bescheerung vor sich gehen lassen."

"Ich hatte aber befohlen, damit zu warten, bis ich nach haus käme!"

"dafür kann ich nichts; Madame befahl mir, wie schon gesagt, sobald es dunkel würde, die Lichter anzuzünden."

"Und Madame tat das nicht selbst?" fragte verwundert der Hausherr.

"Nein, Madame wollten später kommen, wenn die Kinder ihre Sachen erhalten hätten und der erste Lärm vorbei sei."

Gerechter Gott! dachte der Doktor, und schlug die hände über einander, das nennt die Frau einen Lärmen und will nicht sehen, wie die Kinder mit den weit offenen, glänzenden Augen in das Zimmer treten, wie sie überhaupt auf der Schwelle stehen bleiben, dann entzückt auf den leuchtenden Baum zustürzen, und nun nach und nach mit immer grösserem Jubelgeschrei ein Geschenk um das andere entdecken! – Es macht der Frau kein Vergnügen, zu sehen, wie sie nun bei jedem neuen Stücke den Eltern dankbar in die arme fliegen, sie herzlich küssen und darauf mit an den Tisch hinziehen, um ihnen diess oder das zu zeigen! – – "Also Madame liess den Baum anzünden?" fuhr er nach einer Pause und zwar mit grosser Ruhe fort, denn sein Herz durchzog ein eisiges Gefühl. "Nun, das Uebrige kann ich mir allenfalls denken. – Aber erzählen Sie, Frau Bendel, erzählen Sie es ganz genau!"

"Also wir zündeten den Baum an, und ich muss schon sagen, die Kinder hatten eine grosse Freude über Alles, namentlich Oskar sprang in Einem fort herum und war wie ausgelassen."

"Das kann ich mir denken."

"Nun ging ich einen Augenblick hinaus," fuhr Frau Bendel zögernd fort, "und dort die Nanette blieb bei den Kindern."

"Nein, nein, Frau Bendel, das ist falsch," entgegnete eifrig das Stubenmädchen, "mir hatte Madame schon vorher geklingelt, ich musste ihr ja helfen anziehen."

"Ich weiss ganz genau, dass Sie im Zimmer war," sagte hartnäckig die Kindsfrau, "sonst wär' ich gewiss nicht hinausgegangen."

"Bei Ihrem Diensteifer gewiss nicht," versetzte der Doktor mit einer erstaunenswerten Ruhe; doch zitterte seine Hand mit dem Stocke und die Krempe seines Hutes drückte er ganz zusammen. – "O ich kenne das ganz genau. Gebt euch desshalb keine Mühe, die Schuld auf das Andere zu schieben, ich will nur einfach das Faktum wissen; – – die Tatsache, Frau Bendel, wie es auf deutsch heisst, oder, um mich noch deutlicher auszudrücken, was geschehen ist, nachdem die Kinder allein geblieben bei dem brennenden Baum. Denn dass sie allein geblieben, ist mir schon klar geworden."

"Das ist freilich nicht zu leugnen; aber gewiss ohne meine Schuld."

"Und ohne die meinige," sagte schnippisch das Stubenmädchen.

"Was geschah?" rief nun der Doktor ziemlich laut, indem er nach den Armen der Kindsfrau griff, die er wahrscheinlich fest gefasst hätte, wenn sie nicht zurückgewichen wäre.

"Wir waren also noch nicht lange zur tür hinaus," erzählte diese weiter, und versuchte es, einen weinerlichen Ton anzunehmen, "da hörten wir ein grosses Geschrei, und als wir nun augenblicklich in's Zimmer zurückstürzten, sahen wir, dass der Baum vom Tische herabgefallen war. Oskar hatte gewiss daran gezerrt –"

"Der brennende Baum war vom Tische gefallen?" rief erschrocken der Doktor. – "Und auf die Kinder?"

"Nur mit der Spitze auf Oskar; aber, bei Gott im Himmel! Herr Doktor, nicht bedeutend, er hat nur das Haar etwas versengt und das rechte Ohr –"

"Er hätte verbrennen können!" warf entsetzt der Vater dazwischen. – "Und Anna?"

"Sie wollte auf die Seite springen, stolperte über einen Schemel und ritzte sich im Fallen die Haut über dem einen Auge blutig."

"Jetzt wüssten wir die Tatsachen," meinte wieder mit auffallend ruhigem und stillem Wesen der Doktor. – "Nun wollen wir nachsehen, wie viel ihr verschwiegen habt."

Er legte Hut und Stock auf eine nahestehende Kommode und ging in das anstossende Zimmer, wo sich die beiden Kinder in ihren Bettchen befanden.

Sie hatten sich Beide so sehr auf den