"Doch nicht für deine eigenen!"
"O nein," entgegnete unbefangen der Doktor, während er den listig aussehenden Schwager mit seinem offenen, ehrlichen gesicht ruhig anblickte. "Ich habe so arme Kinder in meiner Kundschaft, die von keinem Menschen etwas erhalten, und da habe ich's mir angewöhnt, dieselben am heiligen Christabend ein wenig zu bescheeren; es schmerzt mich ordentlich, wenn ich so arme Geschöpfe bei ihrem Brod und ihren Kartoffeln, oftmals im kalten Zimmer sitzen sehe und dabei an mein Haus denke, wo Oskar und Anna sich in der behaglichsten Umgebung befinden und wenn sie kaum einen vernünftigen Wunsch ausgesprochen haben, dieser auch schon erfüllt ist."
"Aber, mein lieber Freund," antwortete Alfons, "diese Ungleichheiten im menschlichen Leben kann man unmöglich ebnen und es muss so sein."
"Es muss allerdings so sein," sagte der Doktor, "doch ist es an uns, so viel wir im stand sind, dem Armen seine Armut leicht zu machen."
"Amen!" setzte Alfons spöttisch hinzu. – Dann nahm er noch ein kleines Halstuch, diesmal für seine Frau, wie er sagte, – er schien das vorhin bei dem Handschuhkauf ganz vergessen zu haben, dann wandte er sich an seinen Schwager und sprach: "Du kannst mich wohl an mein Haus führen, es ist für dich kein grosser Umweg und draussen regnet und schneit es durcheinander."
"Das versteht sich von selbst," erwiderte dieser und bezahlte seine Rechnung. – "Steigen wir ein!"
Die beiden Schwäger verliessen den Laden, bestiegen die Droschke des Arztes, und die müden Pferde, die den ganzen Tag auf dem Pflaster herum gelaufen waren, gingen in einem ziemlich kurzen Trabe davon.
Bei dem haus des Kommerzienrats setzte der Doktor seinen Schwager ab und rief ihm dann zu: "Also bis nachher!"
Jetzt schimmerten erst recht in allen Häusern die Weihnachtsbäume, jetzt konnte man erst recht das Jubeln der Kinder vernehmen; jetzt war Freude an allen Ecken.
Der Arzt blickte gern aus seinem Wagen heraus und freute sich jedesmal, wenn er bei einem so hellerleuchteten Fenster vorüber kam, wenn so die vielen brennenden Kerzchen wie kleine Blitze in seine Augen fuhren, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Er kam am Weihnachtsabend selten so spät wie diesmal nach haus, doch hatten ihn einige wichtige Krankheitsfälle zurückgehalten; sonst war er es immer, der den Weihnachtsbaum arrangirte, anzündete und dann die Kinder herbei rief. Das Letztere mochte er sich auch heute nicht nehmen lassen, wesshalb er befohlen hatte, mit dem Anzünden zu warten, bis er käme; auch war es noch nicht so spät – erst sieben Uhr – und die Hoffnung auf bevorstehende Bescheerung ist schon im stand, die kleinen Kinderaugen offen zu halten.
Siebenundvierzigstes Kapitel.
Weihnachtsleiden.
Endlich hatte der Doktor seine wohnung erreicht; er sprang aus dem Wagen in's Haus und eilte die Treppe hinauf. Heute war es ihm lieb, dass die Glastüre, obgleich gegen seinen Befehl, offen stand: brauchte er doch nicht lange zu klingeln und konnte gleich auf den Korridor gehen, wo ihn dann die Kinder am Tritte erkannten, und ihm, wie namentlich bei solchen Veranlassungen gewöhnlich, entgegen stürzen würden.
Aber diesmal kam Niemand, – er hustete, er stiess mit seinem Stock auf die Steinplatten, – umsonst! Weder Oskar noch Anna liessen sich sehen.
Kopfschüttelnd öffnete er die tür zum Speisezimmer, wo in der Regel der Christbaum aufgestellt wurde; da war Alles finster, aber es drang ihm ein Geruch entgegen von verbranntem Wachslicht und Tannennadeln, aber viel schärfer, als er gewöhnlich vom Anzünden des Weihnachtsbaums entsteht.
Eilig wandte er sich hierauf nach dem Kinderzimmer, öffnete hastig die tür und wollte mit seinem gewöhnlichen Schritte eintreten, doch kam ihm das Stubenmädchen entgegen, legte den Finger auf den Mund und sagte: "Bitte, Herr Doktor, etwas leise, sie schlafen."
"Wer schläft?" fragte er überrascht.
"Nun, die Kinder, wenigstens liegen sie ganz ruhig."
"Und schon so frühe, ehe ich den Weihnachtsbaum anzündete und ihnen bescheerte?"
"Ja, – ja – Herr Doktor –" erwiderte das Mädchen ziemlich verlegen, "es ist uns heute Abend ein kleines Unglück geschehen."
"Wem ist ein Unglück geschehen?"
"eigentlich nicht uns, sondern der Frau Doktorin."
"So, ist meine Frau krank?" fragte der Doktor und wollte eilig das Zimmer verlassen.
"Nein, die Frau Doktorin sind ganz wohl, aber ich wollte nur sagen: i h r ist eigentlich das Unglück geschehen mit den Kindern."
"Um Gotteswillen! was ist's mit den Kindern?" rief erschreckt der Vater. Und dabei drückte er das Mädchen auf die Seite und eilte wieder hinaus in's Zimmer. – "Wo ist Frau Bendel?"
Die Aufgerufene kam zwischen den Betten hervor, in welchen die Kinder lagen und ging ihrem Herrn mit einem mehr verdriesslichen als verlegenen gesicht entgegen.
"Mach' Sie doch keinen solchen Lärmen!" sagte sie zum Stubenmädchen; "man sollte ja glauben, hier läge Alles in den letzten Zügen. – O, es ist nicht so schlimm," wandte sie sich an den Doktor, "Oskar und Anna haben ein kleines Unglück gehabt, wie das bei Kindern häufig vorkommt. Wir wussten nicht, wo der Herr Doktor augenblicklich sei