1854_Hacklnder_152_177.txt

da wird sich alles Das schon finden."

Aber nicht bloss die Kinder freuen sich unbeschreiblich auf diesen Abend, auch für Manchen der Erwachsenen ist das eine Zeit, wo man gegenseitig auf so ungenirte Art anonyme Geschenke empfangen und machen kann, wo sich so plötzlich auf dem Teller dieser oder jener jungen Dame, oder mit einer zierlichen Aufschrift am Baume hängend, ein kleines elegantes Etui findet, und wenn man es öffnet, darin ein Ring, ein Armband oder dergleichen. – Freilich wird Mama selbst an diesem heiligen Abend die Augenbrauen etwas in die Höhe ziehen, und die jüngeren Schwestern, die noch keine Armbänder bekommen, oder auch die ältere, die keine mehr erhält, verächtlich die Naschen rümpfen und mit Absicht leicht darüber hinweg zu blicken versuchen. – Das tut Alles nichts; wie schon bemerkt, an dem Abend wird Manches verziehen oder Manches geglaubt.

"Ach! dies schöne Geschenk wird von Onkel Karl sein!" sagt die Betreffende, indem sie mit ausserordentlicher Geschicklichkeit ein kleines Papierchen verschwinden lässt, das unter dem Armband gelegen. "Ach! Onkel Karl, das ist zu viel! Nein, das ist zu viel!"

Onkel Karl, ein alter geiziger Hagestolz, steht daneben mit einem höchst dummen und verblüfften Gesicht; und befindet er sich augenblicklich unter dem Einfluss von einiger Geistesgegenwart, die ihm aber gewöhnlich mangelt, so macht er grinsend ein breites Maul, lächelt ziemlich blödsinnig und ist unverschämt genug, die warmen Küsse seiner lieblichen Nichte für Rechnung eines Anderen in Empfang zu nehmen.

Du erinnerst dich gewiss, teurer und geneigter Leser, so lebhaft wie wir dieser herrlichen schönen Weihnachtszeit. Du kannst das nicht vergessen, nicht einmal in dem schlimmen Falle, wenn du selbst lange, lange Zeit hindurch Niemand etwas Gutes mehr bescheert hast, oder wenn dir ein böses Schicksal während vieler Jahre nur Fusstritte oder Ohrfeigen gab. Ja, auch dann wirst du dich, wenn auch wehmütig, jener Zeit erinnern, wo du zum letzten Male etwas Angenehmes bescheertest oder wo dir etwas Angenehmes bescheert wurde. –

Ach! es ist etwas so Köstliches um die Erinnerung, um eine angenehme Erinnerung, und wenn wirklich deine Seele schon lange mit dickem Staube bedeckt ist oder sich dein getäuschtes und verratenes Herz mit einer festen Schale umzogenan diesem Abend steigt jener auf, zerschmilzt diese, und du fühlst, wie dich ein süsser Schauer durchziehtwenn du das nämlich fühlen willstseltsame Töne, bunte, glänzende Bilder, und alles Das eingehüllt in den wohlbekannten Duft der Tannennadeln und des herabträufelnden Wachses.

Dann eile hinaus auf die Strasse, um dich unter den Glücklicheren umzuschauen, selbst wenn es nebelt oder sogar einzelne Schneeflocken vom dunkeln Himmel herab dich in grossen Kreisen umflattern und zuletzt auf deiner Nase oder deiner Wange zerschmelzen. Das gehört mit zum heiligen Christtag, und ist das wilde Wetter zuweilen liebend den Tausenden von Tannenbäumen nachgezogen, die man aus dem finstern Wald hieher versetzt.

Wer achtet aber dieses Wetters? – Niemand. Selten siehst du einen Regenschirm aufgespannt, und die Damen behelfen sich sogar, indem sie dichte Kaputzen über den Kopf ziehen und von unten mit soliden Ueberschuhen verwahrt sind. Man hat auch keine Zeit, nach dem Wetter zu sehen oder den Regenschirm zu balanciren; man muss nur dafür sorgen, dass man nicht an die Begegnenden anstosst und dass man seine kostbaren Waaren unversehrt nach haus bringt.

Die schönste Stunde an diesem Abend ist gleich nach der Dämmerung, wenn die Ladendiener eilfertig die Gaslampen angezündet haben, und wenn es nun wie ein Aufschrei höchster Lust durch die Glasschränke zieht, wenn Alles heller wird als am Tage; denn die Sonne vermag nicht in den dunkeln Winkel zu dringen, wo die Schaukelpferde stehen, oder dort hinten in die Ecke neben dem Ofen, wo sich die hölzernen Gewehre, die Säbel, Schwerter und Peitschen befinden.

Jetzt aber strahlt Alles von Licht und Glanz.

Es glänzt das Gold auf den Helmen und Harnischen der Rittersmänner, man sieht die Mähnen der Rosse flattern, und hell strahlen die Fenster dieses Schlosses oder jener Burg.

Wie galoppiren die Pferde dort vor der reichen, bunten Karosse, wie anmutig lächelt die Dame in derselben, und wie greulich verzieht der edle Nussknacker sein hässliches Gesicht! Sollte man doch glauben, er schiele ordentlich links hinüber nach jener grossen schönen Puppe in weissem gesticktem Atlaskleide mit wirklichen Schuhen an den Füssen und ächtem Haar auf dem kopf. Dieses Gesicht ist aber auch der Mühe wert, betrachtet zu werden: die runden, schneeweissen Wangen, angetupft mit einem zarten Rot, der zusammengezogene Mund, so klein, dass er gar nicht in Betracht kommt, die unbedeutende Nase und hauptsächlich die grossen blauen Augen von unaussprechlichem Glanze und einem Ausdruck, der über alle Beschreibung geht. Sie blickt verwundert vor sich in das Gewölbe und, wie in tiefe Gedanken versunken, schaut sie keine Menschenseele an, sondern starrt weit, weit hinaus in die unmessbare Ferne. –

Jeder aber ist wie gesagt an diesem Abend eilig und hat für den besten Freund keine Zeit; Der hat dies, Jener das vergessen, und da heute Abend Mägde und Knechte alle hände voll zu tun haben, so muss er selbst rennen und laufen, um das Versäumte herbei zu holen.

"Da wäre ich schön angekommen," sagt ein dicker Herr im Laden zu einem sehr dürren, der Wachslichter aufsucht, "meine Frau hat sich ein Portemonnaie gewünscht, wie sie es vor acht Tagen bei der Staatsrätin gesehen. Wissen