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Euch blutig stossen."

"Und Blut ist nicht seine leidenschaft," sprach achselzuckend Meister Schwemmer. – "Doch gehen wir an unser weiteres Geschäft. – Was wir sprechen, bleibt ja unter uns," fuhr er lächelnd fort, als er sah, dass sich das Gesicht des Herrn Sträuber bedeutend verlängerte. "Da habe ich zwei Aufträge von unserer Freundin, der Madame Becker."

"Aha! die in der alten Kaserne!" sagte Frau Bilz.

"Dieselbe. – Das ist ein verfluchtes Weibsbild und verdient Geld wie Heu; sie hat, wie sie mir sagte, in D. und F., vier Stunden von hier, zwei junge Mädchen aufgespürt, zwischen sechzehn und achtzehn Jahren, frische, schöne, saftige Landpomeranzen, die gern einen Dienst in einer grossen Stadt haben möchten. Hier ist es nun zu nah; desshalb will ich sie an einen Geschäftsfreund nach B. senden, wo eine starke Nachfrage nach solch' unberührter Waare ist. Die Becker hat den beiden Mädchen vorgeschwindelt, sie kämen dort in ein ganz anständiges Haus, erhielten einen bedeutenden Lohn und brauchten sich nur mit seiner Arbeit zu beschäftigen. – Und das ist ja Alles wahr," fuhr der alte Sünder kichernd fort, indem er sich die hände rieb. – "Sie fürchtet aber nun, wenn die beiden Mädchen auf der Eisenbahn hieher fahren, so könnten sie am Ende zu Leuten zu sitzen kommen, die ihnen die ganze geschichte verdächtigen und ihnenes könnten ja sogar welche von B. seingeradezu sagen würden, die Adressen seien falsch und die Häuser existiren dort gar nicht. – Versteht Ihr mich?"

"Vollkommen," entgegnete Herr Sträuber.

Und die Frau nickte stillschweigend mit dem kopf.

"So, nun passt auf!" fuhr der Hausherr fort. "In circa acht Tagen werden die beiden Mädchen von D. und F. abreisen. Man wird Euch Alles das noch genau mitteilen; dann fahrt tages vorher Ihr, Frau Bilz, nach D. und der Sträuber nach F. Ihr, Frau, bekommt ein genaues Signalement des einen Mädchens, setzt Euch zu ihr hin und plaudert mit ihr; in F. nun kommt zugleich mit dem andern Mädchen dort Euer Bruder auf die Bahn."

"Welcher Bruder?" fragte misstrauisch Herr Sträuber.

"Nun, Ihr stellt den Bruder vor. O ich weiss schon, was Ihr sagen wollt, Frau Bilz zieht sich ein bischen städtisch an, darauf könnt Ihr Euch verlassen. – Also Ihr steigt mit dem anderen Mädchen in F. ein, habt wo möglich schon im Warsaal ein paar Worte mit ihr gewechselt, findet Eure Schwester, und setzt Euch nun, wenn es geht, alle vier zusammen. – Verstanden?"

"Natürlicherweise," entgegnete Herr Sträuber. "Wir lassen uns dann von den beiden Mädchen erzählen, wohin sie wollen."

"Richtig, richtig! Ihr erfahrt, dass sie nach B. gehen, Ihr, Beide seid auch daher, und könnt Ihnen nun über die Häuser, wohin sie adressirt, die allerbeste Auskunft geben. – Sobald Ihr mit den Beiden hier ankommt, so seid Ihr ihnen augenblicklich behilflich, dass sie Plätze nach B. nehmen. Ihr, Sträuber, habt nun hier Geschäfte und bleibt da, die Frau aber begleitet die Mädchen und bringt sie in B. nach einem gewissen haus, das man ihr bezeichnen wird. – So, das wäre im Reinen. Ihr habt doch keinen Zweifel mehr?"

Frau Bilz zuckte mit den Achseln und sagte: "Ich wusste schon um die geschichte; ich war gestern bei der Becker, die mit mir davon sprach."

"Nun, da werdet Ihr auch gehört haben, dass ich Euch sogleich vorschlug," erwiderte der Hausherr, nachdem er eine starke Prise genommen. "Ja, Ihr seht, Frau Bilz, dass ich immer an Euch denke, wo es Etwas zu verdienen gibt."

Die Frau gab hierauf keine Antwort, sondern liess den Kopf auf die Brust sinken und spielte mit den Bändern ihrer Schürze.

Herr Sträuber erhob sich von seinem stuhl, strich sein Haar zurück, setzte den Hut auf und zog seine baumwollenen Handschuhe an.

"Und werden wir Geld zu dieser Fahrt von Euch bekommen?" fragte er, während er die Briefe, die er vorhin geschrieben, in die tasche steckte.

"Allerdings," antwortete vergnügt der Hausherr, der heute gute Geschäfte gemacht hatte, "kommt nur am Samstag, da sollt Ihr Alles haben: Geld, Adresse und die genaue Beschreibung von einem Paar sehr hübscher Mädchen."

Sechsundvierzigstes Kapitel.

Weihnachtsfreuden.

So war denn auch wieder einmal Weihnachten gekommen, diese frohe und glückselige Zeit für Alt und Jung, – für erstere zum geben, für letztere zum Empfangen; und wer dabei die grösste Freude hat, ist noch unentschieden. Wie bemühen sich die Kleinen vor diesem festlichen Abend, alles Unangenehme, das sie den Eltern zugefügt, vergessen zu machen und sich nur darzustellen in ihren guten und schönen Eigenschaften. Ja, schon vier Wochen vor Weihnachten geht es in den schulen und zu Haus ungleich stiller her als das ganze Jahr; man hört nicht das verdächtige klopfen des Lineals, man vernimmt wenig Scheltworte, und wozu früher eine ganze lange Ermahnungspredigt notwendig war, das tut jetzt ein einfaches Achselzucken und die hingeworfene Bemerkung: "Nun ja, es ist ja nächstens Weihnachten,