."
"So gebt denn achtung, Sträuber," unterbrach Meister Schwemmer hastig diese unanegnehmen Erörterungen. – "Schreibt also: verehrtester Herr Doktor! – Das Geld für den letzten monat habe ich richtig empfangen und danke Ihnen noch besonders für die Zulage, – im Namen des armen Kindes –"
"Im Namen des armen Kindes," wiederholte Herr Sträuber, indem er sein linkes Auge zukniff.
"Der Gesundheitszustand desselben," fuhr Meister Schwemmer fort, "ist immer noch derselbe: das Kind ist ein kränkliches und sehr schwaches Wesen, dessen Dasein nur gefristet werden kann durch die sorgfältigste Pflege und Behandlung."
"Durch die sorgfältigste Pflege und Behandlung," sagte Herr Sträuber.
"Sie können sich gar nicht denken, welche Mühe und Sorgfalt meine brave Frau darauf verwendet. – Aber trotz allem Dem muss ich Ihnen mit schwerem Herzen gestehen, dass dem kind ein langes Leben unmöglich prophezeit werden kann; es sei zu schwächlich auf die Welt gekommen, behauptet unser Arzt, der mehrere Mal in der Woche kommt."
"Der mehrere Mal in der Woche kommt, – Punkt," sprach lachend Herr Sträuber.
"Ganz richtig: Punkt," fuhr der Andere fort. "Wir wissen ja, hochverehrtester Herr Doktor, dass Ihnen Alles daran gelegen ist, dem kind eine gute Existenz zu verschaffen, und dass hiezu nach Ihren öfteren Schreiben keine Kosten gespart werden sollen. Desshalb sah sich denn meine Frau veranlasst, dem kind ein eigenes Zimmer zu geben –"
"Ein eigenes Zimmer."
"Und eine Wärterin," fuhr Meister Schwemmer ärgerlich fort, denn er bemerkte, wie sonderbar Matias lächelte.
"Und eine Wärterin," wiederholte Herr Sträuber.
Matias lachte laut auf und wandte sich nach dem Mann um, der neben ihm sass, wobei er demselben auf eine recht unverschämte Art in's Gesicht sah.
"Zu allem Dem nun," diktirte Meister Schwemmer weiter, "reicht das gewöhnliche Kostgeld lange nicht hin, und müssten wir schon ganz gehorsamst bitten, uns die Zulage, die wir schon seit zwei Monaten erhalten, auch fernerhin zukommen zu lassen. Sich damit ganz ergebenst und gehorsamst zu empfehlen."
"Ganz ergebenst und gehorsamst zu empfehlen," sagte Herr Sträuber, indem er mit einem grossen Schnörkel schloss und sich alsdann weit in seinen Stuhl zurücklehnte, um die wirkung der ganzen Schrift aus der Entfernung beurteilen zu können. Darauf reichte er den Brief ohne aufzustehen nach dem Ofen hinüber, und da ihn der Mann auf seinem stuhl nicht gut erreichen konnte, so machte Matias die Mittelsperson, indem er ihn dem Herrn Sträuber abnahm und dem Anderen einhändigte.
"Aber Eins erklärt mir doch," sprach er kopfschüttelnd. "Es muss doch hie und da vorkommen, dass irgend Einer, dem Ihr solche Wische schreibt, nun auf einmal absichtlich herkommt, um zu sehen, wie so ein Kind gehalten ist. Wie redet Ihr Euch nun da heraus? – Schaut mich nur nicht so misstrauisch an, Ihr kennt mich ja und ich Euch; wir verraten uns nicht, wollen auch nichts von einander erpressen, und noch viel weniger wird es mir je in den Sinn kommen, selbst ein Kostaus für kleine Kinder anzulegen. Ich habe an dem Transport meiner halbgewachsenen vollauf genug, obgleich das Volk bei mir immer lustig und guter Dinge ist, denn sie bekommen zu fressen, was in sie hinein geht. – Aber wie gesagt, lasst mich hören, wie bringt Ihr das hinaus?"
Meister Schwemmer kannte seinen Mann und wusste wohl, dass da keine Ausreden helfen und er mit der Sprache heraus müsse. Desshalb sagte er: "Nun ja, was wird da zu machen sein! Solche Nachforschungen finden wohl zuweilen statt, aber meistens gehen sie in die dritte und vierte Hand, und da hilft man sich so durch." – Er machte die Bewegung des Geldzählens. – "kommt aber irgend Jemand, der Einem geradezu auf den Leib geht, so hat man seine Leute in der Nachbarschaft, die für ein Billiges recht gern erlauben, ein anständiges Zimmer und ein gut aussehendes kleines Kind zu zeigen. – Ja, ich versichere Euch, die kommen oft mit Vorurteilen zu uns, denn sie haben allerhand munkeln gehört von schlechter Behandlung unserer Kostkinder, und führt man sie dann in ein solides Haus, da sind sie gleich vor den Kopf geschlagen."
"Diese Kniffe sind nicht schlecht," entgegnete der Andere. – "Aber wenn zufälligerweise eine Mutter kommt, um sich nach ihrem kind umzusehen? Der werdet Ihr doch in aller Ewigkeit nicht ein fremdes Kind für ihr eigenes unterschieben wollen."
"O mein lieber Matias," erwiderte der Mann am Ofen, nachdem er sich mit dem Sacktuch langsam den Mund abgewischt, "das kommt bei d e n Kindern selten oder nie vor, dass sich die Mutter nach ihnen erkundigt. Entweder ist die schon längst gestorben, ist in schlechten Verhältnissen, wo unsere Behandlungsweise vollkommen genug für das geringe Kostgeld ist, oder sie befindet sich in einem glänzenden Leben, und da ist sie froh, wenn sie von der Vergangenheit nichts zu hören und zu sehen bekommt."
Matias hatte nachdenkend die hände auf den Rükken gelegt und wiegte seinen Oberkörper hin und her.
"Ei, sagt mir doch," begann er nach einer längeren Pause, während welcher Herr Sträuber den Brief zusammen gefaltet und Meister Schwemmer die Adresse geschrieben hatte, da war ich