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die Seite gestossen."

"Bst!" machte ebenso leise der Mann, indem er mit der Hand herum fuhr und dem Knaben den Mund zuhielt. – – "Dort ist nichts mehr zu helfen," sagte er achselzuckend mit lauter stimme. "Aber lasst jetzt das Schlagen sein und gebt wenigstens für heute Ruhe."

Er wandte sich nach der Tür, um fortzugehen.

"Und ich muss hier bleiben?" rief der Knabe mit einem herzzerreissenden Tone der Verzweiflung; "ich werde wieder eingeschlossen und soll nicht wieder nach Haus dürfen zu der alten Frau Fischer, die ich so lieb gehabt?"

"Wir wollen sehen, was sich machen lässt," entgegnete der Mann. "Heute kann ich nichts für dich tun, aber sei ruhig und verständig, so will ich an dich denken, das verspreche ich dir." – Damit winkte er der Frau Schwemmer, ihm zu folgen, und verliess das Gemach.

Draussen auf dem Gange blieb er stehen und sprach zur Hauswirtin, die gefolgt war: "Ich will Euch nur sagen, dass ich öfters hier Inspektion halten werde; das ist ja eine wahre Schande, wie Ihr Eure Sachen betreibt. Habt Ihr denn keine Furcht, dass Euch einmal der leibhaftige Teufel holt? – Weib! Weib! so was ist mir noch nie vorgekommen. Nehmt Euch in Acht! – Und jetzt lasst die Bilz da bei dem kind und sorgt ihr Beide für den armen Wurm, was zu sorgen ist; nehmt Euch aber in Acht, dass ich von dem Zimmer kein lautes Wort mehr vernehme, keinen Schrei oder dergleichen. Glaubt mir, ich habe feine Ohren und will sie offen halten."

Damit ging er in die vordere stube.

Das Weib blickte ihm einen Moment mit unsicherem Blicke nach, dann schwankte sie zurück in den Stall und sagte dort zu der Frau Bilz, die sich über das Kind niedergebeugt hatte: "Ihr solltet eine Stunde da bleiben und nach ihm sehen. Wenn Ihr was braucht, so könnt Ihr's meinetwegen haben. Aber macht mir keine unnötigen Kosten, da ist doch nichts mehr zu helfen, das müsst Ihr selbst einsehen."

Mit diesen Worten verliess sie das Zimmer wieder und taumelte in ihre Küche.

Die Frau Bilz, die zurück blieb, schüttelte den Kopf und sagte still für sich, indem sie das Kind betrachtete: "Nein, nein, da ist mit allen Schätzen der Welt nicht mehr zu helfen." Doch sah sie umher, und als sie am Ende des Schragens ein altes wollenes Tuch erblickte, nahm sie es auf, faltete es zusammen und schob es dem kind unter das Köpfchen, das noch einmal seine Augen aufschlug und die Frau mit einem seltsamen Blicke anstarrte. Das kleine Kind hatte schöne blaue Augen, und als es so in die Höhe sah, waren sie von einem eigentümlichen Ausdrucke beseelt; es war das letzte Aufflackern der Lebensgeister, welche noch einmal in den bis jetzt so matten Blicken glänzten und unendlich viel sagen zu wollen schienen. Es war wie eine schmerzliche Anklage über sein elendes, armes Leben, oder auch wie ein Dank für die Hilfe, welche ihm die Frau in diesem letzten Augenblicke geleistet. – Das dachte diese sich auch, als sie es betrachtete und diesen ersterbenden blick bemerkte. Er drang in ihr Herz und presste es krampfhaft zusammen. Sie seufzte tief und schmerzlich auf, als nun das Kind zum letzten Male den Atem von sich blies und darauf die Augen gläsern wurden und aussahen, als habe die Hand des Todes plötzlich einen weissen Staub darauf gestreut; da beugte sie sich tief herab auf die kalte Stirne, und nachdem sie lange so gelegen, glaubte sie, es erwärme sich wieder. Aber es waren nur ihre eigenen heissen Tränen, die über die kalten Wangen und blauen Lippen der kleinen Gestorbenen herab rannen. – – – –

Sie kannte dieses Kind wohl, aber bis zu dem jetzigen Moment war ihr das kleine geschöpf gänzlich bedeutungslos gewesen, wie so viele dieser armen Kinder, die schon durch ihre hände gegangen waren. Nun aber trat vor ihr inneres Auge der Anfang und das Ende dieses kleinen armseligen Lebens. Und der Kontrast desselben war fürchterlich. – Ja, sie hatte dieses Kind gekannt, sie hatte es gesehen, hatte es in ihren Armen gewiegt, nachdem es erst wenige Tage alt war. – Es war das eine eigentümliche geschichte, die, obgleich sie nicht neu ist, doch Jedem, der sie hört, das Herz erbeben macht, – namentlich Anfang und Ende. Die Mutter dieses Kindes war ein reizendes, frisches, blühendes Mädchen, die Tochter bemittelter Eltern; der Vater war ein reicher und vornehmer junger Mann. Beide sahen sich zufällig, er zeichnete sie aus, er ritt auf prächtigen Pferden bei ihrem Fenster vorbei, und sie, ohne auf die Ermahnung ihrer Eltern zu hören, lächelte ihn an, blickte ihm nach und gewährte ihm endlich heimliche Zusammenkünfte, wie das in der Welt so der Brauch ist, und wie man es anfänglich als nichts Schlimmes betrachtet. – Da kam eines Tages der Fasching mit seiner tollen Lust und Freude, mit seinen Bällen, Maskeraden und sonstigen Vergnügungen, welche das Herz betäuben und die Sinne aufregen, und in einer Nacht besuchte das Mädchen im reizenden Maskenanzug einen jener Bälle, wohl unter der Aufsicht einer befreundeten Familie, aber sehr entschlossen, sich dieser Aufsicht so bald als möglich zu entziehen. – Und das tat