"Was wird's gegeben haben!" entgegnete die Hauswirtin und hielt ihre verwundete Hand empor. "Das Tier da hat mich gebissen."
"Nachdem Ihr ihn vorher so über den Kopf gehauen?" sagte der Mann, indem er die arme über einander schlug und das Weib mit einem finsteren blick fest ansah. "Ihr bringt's doch noch so weit, dass es wahr wird, was die Leute von diesem verfluchten haus sagen: es sei dies eine Mördergrube. – Pfui Teufel!" fuhr er mit leiser stimme fort, während er dicht an sie hintrat, "Ihr miserables, betrunkenes Weibsbild!"
Die Finger der Madame Schwemmer krallten sich vor Wut zusammen, und sie zuckte mit der Hand, als wollte sie dem Mann in das Gesicht fahren.
Doch hob dieser verächtlich die Achseln und sprach nach einer Pause: "Nun möchte ich aber doch wissen, was es denn eigentlich wieder gegeben hat? – Sprecht Ihr, Frau Bilz!"
"Na, was wird's gegeben haben!" versetzte diese in einiger Verlegenheit, "der Bube sagte allerlei garstige Dinge über die Frau."
"Und was hast du gesagt, Bube? – Ich rate dir, sprich die Wahrheit!"
"Das tu' ich immer," erwiderte trotzig der Knabe. "Und auch vorhin habe ich es getan, als ich erzählte, man habe mir meine Kleider gestohlen und man würde dem kleinen Mädchen da am Boden auch seine Schuhe genommen haben, wenn es der Mühe wert gewesen wäre. Und das hat das Weib mit der roten Nase selbst gesagt."
Madame Schwemmer wollte bei dieser ungebührlichen Schilderung ihrer person abermals mit der Peitsche auf das Kind losfahren.
Doch streckte der Mann seinen Arm dazwischen und sprach: "Seid jetzt ruhig," worauf er sich wieder an den Knaben wandte: "das sind hässliche Reden; wenn du dergleichen aussagst, so wird man dich prügeln, bis du kein Glied mehr rühren kannst."
"Und wenn man mich so arg schlägt, werde ich abermals beissen," entgegnete der Knabe.
"Mich auch?" fragte der Mann, indem er einen Schritt näher auf ihn zutrat.
"Euch nicht, aber das Weib; denn das Weib mit der roten Nase schlägt auch auf uns los, wenn wir Alle nichts getan haben, und nicht bloss auf mich, sondern auch auf die andern Kinder, die nie ein Wort sprechen. – Seht mich nur so an und hebt Eure Peitsche, es ist doch wahr und ich sag' es auch. – Wenn sie herein kommt und hat eine rote Nase, so schlägt sie gleich auf uns los, und wenn wir ganz ruhig in einer Ecke bei einander sitzen und ganz stille sind. – Wir dürfen nicht sagen, dass wir Hunger haben, und auch nicht, dass uns friert."
"Ja, ich glaube's," murmelte der Mann zwischen den Zähnen.
"Und dann," fuhr der Knabe fort, indem sich seine kleinen Finger vor Wut öffneten und schlossen, und seine stimme wie vor dem Ausbruch eines heftigen Weinens zitterte, "was habe ich getan, dass man mich hier einsperrt? Habe ich nicht in der Schule gelernt wie die andern Kinder auch, und bin ich unartiger gewesen als diese? – Nein! nein! nein! Der Lehrer hat mich belobt und hat gesagt, ich sei fleissig und könne meine Sache mit am besten machen. – Nun bin ich schon vier Wochen hier eingesperrt, habe keinen von meinen Kameraden gesehen und kein Lesebuch, keine Rechentafel und nichts. – Aber ich weiss schon, was ich hier soll: sie will mich tot machen, wie – wie –"
"Wie was?" schrie Madame Schwemmer, welche einen neuen vergeblichen Versuch machte, auf den Knaben loszustürzen. "Wie was? – du Tier!"
"Ja, tot machen will man mich," sagte der Knabe ermutigter, denn er sah, dass ihn der Mann schützte. "tot machen will man mich, wie dort das kleine Kind."
Das Weib warf einen schrecklichen blick um sich, und Frau Bilz schlug die Augen zu Boden.
"Wie – was?" fragte der Mann im höchsten Erstaunen, indem er sich dem Holzschragen näherte, wo allerdings das Kind in der Mitte in den letzten Zügen zu liegen schien. – "Das sieht jammervoll aus," sagte er zu Frau Bilz, die ihm gefolgt war. – "Teufel auch! Ihr hättet doch wohl ein besseres Gelass finden können als dies Loch hier, es ist ja nicht einmal ein Ofen da. – Und dann der Geruch! Ich bin doch mein Lebtag schon in viel Spelunken gewesen, aber so was habe ich doch noch nicht erlebt. – Nehmt Euch in Acht! nehmt Euch in Acht! Erfährt e r von der geschichte einmal ein Wort, so ist es um Euch geschehen, darauf könnt Ihr Gift nehmen. – Hier muss freilich Alles zu grund gehen; und dazu Euer elendes Essen und Trinken, da braucht kein Mensch nachzuhelfen und den armen Würmern sonst etwas tun."
"Aber sie tut's doch," flüsterte der Knabe dem mann zu, als er sah, dass ihn Madame Schwemmer nicht beachtete, sondern das verscheidende Kind anblickte. "Gestern, wie es fortfuhr zu schreien und nicht stille sein wollte, hat sie es mit der Peitsche in