1854_Hacklnder_152_168.txt

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"Das ist wahr," entgegnete der Knabe, indem eine augenblickliche Bewegung seine Züge überflog, "meine Kleider haben sie mir gestohlen, geschlagen werde ich ebenfalls, auch friert's mich und ich habe Hunger, aber das wird Alles noch einmal aufhören, wenn ich gross bin, und dann wartet nur!"

"Und was geschieht dann?" fragte die Frau und erhob ein klein wenig ihre Peitsche, aber nur zum Drohen, nicht zum Schlagen.

"Was dann geschieht? – Das will ich dir sagen: dann gehe ich hinaus auf die Strasse und suche meinen Vater und dann wehe euch Allen!"

"Ja, das würde ich auch tun," entgegnete die Frau achselzuckend; "aber bis die Zeit kommt, rate ich dir, dich ruhig zu verhalten, sonst wirst du noch viel mehr Schläge kriegen."

"Dann wehre ich mich," sagte trotzig der Knabe.

"Und womit?"

"Ich beisse," erwiderte er. Und damit öffnete er den Mund und zeigte seine kleinen weissen Zähne, die vor Zorn zusammen klapperten.

Der andere Knabe hatte sich scheu in eine Ecke gedrückt. Es war das eine wahre Jammergestalt mit dem Aussehen eines alten Zwerges. Spärliches Haar bedeckte seinen spitzen Schädel, seine Augen waren tief eingesunken, und die Unterlippe seines grossen Mundes hing schlaff herab. Er blickte ängstlich auf die Peitsche und kroch, ohne ein Auge davon abzuwenden, langsam rückwärts, bis er unter dem Schragen verschwand, auf dem die kleinen Strohsäcke lagen.

Frau Bilz hatte sich zu dem Mädchen niedergekauert und zuerst das Kleidchen betrachtet, das noch vor kurzer Zeit gut und frisch gewesen war, dann hatte sie kopfschüttelnd weiter untersucht, seine Haare, sein Hälschen, in dem sich tiefe rote und wunde Streifen zeigten, und dann seine Füsse, die aufgeschwollen zu sein schienen.

"Zieht man dich Abends nicht aus?" fragte sie zögernd nach einer Pause.

Das Kind blickte sie überrascht an und schien ihre Frage nicht zu verstehen.

"Mich hat man nur ein einziges Mal ausgezogen," sagte der Bube, indem er näher trat und die hände und arme heftig über einander schlug, um sich zu erwärmen, "nur ein einziges Mal, als man meine Kleider gestohlen. Die aber haben sie noch gar nicht ausgezogen; ich habe wohl versucht, ihr die Stiefel aufzuschnüren, aber es ging nicht, die Knoten an den Riemen sind mir zu fest. Die Frau da drinnen mit der roten Nase hat's auch einmal probirt, aber sie liess es ebenfalls bleiben, denn sie sagte: es ist nicht der Mühe wert, man bekommt doch nichts für das schlechte Schuhwerk."

"Das hätte ich gesagt, du Galgenstrick?" rief in diesem Augenblick Madame Schwemmer, die leise eingetreten war. Darauf stemmte sie ihre arme in die Seiten und fuhr fort, indem sie sich an Frau Bilz wandte: "Habt Ihr je ein so böses kleines Tier gesehen? Ein völlig wildes Tier, – er beisst!"

"Ja, er beisst," entgegnete der Knabe, "aber nur Euch."

"Wart, ich will dir's vertreiben!" schrie das halb betrunkene Weib und ergriff die Peitsche, welche Frau Bilz neben sich gelegt hatte. Doch fasste sie unglücklicherweise den Riemen statt des Griffs, und da sie nun in blinder Wut auf das Kind losschlug, so traf sie es mit dem ersten Streiche so heftig auf den Kopf, dass ihm das Blut augenblicklich über eine Seite des Gesichts herab lief.

Der Knabe stand einige Sekunden wie angedonnert, vielleicht auch von dem Hiebe etwas betäubt, dann aber zuckte er auf einmal zusammen, sprang in die Höhe und schoss wie eine wilde Katze auf das Weib los, ergriff plötzlich deren Hand, hielt sie fest und biss so stark hinein, dass sogleich das Blut heftig floss.

Jetzt erhob Madame Schwemmer ein mörderisches Geschrei und tobte in ihrer Wut um so ärger, als sie sich mit Hilfe der Frau Bilz vergeblich bemühte, den wütenden Knaben von sich abzuschütteln. Dieser liess ihren Arm nicht los, sondern er hatte sich mit seinen Fingern und Nägeln fest daran geklammert und bleckte immerfort die Zähne, während er mit dem kopf bald hierhin bald dortin fuhr. Dabei flammten seine Augen, sein Mund schäumte, und es war zu gleicher Zeit schrecklich anzusehen, wie das Blut aus seiner Kopfwunde langsam über sein zerrissenes graues Wamms herabrieselte.

Auf das Zetergeschrei der Weiber liessen sich bald im Gange, der zu der vordern stube führte, schwere Tritte vernehmen, die eilig näher kamen, und im nächsten Augenblicke trat ein grosser breitschultriger Mann unter die tür, der kaum gesehen, um was es sich handelte, als er mit einem lauten: "Hollah, Bursche, was gibt's denn da?" den Knaben am Nacken fasste und in die Höhe hob.

Dieser, die mächtige Faust fühlend, liess augenblicklich seine hände los und schaute scheu auf die Seite, um seinen Angreifer zu erkennen.

"Nun," fuhr dieser fort, "was ist denn hier wieder für eine Teufelswirtschaft? – Zwei erwachsene Weibsbilder, und können nicht einmal mit einem einzigen Knaben fertig werden! – Ah! der Kopf des Buben da sieht gut zugerichtet aus. – Was hat's wieder gegeben? – He, Hexe!" Damit wandte er sich an Madame Schwemmer, nachdem er vorher den Knaben ruhig auf den Boden niedergesetzt.