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wie Eisen, sieht auch nicht viel schlechter aus wie damals, als Ihr es hergebracht; Ihr hattet es offenbar zu gut gehalten. Ich weiss wohl, Ihr könnt nicht anders, desshalb taugt Ihr auch zu dem Geschäft gar nicht."

"Ich habe es auch gänzlich aufgegeben," sagte Frau Bilz mit einem seltsamen blick. Und damit ging sie zur tür hinaus, in der einen Hand die Peitsche, in der andern den gewissen Tee, der auf arme kleine Kinder betäubend wirkt und mit welchem gewissenlose Wärterinnen dieselben in einen unruhigen und nervenzerstörenden Schlaf versenken.

Die Frau ging durch den halbdunkeln gang, wobei sie die Haustüre in ihrem rücken liess und am Ende desselben rechts an eine tür kam, an der von aussen ein grosser Riegel vorgeschoben war.

Dies war der S t a l l , wie sich Madame Schwemmer ausdrückte. Und gewiss, er verdiente diese Benennung.

Es war ein viereckiges, ziemlich niederes Gemach mit einst weiss gewesenen Kalkwänden, die aber nach und nach von all' dem Duft, der hier herrschte, eine gelblich graue Farbe angenommen hatten. Da nur ein einziges Fenster in diesem Zimmer war, dessen wenige Scheiben noch obendrein trüb angelaufen hie und da in gelbem und grünem Schimmer spielten, so war das Gemach verhältnissmässig ziemlich dunkel, aber hell genug, um all' das Elend übersehen zu können, welches sich hier dem Blicke darbot.

Dritter Band

Vierundvierzigstes Kapitel.

Eine Kleinkinderbewahranstalt.

In diesem Zimmer waren sechs Kinder, von denen drei kleine im Alter von nahe an einem Jahr auf elenden, zerrissenen und durchfeuchteten Strohsäckchen lagen, die sich im Hintergrunde auf einem Schragen befanden. Eine einzige geflickte Decke war über alle drei ausgebreitet und zu beiden Seiten mit Bindfaden festgebunden, was verhindern sollte, dass die Kinder, die sehr, sehr oft allein waren, ihre Bedeckung nicht von sich strampelten. Das war ihnen denn auf diese Art allerdings unmöglich, dafür aber hatten sich die zwei aussenliegenden, vielleicht von Schmerzen geplagt und ohne Hilfe allein gelassen, nach allen Richtungen herum geworfen, und so war es denn gekommen, dass sie auf beiden Seiten so weit heruntergerutscht waren, dass ihre nackten, entsetzlich mageren Füsse und Beine über den Strohsack herabhingen und der Kopf unter der Decke stak, wodurch die armen Geschöpfe Gefahr liefen, erstickt zu werden.

Das mittlere dieser unglücklichen Kinder lag aber um so ruhiger, und zwar so regungs- und bewegungslos, dass die eingetretene Frau, nachdem sie die beiden anderen etwas zurecht gelegt, sich eifrig um dieses beschäftigte. Es durchzuckte sie seltsam, als sie ihre Hand auf die Stirne des Kindes legte und darauf unter das zerrissene Hemdchen fuhr, um nach dem Herzschlag zu forschen. Die Stirne war feucht und kalt, und das Herz schlug wohl noch, aber oftmals machte es lange Pausen, und dann öffnete das Kind die bläulichen Lippen und zog gurgelnd eine idee von Atem in die kleine Brust.

"Da ist nichts mehr zu machen," sprach die Frau zu sich selbst, indem sie die hände übereinander schlug und das arme Wesen einige Sekunden lang betrachtete. "Du hast nächstens ausgelitten."

Bei ihrem Eintritte in das Zimmer hörte das Geschrei der drei grösseren Kinder plötzlich auf. – Es waren dies zwei Buben und ein Mädchen. Der älteste der Buben, vielleicht sechs Jahre alt, hatte im Verein mit dem anderen, der fünf zählen mochte, den vergeblichen Versuch gemacht, die beiden Kinder auf den Seiten aus ihrer erstickenden Lage zu befreien, und da dies nicht gelungen war, hatten sie beide ein grosses Geschrei erhoben.

Das Mädchen war vielleicht etwas über zwei Jahre alt und gekleidet in ein blaues, verschossenes und zerrissenes Wollenkleidchen; es sass neben der tür am Boden, hatte den Kopf auf die fast unkenntlichen Ueberbleibsel eines hölzernen Pferdes gelegt, dessen Hals es mit seinen Aermchen umklammerte. Es zitterte, wahrscheinlich zugleich vor Angst und Kälte, und duckte sich tief herab, als es die Frau mit der Peitsche hereintreten sah. Im nächsten Augenblicke aber musste das Kind wohl bemerkt haben, dass es nicht das rote Gesicht der Madame Schwemmer war, welches sie anblickte, sondern ein ihr bekanntes, ja befreundetes. Es erkannte wohl die Frau Bilz, welche es bisher gepflegt, ehe es in diesen schrecklichen Aufentaltsort gekommen, und nun zuckte in seinen matten Augen ein seltsamer Blitz empor; vielleicht war es die Erinnerung an bessere Tage, vielleicht war es die Hoffnung, es werde wieder von hier fort genommen werden, genug, – das Kind hob seinen Kopf empor, öffnete die Augen so weit als möglich und fing dann an bitterlich zu weinen.

"Ja, ja, ich bin es," sprach Frau Bilz, deren Herz eine augenblickliche Rührung durchzuckte, indem sie sich zu dem kind niederbeugte. "Sei ruhig, ich bin's ja, es soll dir auch nichts zu Leide geschehen."

"Aber du hast doch die Peitsche mitgebracht," sagte der ältere Knabe, während er sich trotzig vor die Frau hinstellte und sie keck ansah.

"Vielleicht für dich," entgegnete diese, "denn du bist wohl nicht anders zu zwingen."

"Hier nicht," versetzte trotzig das Kind. "Früher tat ich Alles, was man von mir haben wollte."

"Aber du siehst, wie es dir alsdann geht," fuhr Frau Bilz fort; "sie haben dir zur Strafe deine guten Kleider genommen, und jetzt musst du in den Lumpen da einher gehen