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Schlage gerührt, und wenn sich auch ihr Mund krampfhaft öffnete, so brachte sie doch keinen laut hervor, fing aber an leise zu weinen, als er sie nun bis in die Mitte des Torwegs schleppte, ihr dort mit grosser Geschicklichkeit die kleinen goldenen Ohrringe entriss, und dann, ihr nochmals mit der Faust drohend, in raschen Sprüngen entschwand. Hinter dem Gewölbe bog er rechts in eine kleine Gasse, dann links in eine andere, und beeilte sich soviel als möglich, in ein anderes Stadtviertel zu kommen, was ihm auch nach einer kleinen Viertelstunde ungefährdet gelang.

Hier ging er langsamer, zog ruhig seinen Frack in die Taille herab, der ihm bei dem raschen Laufe etwas in die Höhe gerutscht war, richtete auch seine Vatermörder auf und schob den Hut wieder auf die Mitte des Kopfes. Als dies geschehen, betrachtete er die Strasse, in der er sich befand, und schlug dann eine neue Richtung ein, die ihn bald in die Nähe des Fuchsbaues brachte. Doch ging er hier vorüber, durchschritt noch einige kleine Gässchen und kam so in die Nähe der alten Stadtmauer, wo die Häuser lichter wurden und hie und da kleine Gärten zwischen ihnen zerstreut lagen. Auf einen der letzteren schritt er zu; dieser war mit einer ziemlich hohen Mauer umgeben und hatte ein kleines Tor, das nur angelehnt war. Er öffnete es und ging zwischen den kahlen Gartenbeeten einem kleinen und baufällig aussehenden haus zu, welches eigentlich das Ansehen hatte, als sei es unbewohnt und werde nur von dem Gartenbesitzer als Scheune benutzt. Die Fundamente dieses Hauses mussten auf einer Seite gewichen sein, denn es stand vollständig schief und sah desswegen sowie auch, weil sämmtliche Fensterladen verschlossen waren, recht trostlos aus. Wenn man es betrachtete, so drängte sich Einem unwillkürlich die idee auf, es habe sich dort einmal ein Selbstmörder aufgeknüpft, und sei da lange, lange Jahre vergessen hängen geblieben.

Dies Haus wurde in seinen unteren Teilen auch nur zum Aufbewahren von Stroh und alten Gerätschaften benützt, oben schien nur noch ein einziges Zimmer praktikabel zu sein, und das war die wohnung unseres Bekannten, des Teaterschneider-Gehilfen-Schellinger. Von der Treppe existirten nur noch einige halbmorsche Balken und Bretter, die in ihrer traurigen Gestalt nur sehr undeutlich anzeigten, wo es für einen Wagehals möglich sei, hinauf zu steigen.

Herr Sträuber öffnete dieses Haus, trat hinein und schloss die tür wieder sorgfältig hinter sich zu, dann schritt er durch den öden gang und zu einer hinterm tür wieder hinaus auf einen kleinen Hof, an dessen Ende sich ein anderes und besser erhaltenes Gebäude befand.

Augenscheinlich bildete das verlassene Haus vorn eine Art von Schutz und Schirm für das hintere, denn dieses, in einem Winkel der Stadtmauer gelegen, und vorne gedeckt, verbarg sich so vollkommen vor den Blicken aller Unberufenen.

Dreiundvierzigstes Kapitel.

Hehlerei.

Nachdem Herr Sträuber durch den Hof geschritten war, klopfte er leise an die tür des anderen Hauses; diese wurde augenblicklich geöffnet und er trat in einen gang und von da in ein Zimmer, in welchem eine sehr unangenehme warme Atmosphäre herrschte. Der Ofen schien übermässig geheizt zu sein, und es roch hier nach kleinen Kindern, mit deren Reinlichkeit man es nicht gerade sehr genau zu nehmen pflegt.

Frau Bilz sass am Fenster, sie hatte ihren Kopf in die Hand gestützt und sprach mit einem mann, der neben dem Ofen in einem alten ledernen schmutzigen Lehnsessel ruhte. Dieser Mann war nicht über vierzig Jahre, sah aber aus wie ein kranker Sechziger; er war angetan mit einem dunkeln Schlafrock von nicht mehr zu erkennender Farbe, und seine Füsse, die in dicken Filzschuhen staken, lagen über einander auf einen kleinen Fussschemel; auf seinen Knieen hatte er ein rotkarrirtes Schnupftuch ausgebreitet, mit dem er sich häufig die Nase putzte und das er oft vor seinen Mund hielt, wenn er nämlich anfing zu husten, was alle Augenblicke geschah. Es war ein schlimmer Husten, der ihn sehr zu plagen schien; er brachte ihn ganz ausser Atem und rötete dann auf Sekunden seine tief eingefallenen bleichen Wangen.

Auf diesen Mann ging Herr Sträuber zu, reichte ihm nachlässig seine Hand und begrüsste ihn, wobei er aber seinen Hut auf dem kopf behielt. Jener dagegen nickte ihm lächelnd zu und nahm dann eine Schnupftabaksdose, die neben ihm auf dem Tische stand, öffnete sie und bot dem eben Eingetretenen eine Prise. Herr Sträuber nahm einige Körner und tat nur so, als schnupfe er, indem er seine Finger leicht hinauf an die Nase warf, in Wahrheit aber liess er den Tabak auf den Boden fallen und schnüffelte dazu auf eine unangenehme Art.

"Aber es ist hier verdammt heiss," sagte er hierauf, während er sich auf einen Sitz am Fenster niederliess, seinen Hut abnahm und mit dem bewussten feinen Spitzentuch, das er aus der Brusttasche gezogen, seine Stirne abtrocknete.

Die Frau neben ihm sah diese Bewegung, und da sie wohl wissen mochte, welcher Art Taschentücher sich der Herr Sträuber gewöhnlich zu bedienen pflegte, so lächelte sie verschmitzt und streckte die Hand nach dem kostbaren Spitzengewebe aus, indem sie sagte: "Was soll der Lappen kosten?"

"Ich habe Euch den Lappen noch gar nicht angeboten," entgegnete der Andere, während er Miene machte, das Tuch wieder in seine Brusttasche zu stecken. "Ihr seid ein furchtbar rohes und habgieriges Weib, Frau Bilz; aber ich will Euch verzeihen, da Ihr nicht eine Spur von Bildung genossen habt