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Reputation zu sehen, und darum wäre besser, Frau Bilz, wenn wir uns hier, wo die Strassen anfangen, für kurze Zeit trennten; in einer kleinen halben Stunde komme ich zu Meister Schwemmer und da sehen wir uns wieder."

"Mir ist das auch schon recht," sprach die Frau lachend; "aber haltet Euch nicht zu lange bei Euren vornehmen Bekanntschaften auf und kommt pünktlich."

Herr Sträuber nickte statt aller Antwort nur, steckte die rechte Hand unter den zugeknöpften Frack und lenkte mit erhobenem kopf in eine der breiteren Strassen ein, die hier anfingen; die Frau dagegen verlor sich in eine Seitengasse.

Er schritt mit ruhiger Behaglichkeit weiter, schaute rechts und links an die Häuser, blieb hier vor einem Laden stehen, betrachtete dort einen Augenblick die Leute, welche in's Kaffeehaus gingen oder heraus kamen, und gewann darauf immer wieder die Mitte der Strasse, namentlich wo andere Gassen seinen Weg kreuzten. Da blieb er auch wohl einen Augenblick stehen, sa sich forschend nach allen Seiten um und veränderte hierauf nicht selten seine Richtung.

So tat er auch jetzt wieder und schoss mit grosser Geschwindigkeit in eine Seitenstrasse, wobei er den blick nicht von einer Stelle auf dem Pflaster verwandte. Als er sie erreicht, schaute er um sich her, bückte sich und griff Etwas vom Boden auf, das er hierauf lächelnd in seine tasche steckte. Es war ein kleines Portemonnaie, das Jemand da verloren haben musste. Und so war es auch, denn kaum hatte Herr Sträuber einige Schritte weiter getan, so stürzte aus einem haus ein junges Mädchen heraus, das sich überall auf dem Boden umsah, und dann auch den im schwarzen Frack im Vorübergehen fragte, ob er nicht Etwas gefunden, worauf dieser begreiflicherweise die Achseln zuckte und bedauernd verneinte.

"Das ist kein schlechter Anfang," sprach er zu sich selber, als er wieder in eine belebtere Strasse eingebogen war, "und da uns der Zufall so günstig ist, so könnte auch am Ende mit leichter Handarbeit Etwas zu verdienen sein."

So denkend, stellte sich Herr Sträuber wenige Augenblicke nachher vor einen grossen Bilderladen, vor dem sich schon eine Menge Personen befanden, und schien sich angelegentlich die Kupferstiche und Litographen zu betrachten, in Wahrheit aber erforschte er genau die Physiognomien seiner Nachbarschaft, und mochte endlich seinen Mann gefunden haben, denn er schob sich leise hinter einen jungen Herrn, der eine Dame am arme hatte und eifrig bemüht war, derselben die Schönheit irgend eines grossen Blattes zu erklären. Die Dame trug einen mit Pelz besetzten Sammetmantel und einen grauen Muff, aus welchem ein zierlich gesticktes Sacktuch hervor sah.

Herr Sträuber, der voll Entusiasmus für eine büssende Magdalena zu sein schien, die sich in Kupferstich ebenfalls an dem Fenster befand, drängte sich, dabei sehr um Entschuldigung bittend, zwischen die junge Dame und einen dicken Herrn, der auf der andern Seite stand, worauf denn auch geschah, was er sich gedacht: die Dame in ihrer Artigkeit, wahrscheinlich befürchtend, mit ihrem vorgehaltenen Muff zu viel Platz für sich wegzunehmen, zog die rechte Hand heraus und nahm ihn leicht in die linke, worauf sich Herr Sträuber augenblicklich tief herabbückte, um am Kupferstich der büssenden Magdalena den Namen des Künstlers, der das Blatt gestochen, lesen zu können, zu gleicher Zeit aber auch, um durch einen unbemerkbaren Ruck das reichgestickte Taschentuch an sich zu bringen, worauf er nichts Eiligeres zu tun hatte, als, sich zurückziehend, dem Gedränge zu entschlüpfen und mit möglichster Schnelligkeit in einen benachbarten Laden zu treten, wo er sich von dem gefundenen Gelde eine neue Cigarre kaufte.

Er zündete diese mit äusserster Langsamkeit an, dann fragte er nach dem Preise verschiedener Artikel, liess sich auch einige Sorten feinen Tabak vorlegen, sprach über dies und das mit dem einfältig aussehenden Ladendiener, und als er fast eine Viertelstunde nachher den Laden verliess und wieder auf die Strasse trat, er hatte natürlicherweise vorher auf's Sorgfältigste nach dem Bilderladen hinüber gespäht, – fand er zu seinem grössten Erstaunen, dass sich ein ganzes Paket Cigarren zufällig unter die Schösse seines Fracks verirrt hatte und nun freiwillig mitgegangen war. Er hielt aber die Sache für zu geringfügig, um desshalb nochmals in den Laden zurückzukehren.

Hierauf verliess Herr Sträuber die Hauptstrassen und wandte sich den stilleren und entlegeren Stadtvierteln zu. Er schritt gedankenvoll durch eine enge Gasse, die auf einen freien Platz müngete, wo sich eine Kirche befand. Es war dies ein altes Gebäude mit dicken Strebepfeilern, zwischen denen man kleine Kramladen eingebaut hatte. Die Kirche stiess mit dem Chor an ein altes Kloster, das den Platz absperrte, und in welchem sich nur ein langer und finsterer Torweg befand, der die einzige Verbindung zwischen hier und den hinten liegenden Strassen war. Diesem Eingänge schlenderte Herr Sträuber zu, mit ausserordentlich langsamen Schritten und zwar so langsam, dass er ein kleines Mädchen von acht bis zehn Jahren, welches mit einem Körbchen in der Hand vor ihm ging, nicht einmal überholte; doch blieb er dicht hinter ihr und betrat fast zu gleicher Zeit mit der Kleinen das einsame halbdunkle Gewölbe. Dann blickte er scharf ausspähend vorwärts und rückwärts, und als er kein menschliches Wesen weder auf dem platz noch in der anderen Strasse gewahrte, hatte er mit einem Schritt das Mädchen erreicht, fasste es mit raschem Griff fest an ihrem Hals und sagte: "Sobald du schreist, bring' ich dich um!" – Das arme geschöpf war wie vom