1854_Hacklnder_152_162.txt

und trieben sich namentlich in der Nähe der Barrière herum, an der sie jeden Pfuhl beschnüffelten und hierauf zarte Erinnerungszeichen zurückliessen; Weiber mit grossen Körben voll Wäsche auf dem kopf drängten sich an die Treppen, die zum Kanal hinab führten, und hatten einander, ehe sie ihre Arbeit begannen, wichtige begebenheiten mitzuteilen. Von draussen herein kamen Bäuerinnen und brachten Eier und Butter auf den Markt, sie hatten meistens schon einen weiten Weg zurückgelegt, sahen etwas übernächtig und verschlafen aus, und wenn sie zuweilen tiefaufatmend einen Augenblick stehen blieben, so kam der Hauch aus ihrem mund wie eine blaue Wolke hervor. – Das ging aber Alles an einander vorüber und Keines bekümmerte sich viel um die Begegnenden; die Buben liefen in das Haus zurück oder auf ihre Spielplätze, die Hunde suchten den warmen Ofen wieder auf und die Wäscherinnen begannen, immerfort plaudernd, ihr Geschäft.

So mochte es vielleicht neun Uhr geworden sein, als von draussen herein gegen die Stadt zwei Leute kamen, die in eifrigem Gespräch neben einander gingen. Es war ein Mann und eine Frau, letztere in der Tracht der Bauernweiber, und dass wir es dem geneigten Leser nur gestehen, Beide gehören bereits zu unserer Bekanntschaft: s i e war jene Bauersfrau, welche wir bei Madame Becker gesehen, wo sie der unglücklichen Nähterin den Tod ihres Kindes angezeigt; und wenn wir von dem mann, der neben ihr ging, sagen, dass er trotz der Kälte des Morgens einen ziemlich dünnen, abgeschabten schwarzen Frack trug, hohe, etwas gelbe Hemdkragen hatte, dazu einen fuchsigen Hut, und dass er mit grossem Anstande daher schritt, so wird Niemand mehr im Zweifel sein, dass es der sehr ehrenwerte Herr Sträuber war, den wir in jener Nacht im Fuchsbau kennen zu lernen das Vergnügen hatten.

Herr Sträuber trug heute zur Vervollständigung seiner Toilette graue baumwollene Handschuhe, auch dampfte in seinem mund eine Cigarre. Er ging mit grosser Würde neben der Frau her, und wenn er so zuweilen im gespräche steif und wichtig mit dem kopf nickte, so gab er sich das Ansehen eines vornehmen Herrn, der zufällig mit einer ganz geringen person spazieren geht und sich vorgenommen hat, dabei sehr herablassend zu tun. Zuweilen blieb er auch stehen, stemmte beide arme in die Seite und hob seine Nase gewaltig hoch empor, und dann stellte sich die Frau vor ihn hin, sprach eifrig mit ihm, und je ärger sie mit den Händen gestikulirte, desto ruhiger und würdevoller sah er auf sie herab; dann erfolgte ein abermaliges ernstes Kopfnicken und sie zogen weiter.

Als sie so an die Barrière kamen, wo gestern Nacht der Herr Beil gestanden und wo jetzt die Wäscherinnen lachten und plätscherten, versuchte es Herr Sträuber, einen grossen Bogen zu machen, um nicht zu nah bei diesen Damen vorbei zu müssen. Die Bauersfrau achtete aber nicht darauf, dass sie in diesem Augenblicke besonders lebhaft erzählte, sondern sie ging so hart an der Schranke vorbei, dass sie im Eifer ihres Vortrags zuweilen ihre Hand auf dieselbe legte und den darauf gefallenen Reisen herab wischte, der sprühend auf die Erde fiel.

"Bst! bst!" machte eines der Waschweiber, als die Beiden näher kamen, mit leiser stimme zu den andern, "schaut euch den an, der da kommt, das ist ein Seelenverkäufer, ein Sklavenhändler."

"Ei der Tausend!" meinte eine andere, die sehr stämmig aussah, "sollen wir ihn nicht ein wenig unter die schmutzige Wäsche tauchen und sauber waschen?"

"Das wäre vergebliche Mühe," entgegnete die erste; "wenn man den hundert Jahre in den Kanal versenkte, so käm' er doch wieder schwarz wie eine Kohle an Leib und Seele heraus."

Die Bauersfrau, die diese Worte gehört, ging absichtlich langsam und zuckte verächtlich mit den Achseln. Ihr Begleiter dagegen machte einige lange Schritte, eilte ihr voraus, und als sie ihn in kurzer Zeit darauf wieder eingeholt, spuckte er grimmig aus und sagte: "Diese Bestien!"

"Es weiss aber auch der Teufel," meinte die Bauersfrau, "woher es kommt, dass Ihr in ein so schlechtes Renommée geraten seid, und dass Euch alle Welt kennt wie einen bunten Hund."

"Ich weiss es wohl," entgegnete er mit zorniger stimme; "ich kann mich nun einmal mit dem Pack nicht gemein machen; es ist eine leidenschaft von mir, auf mein Aeusseres was zu halten. Ginge ich in einer schmierigen Jacke einher wie die Anderen, so wäre es freilich besser; aber dazu kann ich mich nun eben nicht entschliessen."

"Ja, ja," erwiderte die Bauersfrau, indem sie ihn lächelnd von der Seite ansah, "Euer Aeusseres ist schon von dem unsrigen verschieden; aber ich möchte aus Eitelkeit nicht so frieren wie Ihr."

Herr Sträuber zuckte mit den Achseln, während er entgegnete: "Das versteht Ihr nicht. Leider Gottes! kann ich wohl sagen, bin ich auf einer anderen Stufe als Ihr geboren, und kann das nun einmal nicht verleugnen. Und dann glaubt mir auch, es ist für uns Alle besser, dass auch Jemand, wie ich bin, da ist, mit dem honette Leute ein vertrauliches Wort sprechen können." – Damit strich er sanft seinen Hemdkragen, zupfte darauf an den Handschuhen und drückte den Hut etwas näher an's rechte Ohr, ehe er fortfuhr: "Desshalb halte ich es auch für Pflicht, etwas auf meine