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ihn überall zurückgestossen. – Seine Leiden vermehrten sich mit den Jahren, man brachte ihn mit grosser Mühe als Lehrling unter, und als er ausgelernt hatte, fand sich lange keine Stelle für ihn, er musste Jahre lang in seinem Geschäfte die niedrigsten arbeiten versehen, und als er endlich die Stelle erhielt, in der wir ihn kennen gelernt, musste er sich mit einem Gehalt begnügen, der zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben war; er musste dabei alle Launen des Prinzipals ertragen und er tat das wohlgemut, bis jene beiden Kinder in das Haus kamen, bis ihm Marie erschien, bis sein Herz durch die Liebe zu ihr so namenlos unglücklich wurde.

Als er in seiner Erzählung an diese letzte Zeit seines Lebens kam, zitterte seine stimme und die Tränen tropften ihm langsam aus den Augen. Er schilderte mit glühenden Farben seine Liebe zu dem Mädchen und die törichten Hoffnungen, die er genährt, – Hoffnungen, die er aber gern unterdrückt hätte, wenn sie glücklich geworden wäre. Nun aber kamen jene Vorfälle, und davon sprach er dem Phantome gegenüber mit fieberhafter Hast; es drängte ihn, über diese schrecklichen Stunden hinüber zu kommen. Er erzählte von dem vergangenen Abend, von seiner Unterredung mit ihr, von seinem festen Entschlüsse, das Leben endigen zu wollen, von seinem Gange durch die dunklen Strassen, von seiner Ankunft hier am Kanale und sogar von der Melodie, die ihm das wasser vorgesungen, von dem alten WiegenliedeschlafenschlafenRuhe! –

"Und nun bin ich fertig," sagte er, als er geendet; "aber die Ruhe, mit der ich hierher ging, ist aus meinem Herzen verschwunden. Ich war nicht mehr unglücklich, jetzt bin ich es wieder, o namenlos, namenlos unglücklich! – Und nun sprecht nach Eurer überzeugung, bin ich töricht oder bin ich es nicht?"

Bei diesen letzten Worten schlug er die hände vor's Gesicht und beugte den Kopf tief hinab auf das Geländer.

Einige Augenblicke hörte er nichts als das Rauschen des Wassers, dann vernahm er die stimme des seltsamen Wesens neben ihm; und diese stimme, bis jetzt hart und scharf, klang nun weich und milde. "Ich habe deine geschichte angehört," sagte es "und muss gestehen, dass allerdings viel Unglück darin vorkommt, aber nicht genug, dass ich dir, wie wir bedungen, mit einem Worte die erlaubnis geben dürfte, dein Leben zu endigen. denke' daran, was du mir versprochen, lebe, bis wir uns wieder sehen, und glaube mir, wir sehen uns bald wieder. Sei auch versichert, dass du meinem Blicke nicht entgehst, und wenn du je dein gegebenes Wort brechen und doch zum Selbstmörder werden wolltest, so schaue vorher auf die Seite, du wirst meine Augen auf dich gerichtet finden, dich warnend und zurückziehend, wie ich es in dieser Stunde getan. – Und nun lebe, und lebe so gut du kannst!" –

Damit schwieg die stimme, und als sich der junge Mann ein paar Minuten nachher empor richtete, um einige Worte zu entgegnen, bemerkte er zu seinem grösstem Entsetzen, dass die Gestalt neben ihm verschwunden und nirgends mehr zu sehen war. Und doch hatte er weder einen Tritt noch das Rauschen des Mantels vernommen. Er war wieder ganz allein in der Nacht, Alles um ihn her in tiefe Finsterniss gehüllt, nur der Himmel über ihm sah etwas lichter aus, und der glänzende Stern mit dem bläulichen Lichte strahlte in heller Pracht auf ihn hernieder.

Zu gleicher Zeit schlugen die Kirchenglocken klar und deutlich ein Uhr nach Mitternacht.

Zweiundvierzigstes Kapitel.

Spaziergänge des Herrn Sträuber.

Noch in der letzten Hälfte der Nacht, von der wir im vorigen Kapitel erzählten, änderte sich das Wetter; der Wind war nach Osten herumgesprungen, hatte die trüben Wolken vor sich hergejagt und Alles frisch und blank gefegt für eine blitzende Wintersonne, die wenn auch in diesem monat spät, doch klar und freundlich aufging. – Wie sah in ihrem Lichte Alles ganz anders aus, als gestern im Schatten der Nacht! Da war der Kanal, da die Barrièren, an welchen Herr Beil jene Gestalt gesehen, die ihn glücklicherweise von seinem traurigen Vorhaben abgebracht; aber heute Morgen hatte das Alles durchaus nichts Unheimliches, und wenn jetzt auch noch so viele Wesen in schwarzen Mänteln und mit noch blitzenderen Augen dort gelehnt hätten, es würde sich Niemand weiter um sie bekümmert haben.

Auf dem wasser des Kanals lag ein heller, freundlicher Schein; seine Ufer hatten sich mit Reif bedeckt, auf welchem die Sonnenstrahlen zahllose Brillanten hervorzauberten. Die kahlen Aeste der Bäume waren auf einer Seite wie vergoldet, während die andere eine bläulich unbestimmte Farbe hatte. Auch die Barrière war hell angestrahlt und warf einen koketten Schatten auf den Weg, der an ihr vorüber führte. Die einzelnen Häuser, die in der gestrigen Nacht so sehr entfernt zu stehen schienen, – denn man sah durch Dunkelheit und Nebel kaum ihre Umrisse, – waren jetzt im hellen Lichte näher gekommen und standen frisch und wohlgemut da mit ihren glänzenden Fensterscheiben, mit den hohen roten Dächern, die wie eine Morgenmütze aussahen, und aus deren Spitze der hellblaue Rauch empor wirbelte, – eine lustig aufgesteckte Feder.

Auch an mannigfaltiger Staffage fehlte es nicht: kleine Buben sprangen sich scheu umsehend und eilfertig dem wasser zu, um nachzuschauen, ob nicht bald für eine solide Eisdecke Hoffnung sei; Hunde aller Rassen machten ihren Morgenspaziergang