mir gesprochen, möchte ich wohl wissen, unter welchen Bedingungen du den Selbstmord entschuldigen würdest."
"Nun meinetwegen," sagte die Gestalt, indem sie sich wieder etwas empor richtete; "man solle einem Sterbenden keine Bitte abschlagen, und da du ein solcher bist, so will ich dir meine Ansicht mitteilen. – Das Verbrechen, von dem wir eben sprachen, könnte ich, wie gesagt, nur in einem einzigen Falle entschuldigen, das wäre nämlich, wenn ein Selbstmörder wieder in's Leben zurückgerufen würde und er dann von neuem Hand an sich legte, um so dem Schlimmsten, was einen Menschen treffen kann, dem allgemeinen Hohne, der allgemeinen und verdienten Verachtung zu entgehen."
"Dem Hohne und der Verachtung!" versetzte der Andere, und seine Zähne klapperten auf einander. – "Aber nein, nein!" rief er nach einer Pause leidenschaftlich, "ich weiss, wer du bist, du bist der Teufel! Du willst mich von meinem Glücke zurückhalten, um die Lust zu haben, mich noch Jahre lang quälen zu können."
Nach diesen Worten lachte das Phantom laut auf, aber es war ein gellendes, unheimliches Gelächter. – "Nein, nein," sagte es, "ich bin nicht der Teufel, – vielleicht mit ihm verwandt; die trüben Leidenschaften, die sich deines Gehirns bemeistert haben, lassen dich völlig unklar denken; wenn ich der Teufel nach euren Begriffen wäre, so müsste ich an deinem Schritt meine Freude haben, denn deine Seele wäre mir gewiss und ich bekäme sie bald. – Aber beruhige dich: für euch Selbstmörder gibt es weder Teufel noch Engel, weder Belohnung noch Strafe, und das ist gerade eure Strafe; mit dem Sprung in's wasser lasst ihr all' eure Hoffnung hinter euch. Diesseits könnt ihr nicht mehr Busse tun, um ein ewiges Leben, an das wir ja Alle glauben wollen, zu erringen; denn ein ewiges Leben, wenn auch voll Not und Qual, aber doch mit einem Schimmer von Hoffnung, ist nicht für euch: ihr habt das Anrecht daran freiwillig weggeworfen."
"Ah!" machte der Andere, "das ist eine seltsame Ansicht. Ich hoffe sehr auf eine bessere Zukunft."
"Aber vergeblich; was du diesseits verachtungsvoll wegwirfst, wird man dir nicht jenseits entgegenbringen. – Aber nun lass uns den unnützen Wortstreit enden. Mache dein Geschäft ab; ich möchte gern nach haus."
"So geh' deiner Wege!" rief Herr Beil mit schmerzlichem Tone. "O, wärst du nie gekommen, um mich zu belauschen, Alles wäre nun vorüber, während so –"
"Dein Entschluss wankend geworden ist?" fragte die Gestalt.
"Deine Augen, die so starr auf mich geheftet sind, beunruhigen mich. Ich glaube, während ich in's wasser spränge, würden sie schrecklich, entsetzlich immer näher auf mich eindringen."
"Da hast du Recht; das wird auch der Fall sein, denn ich habe mir einmal fest vorgenommen, deinem Ende beizuwohnen, ich interessire mich dafür und werde nicht von der Stelle weichen."
"Das will ich erwarten," sprach Herr Beil zähneklappernd, indem er sich an das Geländer lehnte, und, wie es vorhin die Gestalt gemacht, ebenfalls seine arme, die aber heftig zitterten, über einander schlug.
Es entstand eine längere Pause; endlich sagte der im Mantel mit einem Anflug von Heiterkeit in seiner stimme: "Mir scheint, wir haben hier Beide vor, eine seltsame Soirée zu begehen. Du bist der Wirt, ich bin zur Komödie eingeladen oder meinetwegen auch unberufen erschienen. Nehmen wir also an, ich sei der Gast, so finde ich es doch nicht mehr als billig, dass du für meine Unterhaltung sorge trägst. Und dazu will ich dir ein gutes Mittel vorschlagen: erzähle mir deine geschichte so kurz oder so lang du magst, erzähle mir vor allen Dingen, was dich hieher getrieben, und ich will dir nachher meine offenherzige Meinung sagen, wie gross deine Narrheit eigentlich ist."
"Und wenn du meine Narrheit, wie du es nennst, alsdann nicht übermässig gross findest," entgegnete Herr Beil, "willst du dann ruhig deiner Wege gehen und mich meinem Schicksal überlassen?"
"Das ist eine Bedingung," versetzte nun wirklich lachend das Gespenst, "und wenn ich sie eingehe, so kann ich das nur tun, indem ich dir ebenfalls eine stelle."
"So lass hören!"
"Wenn ich zugebe, dass deine Narrheit klein ist, so will ich mir also das Vergnügen versagen, dich in den Kanal springen zu sehen; ist aber deine Narrheit gross, so schiebst du dein Vorhaben auf, bis – wir uns wieder gesehen."
"Es gilt," sprach Herr Beil nach längerem Ueberlegen.
Und darauf wandte er sich, obwohl zögernd, gegen die sonderbare Gestalt, die wieder unbeweglich wie vorher an dem Geländer lehnte, und erzählte mit geflügelten Worten seinen traurigen Lebenslauf, wie er schon als Kind mit seiner schwächlichen halbverwachsenen Gestalt der Spielball aller Launen seiner Kameraden gewesen, wie seine Eltern ihn nicht geliebt, sondern gegen die andern Geschwister zurückgesetzt, und wie bei all' den Kränkungen, die er erduldet, das Schlimmste gewesen sei, dass er ein weiches, fühlendes Herz erhalten, das alle Menschen mit inniger Liebe umfasst, und das nun doppelt schmerzlich empfunden, wie man