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ruhig gewesen, und jetzt fühlte er mit einem Male sein Herz heftiger schlagen; eine unerklärliche Furcht bemächtigte sich seiner, bannte ihn fest und zwang ihn sogar, fortwährend die beiden leuchtenden Augen zu betrachten, die ihn bewegungslos anstarrten.

Wusste die unheimliche Gestalt, was ihn hieher getrieben, hatte sie sein Inneres ergründet, – konnte es wohl ein menschliches Wesen sein, was so unbeweglich da lehnte, und, wie es schien, auf den Moment begierig war, wo er als Selbstmörder enden würde?

Er wich unwillkürlich einen Schritt auf die Seite, hielt aber das Geländer mit beiden Händen fest, und er vermochte es nicht, den blick von dem Wesen neben ihm abzuwenden. Seine unerklärliche Angst vor dieser Gesellschaft vergrösserte sich immer mehr, und es ist unbegreiflich aber wahr: er, der einen Augenblick vorher den Tod gesucht, fürchtete sich jetzt, diesem Wesen den rücken zu kehren, indem er dachte, es könnte vielleicht unvermutet über ihn herfallen und ihn in den Kanal hinabstürzen.

Aber es blieb ruhig an seiner Stelle; nichts regte sich an ihm; nur blickten die gespenstigen Augen immer herüber.

Was sollte er tun? Er hatte sich mit dem Gedanken an den Tod vertraut gemacht, doch wollte er endigen in stiller, verschwiegener Nacht, aber nicht indem er einen so sonderbaren Zuschauer hinter seinem Rükken liess, der Gott weiss was beginnen konnte, sobald er in den Kanal gesprungen.

Und das konnte ihm am Ende doch gleichgültig sein! – – Aber es war ihm nicht gleichgültig; er hätte nicht ruhig sterben können bei dem Gedanken, diese seltsamen Augen würden jetzt nach ihm schauen, während er untersinke, und das Wesen selbst eine laute Lache aufschlagen, sobald ihn die Fluten verschlungen.

Es trat eine peinliche Pause ein, während welcher die Augen immerfort herüber blickten und Herr Beil abermals einen halben Schritt auf die Seite wich.

Endlich machte die Gestalt eine kleine Bewegung, sie richtete sich etwas in die Höhe, man bemerkte, wie sie mit grosser Ruhe unter dem Mantel die arme über einander schlug. Dann sprach sie mit einer tiefen klangvollen stimme ein einziges Wort, aber dies Wort, an sich unbedeutend, durchzuckte den Körper des Anderen auf eine sehr unangenehme Art.

Die Gestalt sagte nämlich wie Jemand, der lange vergeblich gewartet, mit fragendem Tone: "Nun –?"

"Nun," wiederholte Herr Beil, indem er scheu auf die Seite blickte. – "Nun? – Was nun?"

"Ich meine, ob es bald vor sich geht," erwiderte das seltsame Wesen; "ich habe jetzt schon lange genug darauf gewartet."

"Und was soll vor sich gehen?" fragte schaudernd der Andere mit kleinlauter stimme. "Ich glaube nicht, dass ich Jemand hieher gerufen, um zuzuschauen, was hier vielleicht geschehen könnte."

"Gewiss nicht," sagte die Gestalt, "ich bin nicht mit Worten gerufen worden, aber es zog mich auf eigentümliche Weise daher, und da ich nun einmal da bin, möchte ich nicht lange mehr vergeblich warten; die Sache könnte wohl vor sich gehen, das Vorspiel war lange genug."

"Und wer bist du?" fragte Herr Beil mit gesteigertem Entsetzen, "dass es dir ein teuflisches Vergnügen macht, zuzuschauen, wie ein unglücklicher Mensch, dem das Dasein zur Last wurde, seinem traurigen Leben ein Ende macht?"

"Wer ich bin, tut nichts zur Sache," entgegnete die Gestalt, "vielleicht bin ich der Schutzengel der Selbstmörder und habe die Macht, ihnen ein sanftes Ende zu geben, vielleicht bin ich auch sonst ein Wesen, das besonderen Geschmack an den Narrheiten der Menschen findet."

"An den Narrheiten der Menschen!" wiederholte der Andere; "kann man wohl eine Tat Narrheit nennen, deren Beweggründe man nicht kennt und begreift?"

"Jeder Selbstmord ist Narrheit und Feigheit," antwortete das Phantom, indem es sich abermals behaglich an die Brüstung lehnte. "Nur ein Narr und ein Feiger verlässt freiwillig diese Welt: der Erstere, weil er seine Verhältnisse Herr über sich werden liess, der Andere, weil er nicht den Mut hat, ein vielleicht trauriges Leben bis an sein natürliches Ende zu tragen."

"Ah! du fühlst es nicht, wie schwer es ist, von dem Licht der Sonne, von einem Dasein, selbst dem ärmlichsten, Abschied zu nehmen, sonst würdest du eine solche Tat nicht feige nennen."

"Der Mut, der vor den Augen der gewöhnlichen Welt vielleicht dazu gehört, eine Pistole vor seiner eigenen Stirne abzubrennen, oder in's wasser zu springen, ist kein wirklicher Mut; es ist das mehr ein Ausbruch der Verzweiflung, unterstützt von Nervenaufregungen, der so mit einem Schlage ein ganzes Leben hinter sich wirst, weil der Selbstmörder, wie schon gesagt, zu schwach war, um eine lange Reihe von traurigen Jahren zu durchleben."

"Und du glaubst, es sei kein Fall denkbar, wo der Selbstmord zu entschuldigen sei?" meinte Herr Beil mit bitterem lachen.

"Zu entschuldigen nie," entgegnete die Gestalt, "zu verzeihen nur in einem einzigen."

"Und dieser einzige Fall –?"

"Es ist nicht der deinige."

"Aber nenne ihn mir."

"Du wirst ihn vielleicht nicht einmal begreifen, ja du kannst ihn unmöglich verstehen."

"Wer weiss! Nach den harten Worten, die du vorhin zu