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als rüstiger Schwimmer nicht beachtet. Aber eines tages, als er auch wieder so keck hinein sprang, schien sich der Flussgott über diese Verwegenheit zu erzürnen und hielt ihn drunten beim fuss fest, – das war in der Tat seine erste schreckliche idee, als er sich unten gehalten fühlte: in Wahrheit aber war er mit dem fuss in eine Faschine geraten und konnte nicht wieder los kommen. Die Sekunden, welche er sich da unten bemüht hatte, den Fuss loszureissen, schienen ihm lange, lange Jahre zu sein; als er aber fühlte, dass es nicht ging, ergab er sich ruhig in sein Schicksal, öffnete weit die Augen und sah tief unten im grünen wasser mit Verwunderung, wie so seltsam das Sonnenlicht auf der Oberfläche sich spiegelte und strahlte, wie der ganze Fluss einem hellgrünen Kristallgewölbe glich, auf dem sich tausendfache Strahlen brachen, – einem Feenpalast mit unsichtbarer, seltsam klingender Musik, denn auch hier summten und rauschten ihm die wasser in den Ohren und tönten jenes bekannte Lied; nur ward es schwächer und immer schwächer, endlich wurde die Melodie zerrissen und unverständlich, obgleich die unsichtbaren Sänger immer näher zu kommen schienen, bis sie zuletzt dicht sein Haupt umringten und ihn betäubten mit wilden Tönen, mit Sausen, Rauschen und Klingen, in ganz leiser Weise und doch so eindringlich und verständlich. – Und darauf war er tot, gestorben ohne Schmerz und Klage, – so glaubte er wenigstens damals, in Wirklichkeit aber brachte den Ohnmächtigen ein tüchtiger Taucher an die Oberfläche und somit in's Leben zurück. –

Daran dachte er jetzt, und wie der Wassertod so gar nichts Unbehagliches oder Schreckliches habe. Heute war es freilich dunkel; kein Sonnenstrahl erhellte das wasser, aber das erschien ihm um so besser; er sah da nichts mehr, was ihn an das freundliche Leben draussen gemahnt hätte, er konnte die Augen getrost schliessen, um abzuwarten, bis jener geheimnissvolle Gesang näher und immer näher komme.

Schlafen, schlafenRuhe! flüsterte es drunten; und eine andere stimme sagte etwas dazwischen, was ihm schrecklich war, aber doch wieder Trost verlieh. Er hatte nämlich den blick einen Moment gegen den Himmel erhoben und bemerkte da einen klaren glänzenden Stern, der strahlend im blauen Lichte die Wolkenmasse durchbrechen zu wollen schien. Dabei hatte er plötzlich an sie gedacht, wie ein Blitz hatte ihr Bild seine ganze Seele erfüllt und darauf grauste es ihm eine Sekunde lang vor dem finsteren wasser, um ihn gleich darauf wieder mächtiger hinzutreiben. Der Stern verschwand, das Licht in seinem Herzen erlosch, und es war dort wieder nächtlich finster. Er beugte sich abermals über das wasser herab und sogleich begannen die Wellen wieder ihre beruhigende, verständliche Melodie; schlafen, schlafenRuhe! sangen einige, und andere, die vielleicht wussten, dass er ein paar Augenblicke vorher an das Mädchen gedacht, rauschten dazwischen und murmelten: sie wird dir folgen, – sie wird dir gewiss nachfolgen, – o sie kommt auch noch zu dieser Stelle, und wenn sie vor uns zurückschaudert, so singen wir ihr alsdann gerade wie dir heute ein beruhigendes Wiegenlied, und wollen ihr getreulich erzählen, dass du voran gegangen und drüben auf sie warten werdest. – Gewiss, sie kommt, glaube uns, wir sind mitleidig und gut, und wir wollen ihre Seele rein waschen, dass sie es vermag, in herrlicher klarheit vor dich hinzutreten. – –

Ach! jede Wasserfläche hat für ein tief betrübtes und zerbrochenes Herz etwas so unendlich Beruhigendes und zugleich Verführerisches. Es ist gefährlich, an stillen Wassern vorüber zu gehen, wenn Einem die Seele mit Kummer und Schmerz beladen ist; anfänglich beugt man sich ohne Absicht auf die Fluten nieder, tiefer und immer tiefer, und kann den blick nicht mehr wegwenden von der geheimnissvollen Fläche. Ist doch da unten ein ewiges Vergessen zu finden für Alles, was uns hier im Leben geängstigt und bedrückt.

Er, der einsam hier an der Barriere stand, hatte dieselben Gedanken, und sein Auge erweiterte sich, als er nun mit sich im Reinen war und so tief sinnend auf das dunkle wasser sah. Er vermochte es nicht, den blick abzuwenden, während er hastig die letzte Scheidewand überkletterte, die zwischen ihm und dem tod stand. Erst, als er tief atmend sich jenseits derselben befand, brachte er es über sich, noch einen blick rückwärts zu werfen auf die Stadt, deren Häuser still und finster da lagen. – –

Doch wie er so um sich schaute, fasste er unwillkürlich wieder die Schranke hinter sich fester mit den Händen, denn mit einem unerklärlichen Entsetzen bemerkte er, nicht zwei Schritte von sich, in unbestimmten Umrissen eine Gestalt, die gerade so an der Barrière lehnte, wie er einen Augenblick vorher. Sie war in einen weiten dunkeln Mantel gewickelt und hatte entweder ein Ende desselben um den Kopf geschlungen oder ihn mit einer Kaputze verhüllt, denn man bemerkte weder Schultern noch Hals; das Ganze war nur eine unförmliche schwarze Masse, die aber ein Gesicht hatte, denn Herr Beil sah deutlich zwei Augen glänzen, die ihn forschend zu betrachten schienen.

Dass sich seine Nerven in diesem Augenblick in höchster Aufregung befanden, wird uns Jeder glauben, und ebenso, dass er mehr als überrascht war, hier in der stillen Nacht in tiefer Einsamkeit, wo er sich fern von jedem menschlichen Wesen glaubte, so plötzlich und unverhofft beobachtet zu werden. Seine Seele war noch wenige Momente vorher trotz seines schrecklichen Vorhabens so