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Stärkere war; doch liess sie ihn darum nicht los, sie schlang ihre arme um seine Schultern, indem sie ausrief: "Gehen Sie nicht so fort, verlassen Sie nicht dieses Haus, Ihr blick ist schrecklich, Sie haben Entsetzliches vor!"

"Ganz und gar nicht," entgegnete er, nachdem er sanft ihre hände los gemacht, sie aber fest in den seinigen hielt, "ich habe nichts Schlimmes vor. – Aber Sie sehen ja wohl," setzte er hinzu, indem er die Zähne Zusammenbiss, "dass hier meines Bleibens nicht ist, jetzt nicht mehr, und könnte ich damit Millionen verdienen. Sie waren mir eine heilige und reine Blume, deren Anblick, deren süsser Duft mich glücklich machte, Sie waren das Ideal, zu dem ich empor blickte; und nunist ja Alles dahin, mein Tempel ist zertrümmert, meine Altäre sind umgestürzt, ich habe nichts mehr, an das ich glauben kann auf der ganzen weiten Welt. – Darum will ich mir Besseres suchen und gewiss, ich werde es finden." – –

Er liess ihre hände los, sie sank laut weinend auf das Bett zurück; nachdem er sie noch mit einem schmerzlichen blick betrachtet hatte, eilte er geräuschlos durch das Vorzimmer auf den gang hinaus und die Treppen hinab.

Vielleicht wäre sie ihm gefolgt, um noch einen Versuch zu machen, ihn festzuhalten, aber sie fürchtete, es möchte Jemand im haus erwachen, und weil sie das fürchtete, liess sie ihn ziehen, obgleich ihr wohl ahnete, wohin ihn seine Schritte führen würden.

Einundvierzigstes Kapitel.

Am Kanal.

Herr Beil eilte durch eine Hintertüre auf den Hof, und da er hier mit der Oertlichkeit wohl vertraut war, so überstieg er ein paar Zäune und befand sich in kurzer Zeit auf der offenen Strasse.

Es mochte nahe an Mitternacht sein, als er so einsam zwischen den Häusern langsamen Schrittes dahin ging; er hatte die hände auf den rücken gelegt und war so in tiefe Gedanken versunken, dass er es nicht einmal bemerkte, wie der scharfe Nachtwind, da er ohne Hut war, sein Haar empor lüpfte und von der Stirne wehte. Auf den Weg, den er machte, achtete er nicht, wenigstens blickte er nicht in die Höhe und schien sogar nach einiger Zeit verwundert, als er sich auf einmal durch eine Barrière aufgehalten fühlte, gegen die er hingeschlendert war, ohne gerade heftig daran zu stossen.

Diese Barrière befand sich ziemlich weit ausserhalb des Mittelpunkts der Stadt, in einer öden und verlassenen Gegend, wo nur noch hie und da einige Häuser standen; sie lief am Ufer des Kanals hin und hatte den Zweck, Jemand, der vielleicht sorglos umherspazierte, vor dem Hineinfallen in das wasser zu bewahren, denn der Kanal war sehr tief und auch ziemlich reissend, da er ein paar hundert Schritte abwärts von dieser Stelle in den Fluss mündete, der eine Seite der Stadt in einem weiten Bogen umschloss.

Unser Nachtwandler lehnte sich mit beiden Armen auf das Geländer und schaute gedankenvoll in das dunkle wasser hinab. Man musste das Auge zuerst an die Finsterniss da unten gewöhnen, ehe man bemerken konnte, wie sich der Wasserstrom zwischen den engen Ufern dahin bewegte, oder man musste abwarten, bis droben am Himmel die fliegenden Wolken zuweilen ein Stück des Mondes oder ein paar Sterne entschleierten, deren Licht alsdann auf das trübe wasser fiel und es auf Augenblicke erhellte. Das Ohr vernahm schon deutlicher das feindselige Element drunten, denn wie dieses bei den Ufermauern vorbeifloss, schliff es in allerhand Tönen gegen die Steine derselben, rauschte in einer unfernen Ecke, und gluckste dort, Wirbel bildend, als lechze es nach irgend einer Beute.

Lange schaute Herr Beil so hinab auf den Kanal, und immer folgten seine Blicke dem Laufe des Wassers. Es war ihm gerade, als winke es ihm zu folgen, und nachdem er so eine Zeit lang träumend gestanden, hatte er alle Schauer vor einem kalten nassen tod überwunden und fühlte eine wahre sehnsucht, den flüsternden Wassern zu folgen. Anfangs rauschte das eintönig an seinem Ohr vorüber; nach und nach kam aber ein gewisser Takt und eine Melodie hinein, eine einfache, kindliche Melodie, welche die Fluten mit leisem Tone immer und immer fort zu singen schienen. Er hatte sie schon oft gehört, diese Weise, und wie er nun die Hand vor die Stirne legte und darüber nachdachte, so fiel es ihm ein, es sei ja nichts Anderes, als das Wiegenlied, mit welchem ihn die früh verstorbene Mutter so oft in den Schlaf gesungen.

Richtig! das war es; es waren dieselben weichen, schläfrigen Töne, und als er wieder eine Zeit lang hinab gelauscht, da meinte er auch Worte zu vernehmen; nur waren sie anders, als die, welche damals zum Wiegenlied gesungen wurden. Die hier erzählten von einem hellen lichten Tage, dem sie aus der finsteren Nacht entgegen fliessen, und von lachenden Gefilden, mit Blüten und Früchten bedeckt, so unendlich verschieden von dem kalten, schmutzigen land, das jetzt ihre Ufer bildete. – Und Ruhe, Ruhe gibt's da unten, flüsterten sie, – angenehme behagliche Ruhe; – komm und folge uns! –

Er beugte sich tief auf das wasser hinab und dachte auf einmal klar und hell an seine Jugendzeit, wo er sich oftmals im Strome gebadet bei einer Stelle, die besonders reissend war, wo tückische Wirbel Alles in die Tiefe zogen, was er damals