beiden Leuten nie ein verhältnis geherrscht, das mit gegenseitiger Liebe etwas zu tun hatte, – obgleich wir wohl wissen, wie er das Mädchen anbetete – so bestand doch zwischen ihnen jener Grad von Vertraulichkeit, der ihnen erlaubte, ihre Geheimnisse einander anzuvertrauen und ohne Scheu über die seltsamsten Dinge sprechen zu können.
Als der junge Mann nun aber einige Schritte vortrat, erschrak sie mehr als bei seinem ersten Anblick, denn sein Aussehen war fürchterlich, seine sonst so ruhigen Züge entstellt, seine Augen rot unterlaufen, seine Blicke glühend. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie aufspringen und das Zimmer verlassen, doch als er sich hierauf langsam in eine Ecke zurückzog und ihr die hände wie beschwörend entgegenstreckte, auch sie bittend, ja stehend ansah, da sank sie wieder auf das Bett zurück, presste die hände vor das Gesicht und weinte laut und bitterlich.
"Ja, ja," sagte er nach einer schrecklichen Pause, "es musste am Ende so kommen."
"Ja, es musste so kommen," erwiderte das Mädchen mit tonloser stimme.
"Und es kam so?"
"Ja, es kam so."
"Und sonst keine Hilfe und Rettung?"
"Keine! – keine!"
"Aber ich hätte doch noch ein wenig widerstrebt," sprach er mit einem schrecklichen Lächeln und einem eisigen Tone. "Man muss nicht sogleich nachgeben."
Statt aller Antwort entblösste das Mädchen ruhig und schweigend, in diesem Moment, wie es schien, ohne alle Scheu, ihre linke Schulter, nachdem sie das weisse Nachtkleid vorher auf der Brust geöffnet. Und auf dieser weissen vollen Schulter sah man verdächtige dunkle blaue Flecken. – "Das war die letzte Unterredung," sagte sie mit einem matten Lächeln.
"Sehr triftig und überzeugend," erwiderte er, "aber ehe es so weit kam, hätte man noch etwas Anderes tun können."
"Und was denn?" fragte sie, wobei ihr Auge aufflammte.
"Man hätte zum Beispiel in's wasser springen können."
"Ach ja!" entgegnete sie mit einem tiefen schneidenden Wehelaute. – "Ach ja, ich habe das auch gedacht, aber ich hatte nicht den Munz dazu."
"Das ist freilich etwas Anderes," versetzte er scheinbar ganz ruhig. "Sie hatten Angst, Marie, weil Sie sich fürchteten, diesen unbekannten Weg allein zu machen. – Aber ich wäre mit Ihnen gegangen, o, so gerne wäre ich mit Ihnen gegangen."
"Mit mir in den Tod?"
"Mit Ihnen in den Tod! – Und wenn wir zusammen in das wasser gesprungen wären, so hätte ich nur eine Bitte gehabt; Sie hätten mich dann nur bei der Hand festalten müssen und sagen: Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mich nicht allein liessen, Sie, mein einziger und treuer Begleiter. – Ein so inniger Dank von Ihnen, wenn auch im letzten Augenblick, hätte mich glücklich gemacht. – Und dann schon die Wonne, mit Ihnen sterben zu dürfen! – Wissen Sie wohl," fügte er seltsam lächelnd hinzu, "dass ich an einen solchen gemeinschaftlichen Tod die ausschweifendsten Hoffnungen knüpfte? – Dass ich in meiner jetzigen Gestalt wohl nicht geliebt werden kann," sprach er, indem er an seinem seltsam geformten Körper hinab sah, "weiss ich selbst wohl am besten; aber man lässt ja alles Das hier zurück, und wenn wir Beide so zusammen hinauf geschwebt wären, wer weiss, Marie, ob Sie nicht ruhig Ihre Hand in der meinigen gelassen hätten und ob Sie nicht vielleicht auf die Frage: Willst du mit dieser Seele vereint bleiben? ein lautes und freudiges Ja geantwortet hätten. – Doch genug der Worte, – ich komme, um Abschied zu nehmen."
"So verlassen Sie wirklich dieses Haus?" fragte erschrocken das Mädchen.
"Heute freiwillig," entgegnete er; "morgen würde mich der Herr Blaffer vor die tür werfen."
"Und mein Bruder, der so sehr an Ihnen hing –?"
"Hat jetzt den Schutz der Schwester, die allmächtig im haus ist," entgegnete er mit Bitterkeit. "Doch will ich an alles Das nicht mehr denken," fuhr er gleich darauf fort, indem er sich mit der Hand über die Augen wischte; "ich will Sie nur sehen, Marie, wie Sie waren, als ich zu Ihnen, einer himmlischen Erscheinung, aufgeblickt, will es nicht wissen, dass diess herrliche Bild von schmutziger Hand zerstört wurde, will nur einmal und zum ersten Mal vor sie hinknieen, Ihre beiden hände ergreifen und sie an meine Lippen drücken."
Bei diesen Worten hatte er sich zu ihren Füssen niedergeworfen, hatte wirklich ihre beiden hände ergriffen, und während er sie in seinen schwarzen Bart drückte, träufelten seine heissen Tränen darauf hin. – "So leben Sie wohl, Marie," sagte er, "möge es Ihnen besser gehen, als bisher; gedenken Sie meiner zuweilen, und wenn Sie noch aus vollem Herzen beten können, so nennen Sie auch meinen Namen, wenn Sie sich nach oben um Erbarmen wenden!"
Damit wollte er sich erheben, doch fasste das Mädchen mit ihren beiden Händen krampfhaft seine arme und versuchte es, ihn festzuhalten; er dagegen wandte alle Kraft an, sich los zu machen, und wie sie so mit einander rangen, zog er sie empor, da er der