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vorbei!" rief der Andere aus, während er seine Rechte an sich zog und darauf beide hände auf die Schultern des jungen Menschen legte. "Es ist vorbei, August, vollkommen vorbei; machen Sie mir doch eine Rose wieder, die der Sturm zerblättert, oder ein Spiegelglas, das zerschlagen; jene wird Sie nie mehr durch ihren Geruch entzücken, die Stükke des letzteren werden Ihnen nur verzerrte Bilder entgegen werfen. – Ja, es muss geschieden sein!"

Darauf hin zog er den Lehrling einen Augenblick an sich, hob ihm das Gesicht empor, und wie er in die blassen und noch so ganz kindlichen Züge sah, füllten sich seine Augen abermals mit Tränen. – "Du siehst ihr doch sehr ähnlich, August," sagte er nach einer kleinen Pause; "erschrecklich ähnlich, nur dass sie dunklere Augen hat und einen kleineren Mund. – O, diese Augen und dieser Mund! Wenn ich daran denke, so sehe ich auf allen Seiten die wahnsinnigsten Bilder auftauchen. – Bei Gott im Himmel!" sprach er mit tiefem, klagendem Tone, während er seine hände schlaff herabsinken liess, "ich kann nicht mehr da bleiben, und wenn du selbst einen Engel herabsenden würdest, um mich zu trösten. Was wäre mir ein Engel in Reinheit und Tugend gegen ihre Schönheit in Laster und Sünde! – Fort! – fort!"

Damit riss er nochmals den Knaben an sich, drückte leidenschaftlich einen Kuss auf seine Stirne und eilte zu der kammer hinaus.

An der Treppe blieb er tief atmend und lauschend stehen, und schlich alsdann Stufe um Stufe hinab.

Das Haus lag ruhig und still da; man hörte keinen laut, als von oben herab das Heulen des Windes und von unten das Picken einer Uhr in der Küche.

So kam er langsam in den zweiten Stock, und war schon die halbe Treppe zum ersten hinabgestiegen, als er auf einmal den vorgestreckten Fuss wieder zurückzog und sich fest an die Wand drückte, um nicht gesehen zu werden; denn es öffnete sich unten in diesem Augenblick eine tür und Jemand kam mit einem Lichte heraus und schritt über den gang daher, um in die Zimmer zu gelangen, welche hinten nach dem hof hinaus lagen, wo der Prinzipal wohnte. – Er war es selbst, er kehrte aus den vorderen Zimmern zurück, und da er die rechte Hand vor das Licht hielt, so warf dasselbe glücklicherweise keinen Schein auf die Treppe zum zweiten Stock, wohl aber beleuchtete es seine Züge auf's hellste und liess sie deutlich erkennen.

Das Gesicht des Herrn Blaffer war immer das gleiche unangenehme und hagere; nur hatte er jetzt seinen Mund lächelnd geöffnet, seine Augen strahlten heiter und zufrieden, und in allen seinen Mienen sprach sich eine gewisse Befriedigung aus. Seine Haltung und sein gang dagegen waren ebenso schlaff wie früher; er hatte die Kniee gebogen und schlürfte auf seinen weiten Pantoffeln über den gang, beinahe ohne die Füsse aufzuheben. Als er an die tür seines Schlafzimmers kam, nahm er langsam einen Schlüssel aus der tasche seines langen Rockes, schloss auf, trat in das Zimmer und machte die tür wieder hinter sich zu.

Der Andere stand während dieser Zeit regungslos auf der Treppe, und wenn er sich auch im tiefen Schatten befand, so war es doch ein Glück, dass Herr Blaffer nicht zufällig aufblickte, denn er hätte sonst das Leuchten der beiden Augen sehen müssen, die fest und mit schrecklichem Ausdrucke auf ihn gerichtet waren; es war ein Glück, sagen wir, denn auf eine solche Entdeckung wäre vielleicht ein grässlicher Auftritt gefolgt.

Noch einige Sekunden verharrte der Commis in seiner Stellung, dann schritt er noch behutsamer als früher die weiteren Treppen hinab bis auf den ersten Stock, und dort stand er eine Weile unschlüssig, tief aufatmend, in eifriger überlegung. Neben ihm war die Treppe, die weiter hinab führte, gerade vor ihm befand sich eine tür, die ihn mächtig anzog. Doch hatte er sich schon der Treppe zugewandt, um aus dem haus zu entfliehen, als er einen kleinen Lichtschein bemerkte, der nicht breiter als ein Messerrükken von diesem Zimmer auf den gang heraus fiel. In dem Gemach auf der andern Seite hörte er jetzt den Prinzipal laut husten, und bei diesem Geräusche machte er einen Schritt gegen die leuchtende Spalte, er tat auch noch einen zweiten, dritten und vierten, und endlich stand er dicht vor der tür, die, wie er sah, nicht verschlossen war. Sie gab dem Drucke seiner Hand nach, und er trat in ein kleines Zimmer, welches in ein anderes führte, aus dem auch der Lichtstrahl kam, den er vorhin auf dem Gange bemerkt hatte.

Leise näherte er sich dem letzteren, dessen tür geöffnet war, und als er jetzt auf der Schwelle stand, sah er in das Schlafzimmer des Mädchens und bemerkte sie selbst, die halb entkleidet auf ihrem Bette sass und die Hand auf dem Schoosse gefaltet hatte; und obgleich sie den Kopf tief auf die Brust herabgesenkt, bemerkte er doch, dass sie weinte, denn dicke Tropfen fielen glänzend in dem Strahl des Lichtes auf ihre Kniee herab.

Das Geräusch, das er machte, als er unter die tür trat, hörte sie augenblicklich, denn sie erhob den Kopf, erschrak auch wohl ein wenig, doch fasste sie sich gleich wieder, als sie sah, dass es Herr Beil war, der nun langsam in ihr Zimmer trat.

Wenn auch zwischen diesen