; es ist hier die Wetterseite, und ich möchte wissen, ob es schneien oder frieren wird. Gehen Sie nur, ich komme gleich."
August nahm das dünne Talglicht und verliess das Gemach, worauf er nach der gegenüberliegenden kammer ging.
Vierzigstes Kapitel.
Ein Abschied.
Der Commis liess sich auf das Bett nieder, stützte hände und Kopf auf das hölzerne Gestell und versank in tiefes, finsteres Hinbrüten. Es waren schreckliche, wilde Gedanken, die in seinem kopf erschienen, und die gleich drohenden Gespenstern all' sein besseres Denken und Fühlen fast erstickten. – Wie hatte er dieses Mädchen geliebt, wie hatte er sich im Dienste seines Herrn geplagt, indem ihm lange die Hoffnung blieb, es würde möglich sein, dass ihm doch noch einmal das Glück lächle und dass er im stand sei, ihren Besitz zu erringen. Bei solchen Gedanken hatte er vor Wonne geschaudert. Wenn er sich recht heitere Stunden machen wollte, so träumte er glänzende Träume, wie er endlich vor sie hintreten würde und ihr Alles anbieten, was er habe – eine kleine aber sorgenfreie Existenz. Freilich würde sie ihm vielleicht sagen: sehen Sie, Herr Beil, ich fühle gerade keine übermenschliche Liebe zu Ihnen, aber das wird sich vielleicht später finden; vorderhand achte ich Sie, schätze ich Sie hoch und nehme Ihren höchst achtbaren Antrag an. – Das wäre Alles ganz im Geheimen abgemacht, und der Herr Blaffer damit fürchterlich überrascht worden, – fürchterlich, indem man ihm eine so sicher geglaubte Beute entriss. – Aber das hatte das Schicksal nicht gewollt, es sandte keine Lichtblicke hernieder in sein Leben, es streute nicht irgend eine kleine Gabe auf seinen Pfad, es schien nicht zwei Wesen vor dem Verderben retten zu wollen, – es rauschte finster, gewaltig und unaufhaltsam über sie dahin, und schmetterte sie zu Boden, sie, die vielleicht unter anderen Verhältnissen ein bescheidenes, glückliches los hätte finden können.
Er mochte ziemlich lange so gesessen haben auf dem rand des Bettes, und allmälig lösten sich die wilden Schmerzen seiner Brust in tiefe Wehmut auf, er fühlte erquickende Tränen in seinen Augen aufsteigen und dann über die Finger, die er davor gepresst hielt, herabrieseln. Er dachte eigentlich gar nichts mehr, der stechende, wilde Schmerz seiner Seele war verschwunden, und nur ein allgemeineres, aber sanfteres Weh erfüllte ihn vollständig.
Endlich stand er auf, doch wie er sich dabei mit der Hand auf das Lager stützte, raschelte das Stroh unter seinen Fingern, er zog ein paar zerknitterte Halme her, zerdrückte sie in der Hand und schob sie in die tasche. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück, wo August an dem Tische sass, den Kopf auf die hände gelegt und finster in das flackernde Licht starrend.
"Ich will Ihnen Etwas sagen," sprach der Commis nach einer Pause, während welcher er ein paar Mal durch das Zimmer geschritten war, "ich hatte mir anfänglich vorgenommen, dieses Haus morgen zu verlassen; aber ich kann es unmöglich noch eine Nacht mit ihm und ihr unter demselben dach aushalten und bin desshalb entschlossen, noch heute Abend fortzugehen."
"Aber es ist ja finstere Nacht," versetzte erschrokken der Lehrling. "Und wo wollen Sie denn eigentlich hin?"
"O, ich finde wohl noch einen stillen Ort, der mich freundlich aufnimmt," entgegnete wehmütig lächelnd der Andere. "Sorgen Sie nicht für mich, machen Sie überhaupt keine so trübe Miene; wenn es einmal geschieden sein muss – und dieser grosse Moment ist unwiderruflich da – so wollen wir das in guter Laune und mit bestem Humor tun."
"Sie sehen aber gar nicht aus wie Jemand, der zum Scherzen aufgelegt ist," sagte August, indem er bedenklich in das verstörte Gesicht seines Freundes sah, in dessen Augen und auf den eingefallenen Wangen noch die deutlichen Spuren der eben vergossenen Tronen zu bemerken waren.
"Da irren Sie sich sehr," erwiderte Herr Beil, der gewaltsam Atem holte; "ich sehe nur von aussen ein wenig griesgrämig aus, bin aber dafür innerlich um so vergnügter; es geht mir in dem Punkte wie den Maikäfern."
"Wenn es wirklich wahr wäre, so sollte es mich freuen, denn Sie haben mir mit Ihren Worten vorhin und mit Ihren Seufzern förmlich Angst gemacht."
"Das ist möglich; aber in der Tat, Sie können mir glauben, die schwarze Stunde ist vorüber; was jetzt noch hinten drein folgt, ist Alles Kinderspiel."
"Und ist es Ihr fester Entschluss, heute Abend noch dies Haus zu verlassen?"
"Dazu bin ich entschlossen ohne Widerrede; und da ich ziemlich leicht reisen möchte, so will ich mich auch nicht mit viel Gepäck behängen. Sie sollen mein Haupterbe sein, und wenn Sie etwas von meinen Habseligkeiten benutzen können, so tun Sie es ja. Dass mein Inventarium leider nicht gross ist, dafür hat schon der Herr Blaffer seiner Zeit gesorgt; wahrhaftig, das allein könnte mich traurig machen, wenn ich nämlich bedenke, dass die Früchte meiner langjährigen Arbeit in ein paar alten Anzügen und etwas defekter Leibwäsche bestehen. Nun, es ist einmal meine Bestimmung gewesen und ich will mich nicht dagegen auflehnen. – Kürzlich hatte ich auch noch eine Uhr, aber ich versetzte sie vor einiger Zeit bei einer gewissen gelegenheit, die ich Ihnen nicht nennen kann, will Ihnen aber den Schein des Leihhauses da lassen, und wenn Sie sie je einlösen