1854_Hacklnder_152_151.txt

Hand zu streifen oder mit schauerndem Vergnügen ihren Arm, ihre Schulter zu berühren, wagt es, darüber Vorstellungen zu machen, und da man ihn nicht durchpeitschen kann, so öffnet man ihm die tür und stösst ihn wie einen Hund hinaus. – Michmich, mich stösst man hinaus in das kalte nasse Wetter, in den Winter der Jahreszeit und meines freudenlosen Lebens, während er mit ihr im warmen behaglichen Zimmer bleibt, und lächelnd von ihrem Lager hinweg an die dunstigen Fensterscheiben zu treten, die er mit einem Tuche abwischt, das vielleicht von ihren Tränen feucht ist, und hinaus sieht auf die finstere Strasse, wo ein bleiches Gespenst vorüber schreitet, das im grab keine Ruhe finden kann, weil es die sehnsucht empor zieht und an jenes Haus zwingt, dass es dort hinstehen muss und hinauf schauen an das matt erleuchtete Zimmer. O, ich begreife jetzt, wie ein Mensch nach und nach wahnsinnig werden kann und dabei deutlich fühlt, wie die Narrheit über ihn herfällt."

Der junge Mensch hatte seine hände gefaltet und schaute auf den Anderen mit ängstlichen Blicken. "Aber lieber Herr Beil," sagte er, "was führen Sie für grässliche und verworrene Reden? – Reden, die mich auf's Tiefste ängstigen, wenn ich sie auch nicht ganz verstehe."

Der Commis schien ruhiger geworden zu sein und hatte sich wieder auf die Kiste gesetzt, die er vorhin verlassen. "Ja, ja," sprach er, tief Atem schöpfend, "das sind Narrheiten, aber es ist doch ein Körnchen Verstand darin. Und dies Körnchen Verstand will ich Ihnen zu Ihrem eigenen Nutzen und Frommen mitteilen, soweit es ihnen dienlich ist und soweit Sie es begreifen können. – hören Sie mich an!"

"Sie kennen sattsam unseren grossen Sklavenhändler Blaffer; er hatte der Sklaven nicht viele, aber einige; er hat sie auch nicht gekauft, denn das ist bei uns unmöglich, aber sie waren an ihn gekettet durch drükkende VerhältnisseVerhältnisse, die ihnen nicht erlaubten zu tun wie unsere glücklichen Brüder in Amerika, nämlich davon zu laufen. Wissen Sie, mein lieber junger Sklave, darin haben wir es nämlich sehr schlimm; wenn es die drüben nicht mehr aushalten können und davon laufen, so finden sie überall Unterstützung und Hilfe und man nimmt sich ihrer an, man sorgt für sie, man hilft ihnen zu ihrem Fortkommen, man unterstützt sie mit Rat und Tat, und verschafft ihnen, wenn es irgendwie möglich ist, eine angenehme sorgenfreie Existenz. Wir aber, wenn wir einmal nicht mehr im stand sind, die schlechte Behandlung, die wir erfahren müssen, die wirklichen und moralischen Fusstritte zu ertragen, die uns ein tyrannischer Diensterr versetzt, wir können nicht davonlaufen, denn wir werden nicht weit kommen; wir sind alsdann faule und nichtsnutzige Diener, widerspenstige Buben oder, ich spreche auch für das andere Geschlechtliederliche Mädchen, für die sich anzunehmen eine Schande wäre, die nirgendwo Hilfe und Unterstützung finden, und die, wenn sie eine mitleidige Polizei in's Loch steckt, zurückkommen müssen und die Rute küssen und sie bitten, dass man sie wieder gnädig aufnimmt.

So stehen unter Anderem die Sklaven des Herrn Johann Christian Blaffer und Compagnie, namentlich seine beiden Leibsklaven, das sind Sie und Ihre Schwester Marie. – Neulich kam ich zufälligerweise dazu, wie Sie, junger Mensch, in einer der vielen Nachahmungen von Onkel Tom's Hütte lasen, und ich erwischte Sie gerade an einer pikanten Stelle, so dass ich mich nicht entalten konnte, Ihnen einen kleinen Katzenkopf zu appliziren. Ich bin fest überzeugt, dass Sie, sobald ich Ihnen den rücken gekehrt hatte, jene Stelle mehrmals lasen und sie Ihrem sonst sehr schlechten Gedächtnisse vollkommen einprägten. – Ist es wahr oder ist es nicht wahr? Seien Sie ehrlich."

"Ich weiss nicht, welche Stelle Sie meinen," stotterte der Lehrling doch merkte man ihm deutlich an, dass er eine Lüge sprach.

"Denken Sie an den Katzenkopf," sagte ernst Herr Beil, "und erinnern Sie sich jener Stelle: es war, wo der Pflanzer das Mädchen nötigen wollte, seinZimmer zu teilen, wo er sie mit Hunger und Schlägen traktirte, um sie willfährig zu machen."

"Ach ja, ich erinnere mich! – und dann entsprang sie."

"Richtig, sie entsprang und kam glücklich zu zwei reichen und vornehmen Damen, die ausserordentlich erfreut waren, eine entsprungene Sklavin unterstützen zu dürfen."

"Sie nahmen sie mit sich."

"Und lobten sie, dass sie standhaft Hunger und Schläge ausgehalten und doch unschuldig geblieben sei."

"Und davon gelaufen, um ihre Ehre zu retten."

"Sie nahmen sie dann mit sich in ihren Wagen, gaben ihr schöne Kleider, machten sie zu einer Art Kammerjungfer, sie befand sich darauf froh und munter wie Gott in Frankreich –"

"Ja, es ging ihr sehr gut."

"Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie noch, wie es in den alten Mährchen heisst." – Damit fuhr sich Herr Beil durch sein struppiges Haar und der Lehrling setzte lächelnd hinzu:

"Das war eine recht schöne und angenehme geschichte, und ich habe den gewissen Katzenkopf gern dafür in Empfang genommen."

"Und doch nichts dabei gelernt," sagte fast wehmütig Herr Beil. – "Denken Sie einmal ein wenig nach, finden Sie denn