wieder einmal Dienst im Vorzimmer Seiner Majestät. Da es der Adjutanten gerade nicht viele waren, so kam die Reihe ziemlich häufig an ihn. Ehe er sich in das Schloss begab, war zu haus nichts Wichtiges vorgefallen; er hatte keinen Besuch wie damals, desshalb frühstückte er auch in aller Stille allein und zündete sich darauf eine Cigarre an, die heute mit besonderem Genuss geraucht wurde, denn sie war für diesen Tag, wenigstens bis zum späten Abend, die einzige und letzte. Dazu waren die Türen in's Ankleidezimmer wie immer fest verschlossen, damit nicht die leiseste Ahnung eines Tabakgeruchs sich in der Uniform festsetzen könne und so eingeschwärzt werde in das königliche Residenzschloss, Seiner Excellenz dem Herrn Oberstofmeister zum grössten Entsetzen, zu einem wahren Horreur aber für sämmtliche Hofdamen, mochten die letzteren auch in ihren respektiven, oft sehr beschränkten Familienappartements von Papa, Bruder oder sonst Jemand seit frühester Jugend gehörig eingeräuchert worden sein. – Das tut die Hofluft. Sie ist so rein, so äterisch, und Lungen und Herzen werden in derselben so zart und gefühlvoll, dass der geringste befremdende Duft und oft das kleinste Wort ein sehr bemerkbares Hüsteln zur Folge hat.
Ueberhaupt liesse sich über das Husten bei Hof ein ganzes Buch schreiben. Da ist die Art, der Ton, die Stärke und Schwäche desselben von der allergrössten Bedeutung. Einer der Prinzen des allerhöchsten Hofes zum Beispiel stellt sich herablassend zu irgend einer Gruppe Kammerherren, Offiziere und höherer Hofbeamten; er tritt anscheinend ganz vertraulich heran und ein leichtes Hüsteln macht ihn bemerkbar und will andeuten, er wünsche nicht, dass man sich seinetwegen genire. Augenblicklich erweitert sich der bis jetzt kleine Kreis und will damit symbolisch das grosse und weite Vergnügen ausdrücken, welches Alle empfinden, dass Seine Königliche Hoheit die ausserordentliche Gnade hat, sich so freundlich zu nähern. Die Kecksten oder Erfahrensten bringen dieses Gefühl der Treue und anhänglichkeit durch einige tiefgefühlte Worte zu Tage, die Anderen aber begnügen sich mit einem respektvollen Räuspern, worauf der Prinz, wenn er zufälligerweise nichts Anderes zu sagen weiss, was zuweilen vorkommen soll, stärker hustet und laut versichert, das nasskalte Wetter sei unausstehlich, und wenn es sich nicht bald ändere, so würde es keinem Menschen möglich sein, den Katarrh los zu bringen. natürlich stimmt Alles bei mit Worten und mit Husten; es zeigen sich auf einmal sehr viele Schnupfenanfälle, und ein junger Kammerherr, der begierig ist, seine tiefe Ergebenheit an den Tag zu legen, blickt verstohlener Weise zum Fenster hinaus und liebäugelt mit einem einsamen Sonnenstrahl so lange, bis ihn ein heftiges Niesen befällt, wodurch er so glücklich ist, auf's Allerdeutlichste die Bemerkung Seiner Königlichen Hoheit zu bewahrheiten.
Darauf ersucht vielleicht der Prinz, die angefangene Conversation fortsetzen zu wollen. – "Hm! hm!" macht er, "wie es scheint, wurde soeben eine pikante geschichte erzählt. Darf ich daran teilnehmen?"
Der ganze Kreis lächelt verstohlen, und nur ein Einziger hustet auffallend und verlegen. Es ist das ein so bedeutungsvoller Husten, dass sich Seine Königliche Hoheit veranlasst sieht, ihn in der gleichen Tonart zu beantworten, wobei er leicht mit einem Auge zwinkert und dann freundlich sagt, er bitte, dennoch fortzufahren, er liebe zuweilen eine recht pikante geschichte.
Die geschichte wird nun erzählt, nicht ohne viel hm! hm! hm! hm! von allen Seiten, und wenn nun die Pointe kommt, die einigermassen saftig zu nennen ist, so ergeht sich Seine Königliche Hoheit in einem auffallenden Gehuste, vielleicht der Erzählung beistimmend, worauf sich Alle bemühen, einen ähnlichen Ton von sich zu geben, bis zu dem Erzähler, der nun vor Freude einem völligen Erstickungsanfall fast zu erliegen scheint. Ist dagegen die geschichte höchsten Orts nicht recht ergriffen oder begriffen worden, so werden die Augenbrauen in die Höhe gezogen, der Husten ist bei Seiner Königlichen Hoheit ein ziemlich trockener, bei den Andern ein missbilligender, der Erzähler aber, um seine Verlegenheit zu verbergen, zieht sein Tuch aus der tasche und hustet lange und anhaltend da hinein.
Wie verschieden aber von diesem ist der Ton des Hustens, den vielleicht in der Mitte der geschichte plötzlich der Kammerherr von sich gibt, als er mit scharfem Auge erspäht, dass sich ein paar unschuldige Hofdamen zufällig dem Kreise nähern. Es ist das wie der Pfiff einer auf Vorposten ausgestellten Gemse; die geschichte wird plötzlich unterbrochen, und der ganze Kreis spitzt die Ohren. – Wir ersuchen den geneigten Leser, dies jedoch natürlicherweise nur bildlich verstehen zu wollen.
Sind nun die unschuldigen Hofdamen, die sich nähern, wirklich unschuldige Damen, so husten sie mit einer kleinen Verlegenheit, dass sie so plötzlich an einem Kreis tangiren, in welchem sich Seine Königliche Hoheit befindet. Sind sie aber schon vollkommen erfahren in der Sitte des Hofes und lesen an dem Ausdruck der Gesichter, an der Stellung und Haltung einer Gruppe, um was es sich gerade handelt, so wird der erzählende Kreis in einem grossen Bogen umgangen, die älteste der Hofdamen blickt hinter ihrem Fächer auf den Kreis, hustet sehr laut und auf eigentümliche Art und gibt die Uebersetzung dieses Hustens ihrer Gefährtin, indem sie ihr zuflüstert: "Da werden wieder schöne Geschichten abgemacht!"
Um einige Stufen tiefer hinabzusteigen, so wissen namentlich alte gediente Lakaien, Tafeldecker und Kammerdiener ihre verschiedenen Husten auf's Feinste zu nuanciren. Der Lakai, der den Schlag des Wagens schliesst, räuspert sich gelinde, wenn vielleicht eine Hofdame in tiefen Gedanken versunken nicht angibt