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ziehen schienen, diesmal aber ohne Traum, ohne schreckliche Gestalten.

Als der junge Mann sah, dass sie ohnmächtig wurde, umschlang er mit seinem linken Arm ihren Leib und hielt sie sanft aufrecht, während er mit seiner Rechten aus der Blouse ein Taschentuch hervorzog und ihr damit über das Gesicht fächelte. Sie lag da wie schlafend in seinen Armen, und als er sich über sie niederbeugte, um den wiederkehrenden Atem zu erspähen, bemerkte er erst das liebliche Gesicht des jungen Geschöpfes, die schönen, regelmässigen Züge, die seinen, jetzt schmerzhaft zusammen gepressten Lippen. Es war nichts Derbes, nichts Ungraziöses an ihrer Gestalt, und er hielt es leicht in seinem Arm, das kleine, warme, eben erst aufgeblühte Mädchen.

"Wenn ich nun ein gewöhnlicher Sklavenhändler wäre, wie so viele meiner geringen und vornehmen Kollegen," sagte er, "so könnte ich mir leicht für meine Wohltaten einen süsseren Dank nehmen. Doch begnüge ich mich mit einem einfachen Kusse auf diese gewiss unentweihten Lippen, mit einem Kusse, der ihren Seelenfrieden nicht stören wird, da sie ihn unbewusst empfängt."

Damit beugte er sich auf sie nieder, küsste sie leicht auf den kleinen Mund, und als er nun sah, wie ihre Brust von stärkerem Atem geschwellt, sich wieder höher hob, hielt er ihr abermals das Taschentuch vor das Gesicht und bald schlug sie die Augen auf.

"Das ist mir nie geschehen," sagte das Mädchen nach einer längeren Pause, indem sie leicht errötend einen Schritt von dem mann zurück trat. "Ich bin in den letzten Tagen recht schwach geworden."

"Das ungewohnte Leben," versetzte er; "nun, du wirst dich schon wieder erholen! – Jetzt aber verlass mich, geh' zurück in das Gemach hier nebenan, da wirst du die alte Frau finden, die dich hergeleitet. Sie zeigt dir ein Zimmer und ein gutes Bett; lege dich ohne Furcht hinein, du könntest im Himmel nicht mit grösserer Sicherheit ruhen, als jetzt hier in diesem haus."

Das Mädchen, im Begriffe diesem Befehle Folge zu leisten, blieb einen Augenblick schüchtern an der tür stehen und sagte mit niedergeschlagenen Augen: "Und Ihnen darf ich später nicht mehr danken, wenn ich in dem haus aufgenommen bin?"

"Nein, nein!" entgegnete eifrig der junge Mann, "ich glaube und hoffe nicht. Wir Beide werden uns wahrscheinlich niemals wieder sehen."

"So will ich denn für Sie beten," erwiderte sie, "recht innig und inbrünstig für Sie beten, indem ich Ihnen oftmals und herzlich danke für das, was Sie an mir getan. Und so oft ich diesen Dank ausspreche, werde ich gerne an Sie denken."

"Amen!" sprach er mit lauter stimme, nachdem die tür hinter ihr geschlossen war und der Vorhang wieder herab fiel. "Hätte ich in meiner ersten Jugend," sagte er nachsinnend, "vielleicht ein solches Mädchen gefunden, es wäre Manches anders gekommen. Aber so geht es, wenn man immer aufwärts blickt und desshalb mit den Füssen so Vieles zertritt. Dies geschöpf, gut erzogen, in Sammet und Seide gekleidet, könnte eine Herzogin vorstellen. – Wir wollen sie nicht aus den Augen verlieren."

Nachdem er diese Worte laut vor sich hin gesprochen, hob er rasch den Kopf empor, ging abermals an das Vorzimmer und sagte dem mann, der draussen war, einige Worte; dann kehrte er zurück, nahm von einem Tische einen breitkrämpigen Hut, trat wiederholt hinter den grossen Lehnstuhl und war plötzlich aus dem Zimmer verschwunden, ohne dass eine tür nur im Geringsten geknarrt, ohne dass einer der Vorhänge sich nur im Mindesten bewegt hätte.

Da wir aber in einem aufgeklärten Zeitalter, das nicht an Hexerei glaubt, leben, und wir auch nicht die Absicht haben, ein Märchen zu schreiben, so versichern wir den geneigten Leser, dass Alles auf die natürlichste Art von der Welt zuging. Neben dem Kamine befand sich eine verborgene tür, durch einen Druck an einer gewissen Stelle spielte eine Feder, und die tür drehte und schloss sich vollkommen geräuschlos.

Der junge Mann aber stieg eine Wendeltreppe hinab, schritt durch ein paar lange dunkle Gänge und trat durch eine gleiche tür, wie die neben dem Kamin war, in's Freie. Ehe er aber dieses betrat, nahm er aus einer Nische im eben erwähnten Gange einen Mantel, den er leicht über sich warf, so Blouse und Dolch verdeckend. Hierauf schritt er eilig durch die Strassen dahin, in welchen noch immer Wind, Regen und Schnee ihr tolles Wesen trieben, und verschwand bald in der Dunkelheit.

Dem Mädchen geschah droben, wie er vorausgesagt: die Alte führte sie auf's Freundlichste in ein kleines, behagliches, warmes Zimmer, sie half ihr beim Entkleiden, legte sie sorgsam zu Bette, indem sie ihr freundliche Worte sagte und sie schmunzelnd pätschelte, wie es vielleicht eine Mutter mit ihrem kind zu machen pflegt. – Bald schloss sie ihre Augen, doch konnte sie nicht begreifen, dass sie ohnmächtig geworden, und nicht vergessen, wie sie darauf so plötzlich in den Armen des jungen Mannes erwacht sei. Und vorher hatte sie ein eigentümlicher Duft umweht, so merkwürdig sein, als wenn sie in Rosen gelegen, oder als hätte Jemand eine der prachtvollsten Centifolien recht nahe an ihr Gesicht gedrückt.

Siebenunddreissigstes Kapitel.

über das Husten bei hof.

Der junge Graf Fohrbach hatte