träume und ob sie nicht etwa in irgend einer Scheune oder wie vorhin in dem Bette neben ihrer Gefährtin erwachen würde. Als sie aber ihre hände wieder langsam sinken liess und bemerkte, dass sie sich noch in dem Gemache befand, in das sie vorhin eingetreten, als sie das Kaminfeuer noch immer lodern sah und den blick des jungen Mannes wahrnahm, der teilnehmend auf ihr ruhte, da war es ihr, als sei dieser ein Engel, vom Himmel zu ihrer Rettung gesandt. Ihren Augen entfielen die Tränen in grossen Tropfen und sie sank mit einem lauten Aufschrei zu den Füssen des Fremden nieder, der sie lächelnd aufhob.
"Diesen Zeichen glaube ich," sprach er.
Das Mädchen erwiderte: "Gott lohne es Ihnen, wenn Sie nichts Uebles von mir denken. Gewiss! ich habe nicht gestohlen, ich bin nicht schlecht; ich bin nur ein armes, unglückliches geschöpf."
"Nun gut denn," erwiderte der junge Mann, der wieder an den Kamin zurückgetreten war, "man hat sich vorgenommen, für dich zu sorgen. Du sollst in die Garderobe einer vornehmen Dame kommen, natürlicherweise als ihre letzte Dienerin, denn ich kann mir denken, dass du nicht viel gelernt hast. Was man im Allgemeinen von einem Frauenzimmer verlangen kann, wirst du zu leisten vermögen; das Andere lernt sich bald, wenn man Lust und Liebe zu seinen Geschäften hat. – Hast du zufällig eine Sprache gelernt?"
"Etwas französisch," sagte das Mädchen, "in früher Jugend von meiner Mutter, die mit ihren Eltern von Frankreich eingewandert ist."
"Gut. – Man wird dich nachher in ein ordentliches Zimmer führen, du wirst dort anständige Kleider finden und morgen früh erhältst du neben der Adresse, an welche du dich zu wenden hast, einen Pass und eine Instruktion. Letztere wirst du eifrig studiren, auch dir genau merken, wie du von heute an heissest, denn du erhältst einen andern Namen, ferner, wo du früher gewesen bist, woher du gerade kommst, wer deine Eltern sind und dergleichen mehr. Lerne dies genau, denn man wird dich gewiss darüber examiniren. Verwisch deinen Namen und deine Vergangenheit aus deinem Gedächtnisse, es ist das für deine eigene Sicherheit notwendig. – Hast du mich genau verstanden?"
"Gewiss, gewiss!" entgegnete das Mädchen. "Aber womit kann ich meinen Dank ausdrücken, womit kann ich Ihnen, meinem Wohltäter, beweisen, wie sehr ich die unendliche Gnade anerkenne, die mich von einem fürchterlichen Leben zurück reisst, die mir erlaubt, anderen Menschen wieder frei in die Augen sehen zu dürfen?"
"Womit du mir danken kannst? – Das soll dir nicht verborgen bleiben," versetzte der junge Mann mit ruhigem Tone. "In deiner Instruktion wirst du eine andere Adresse finden, eine Hausnummer, den Namen eines Mannes, zu welchem du dich anfänglich in der Woche einmal zu begeben und dem du alle fragen, die er dir stellt, mit der vollsten Wahrheit zu beantworten hast. Er wird zum Beispiel wissen wollen, wann deine neue Herrin ausgeht, wohin sie geht, wer zu ihr kommt, was sie zu haus macht, an wen sie schreibt und dergleichen mehr. Auch wird dir jener Mann zuweilen einen Auftrag geben, den du pünktlich zu erfüllen hast."
Die Rede machte auf das Gemüt des Mädchens sichtlich einen niederschlagenden Eindruck; sie atmete tief auf, schaute dann zu dem gesicht des vor ihr Stehenden empor, und als sie auf demselben keine Spur von Scherz, sondern den tiefsten Ernst erblickte, liess sie ihren Kopf auf die Brust herab sinken.
"Mein Wunsch mag dir hart erscheinen," fuhr er fort, "aber ein Dienst ist des andern wert, und was ich dir gebe ist mehr, als was ich von dir verlange. Du hast aber noch die Wahl, sage Nein und du sollst ungehindert zurückkehren in das Zimmer, wo du gewesen, zu der Gesellschaft, die du soeben verlassen."
Er erwartete eine Antwort, da diese aber nicht erfolgte, sondern das Mädchen eifrig mit dem kopf schüttelte, so sprach er mit erhobener stimme und feierlichem Tone, indem er dicht vor sie hintrat: "Wohlan denn! Willst du die Bedingungen eingehen, die ich dir vorgeschlagen, so reiche mir die Hand und sage: ich schwöre bei Gott, der mich strafen soll, wenn ich meinen Schwur breche."
Das arme geschöpf zuckte zusammen, blickte zweifelnd um sich und darauf in das Gesicht des ernsten Fragers. Als sie aber sah, wie trotz der finstern Worte seine Züge freundlich waren und sein Auge sie mit Teilnahme betrachtete, als sie sich die Schilderung zurückrief, die er ihr von dem Leben gemacht, welches sie mit dem Harfenmädchen führen würde, und als sie an die vergangenen Tage dachte, an das Haus, aus welchem man sie als Diebin verstossen, da schrak sie zusammen, blickte scheu hinter sich, als verfolge sie Jemand, und indem sie sich dem jungen mann hastig entgegen warf, reichte sie ihm die Hand und sagte: "Ich schwöre es!" –
Doch war in den letzten Tagen, namentlich aber an dem heutigen Abend zu viel Entsetzliches auf das Herz des bis jetzt so unerfahrenen Mädchens eingestürmt; ihre Kraft verliess sie, sie sah das Feuer des Kamins vor ihren Augen hoch emporlodern, dann fühlte sie, wie sie in die Kniee sank, worauf sich dichte Schleier um ihr Haupt zu